Kritik an Söder

Impfzwang für Pflegekräfte? Ein schlechtes Signal, findet eine Pflegedienstleiterin aus Neumarkt

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Die Pflegedienstleiterin Sylvia Wegner.
  • Josef Enzinger
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„Wir arbeiten seit Monaten auf Anschlag!“: Eine Pflegedienstleiterin interpretiert den Vorschlag von Ministerpräsident Markus Söder als fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit. Sie wünscht sich mehr Respekt gegenüber den Pflegekräften, die tagtäglich ein gewaltiges Arbeitspensum stemmen. Und das seit Monaten.

Neumarkt-St. Veit – Eine allgemeine Corona-Impfpflicht haben Bund und Länder bislang ausgeschlossen. Doch sorgt die Äußerung des bayerischen Ministerpräsident Markus Söder für Aufregung, über einen Zwang für Pflegekräfte nachzudenken. Der Ethikrat sollte sich mit dieser Frage beschäftigen. Alleine die Idee treibt Mitarbeiter im Pflegebereich auf die Barrikaden. Eine davon ist die Neumarkter Stadt- und Kreisrätin Sylvia Wegner, die sich einem Zwang widersetzt: „Das hat nichts mehr mit Wertschätzung unserer Arbeit zu tun!“

Nur ein Viertel will sich impfen lassen

Wegner ist Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes in Neumarkt-St. Veit und koordiniert auch das Pflegenetzwerk im nördlichen Landkreis. Sie selbst beschäftigt 16 Mitarbeiter, zwölf davon in der Pflege „und von denen sind nur drei dazu bereit sich impfen zu lassen“. Nicht etwa, weil die Pflegekräfte skeptisch wären ob der Sicherheit des Impfstoffes. „Bei vielen Beschäftigten ist es auch Protest. Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen!“

Ministerpräsident agiert unsensibel

Als unsensibel geißelt sie Söders Vorschlag. Zumal die Neumarkterin in den vergangenen zehn Monaten Akkordarbeit geleistet habe. „Ich stehe aktuell täglich elf Stunden an der Front. Eigentlich ist es meine Aufgabe, die Pflegekräfte zu koordinieren. Aber aufgrund des Mangels muss ich selbst raus.“

Woran liegt es? „Weil uns in den vergangenen Monaten reihenweise die Mitarbeiter ausgefallen sind, die sich wegen eines Kontaktes mit einem Corona-Infizierten in Quarantäne zu begeben hatten.“

Was Wegner dann besonders gestört hat: Lange Wartezeiten für Testungen, keine Informationen über das Ergebnis, „man musste selbst nachtelefonieren, um das Testergebnis abzufragen. Eine vorzeitige Entlassung aus der Quarantäne? „Hat das Gesundheitsamt abgelehnt!“, so Wegner.

Ambulante Pflege als Alternative zum Seniorenheim

Das Problem: Die Zahl der Patienten hat sich in den vergangenen Monaten stetig erhöht, weil viele Familien die ambulante Pflege als Alternative zum Seniorenheim gewählt hatten. „Alleine schon aus dem Grund, weil die Angehörigen im Seniorenheim nur ein eingeschränktes Besuchsrecht haben.“ Meldungen von Corona-Infektionen in Seniorenheimen würden darüber hinaus vor einem Umzug ins Heim abschrecken, „wobei es in vielen Fällen auch einen Aufnahmestopp gegeben hat. Wegen Corona wurden zuletzt keine neuen Bewohner aufgenommen.“

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Und was jetzt noch hinzu gekommen ist: Homeschooling. „Ich habe Mitarbeiter, die müssen sich auch um ihre Kinder kümmern!“ All diese Faktoren habe die Politik nicht bedacht in ihren Entscheidungen. Die knapp 1600 Euro Pflegebonus habe man dankbar angenommen. Doch Nachbesserungen seien danach keine erfolgt.

„Was mit uns passiert, das passt auf keine Kuhhaut“

Ihr Vorwurf: Die Pflegekräfte, die das System am Laufen hielten, würden nicht wertgeschätzt. „Was mit uns passiert, das passt auf keine Kuhhaut“, findet Wegner, die sich zur Fürsprecherin all ihrer Kollegen gemacht hat. Weil sie nämlich eines befürchtet: „Pflegekräfte suchen sich einen neuen Job, weil sie einfach nicht mehr können und woanders vielleicht auch mehr verdient wird!“ Oder, noch schlimmer: „Junge Menschen werden abgeschreckt, verzichten von vorneherein darauf, sich in einem Pflegeberuf ausbilden zu lassen!“, warnt Wegner.

Erfahrungen anhören, um es zukünftig besser zu machen

Dass die Pandemie viele vor große Herausforderungen stellt, sei ihr bewusst. „Ich möchte auch gar nicht die Arbeit im Gesundheitsamt schlechtreden. Aber man sollte sich unsere Erfahrungen anhören, um es zukünftig besser zu machen!“ Denn eines sei sicher: „Die Pandemie wird uns noch länger beschäftigen, das Virus wird uns bleiben!“ Und da bedürfe es an guten Konzepten.

An Ausstattung hat es nicht gemangelt

Immerhin: An Ausstattung habe es nie gemangelt. Schutzkleidung, FFP2-Masken und seit einigen Wochen auch kostenlose Schnelltestes, in diesen Punkten sei das Gesundheitsamt sehr rührig, sagt Wegner. Und auch die Situation in den Heimen habe sich mittlerweile entspannt. Es gibt laut Wegner bereits Heime, die wieder Senioren aufnehmen. Das würde die Pflegedienste entlasten. „Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir nach wie vor einen Notstand haben. Und dieses Problem sollte die Politik ernst nehmen!“ Und zwar jetzt schon und nicht erst, wenn die Lage wieder eskaliert.

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