„Jagdprämie“ für Kartoffelkäfer: 1946 sammeln Kinder in Erharting maasenweise Schädlinge

Kartoffelkäfer nagen an einem der wichtigsten Lebensmittel der Nachkriegszeit. Wer dem Schädling den Garaus machte, strich eine Prämie ein.
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Kartoffelkäfer nagen an einem der wichtigsten Lebensmittel der Nachkriegszeit. Wer dem Schädling den Garaus machte, strich eine Prämie ein.

Nach dem Krieg waren Grundnahrungsmittel knapp. Um die Ernte zu schützen, setzte die Gemeinde ein Kopfgeld auf Kartoffelkäfer aus: ein Pfennig pro Tier. Die Sammelwut der Kinder brachte schließlich die Gemeindefinanzen in Bedrängnis.

Erharting –Die coronabedingten Einschränkungen ließen zuletzt keinen geordneten Schulunterricht für viele Kinder zu. Für die meisten Eltern war dies eine zusätzliche Belastung zu den oftmals parallel einhergehenden Problemen im beruflichen Alltag. Unterricht aus dem Homeoffice stößt wegen fehlender digitaler Ausrüstung oder wenig leistungsfähiger Onlineverbindungen gelegentlich an ihre Grenzen.

Zustände wie nach dem Krieg

Mit ähnlich gravierenden Unterrichtsproblemen waren auch die Schulkinder nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Die allgemeine Versorgungslage wirkte sich nicht nur auf Konsumgüter aus, sondern auch auf individuelle Bereiche wie etwa das Schulwesen. War das Bildungsangebot schon während der letzten Kriegsjahre durch vermehrte Unterrichtsausfälle stark eingeschränkt, sollte sich diese Entwicklung durch vielerlei Mängel an den simpelsten Unterrichtsmaterialien spürbar niederschlagen. So fehlten an der Erhartinger Schule die einfachsten Hilfsmittel zur anschaulichen Unterrichtsgestaltung. Unter anderem waren keine Wandtafeln für die Klassenräume vorhanden.

Die Not beschreibt ein Artikel in den Mühldorfer Nachrichten, erschienen am 17. August 1951: „Mit unermüdlichem Eifer ist Lehrer Hans Bittel an der Arbeit, an unserer Volksschule die Schäden und Mängel zu beseitigen, die sie während einer langen Krisenzeit hinnehmen musste. Elternschaft, Bürgermeister und Gemeinderat unterstützen verständnisvoll diese Bemühungen. Der Gemeinderat beschloss angesichts der angespannten Haushaltslage, die Beschaffung wenigstens einer neuen Tafel zu ermöglichen, obwohl drei Wandtafeln erforderlich wären“.

Wenn möglich verlegten die Lehrkräfte Unterrichtselemente wie Heimat- oder Naturkunde ins Freie, um den Kindern die Flora und Fauna auf den Feldern und Wiesen näherzubringen. Neben den Getreidefeldern prägten damals vor allem Kartoffeläcker die Landschaft. Das seinerzeitige Grundnahrungsmittel wurde oft von Kartoffelkäfern heimgesucht. Der erwarteten Ernte wurden somit oft Schäden zugefügt, für die Nachkriegsversorgungslage eine Katastrophe.

So entstand die Idee, die Schulkinder zum Kartoffelkäfer sammeln einzusetzen, um nicht mit chemischen Mitteln vorgehen zu müssen. Diese waren teuer und nach heutigen Erkenntnissen nicht umweltfreundlich.

1951 beschloss der Erhartinger Gemeinderat eine Prämie von einem Pfennig (circa 0,5 Cent) pro abgeliefertem Kartoffelkäfer zu vergüten. Teils 600 Mark (circa 300 Euro) pro Woche sammelten die Kinder so.

Selbst Kinder, die aufgrund eines ärztlichen Attests wegen körperlicher Schwäche von den Pflichtsammlungen der Schule bisher ausgenommen werden mussten, lieferten ansehnliche Sammelergebnisse. Der Eifer der Kinder brachte die Gemeindefinanzen zusätzlich in Schwierigkeiten, sodass die Verwaltung eine Abschaffung der „Jagdprämie“ in Erwägung zog, dann aber wieder verwarf.

Ein Pfennig pro Kartoffelkäfer, das erscheint nach heutigen Gesichtspunkten als ein mühsames und zugleich unwirtschaftliches Geschäft. Bei 100 Käfern bekam man eine Mark, in den 50er-Jahren eine immense Summe.

Aber die Erhartinger Schulkinder investierten nicht in die ortsansässigen Kramereien, sondern bewiesen einen pädagogischen Weitblick zu ihrer schulischen Fortbildung. Sie stellten einen erheblichen Anteil ihrer Kartoffelkäferfangprämie für die Anschaffung der noch fehlenden Wandtafeln für die Klassenzimmer zur Verfügung.

Kinder investieren in ihre Schule

Diese uneigennützige Geste ist umso höher zu bewerten, denn in diesen Nachkriegsjahren mussten vor allem die Kinder noch auf vieles verzichten, was heute selbstverständlich ist. Die Tafeln kamen nicht nur ihnen selbst zu Gute, sondern dienten vielen nachfolgenden Schülerjahrgängen als unentbehrliches Hilfsmittel beim Lernen fürs Leben. So gesehen also eine wahre Heldentat. bil

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