Eine Neumarkterin mit 9 Kindern nimmt die Coronakrise gelassen – uns erzählt sie, wie's klappt

Schule dahoam:Die Kinder von Carola und Florian Bartl organisieren sich weitgehend selbst, Klein und Groß arbeiten sehr strukturiert, sagt die Mama. Egal ob am Laptop oder beim Puzzeln. Von links im Uhrzeigersinn: Viktoria, Elisabeth, Katharina, Philipp, Alexander, Bettina und Sophie. Bartl
+
Schule dahoam: Die Kinder von Carola und Florian Bartl organisieren sich weitgehend selbst, Klein und Groß arbeiten sehr strukturiert, sagt die Mama. Egal ob am Laptop oder beim Puzzeln. Von links im Uhrzeigersinn: Viktoria, Elisabeth, Katharina, Philipp, Alexander, Bettina und Sophie.

Das Trampolin im Garten, die Ersatzschule im Esszimmer und bei Regen hilft die Wii. Die Familie Bartl ist bislang gut durch die schulfreie und kindergartenlose Zeit gekommen. Unverständnis zeigt die Mutter nur, wenn sie unter den Panikkäufen anderer leidet.

Neumarkt-St. Veit – Die Eheleute daheim, beide im Homeoffice. Dazu schulpflichtige Kinder, die aufgrund der Corona-Beschränkungen zu Hause an Tablet und PC pauken müssen. So manchem fällt nach vier Wochen in dieser Konstellation die Decke auf den Kopf. Wie mag es sich erst anfühlen, wenn in einem Haushalt elf Personen unter einem Dach wohnen?

 Die Familie Bartl aus Neumarkt-St. Veit kann davon ein Lied singen: Neun Kinder haben Carola und Florian Bartl – vom Säugling über das Kindergarten- und Schulkind bis zur Abiturientin sind fast alle Altersgruppen vertreten. Doch Lagerkoller? Carola Bartl verneint dies. „Der ganz normale Wahnsinn!“, verkündet sie mit stoischer Gelassenheit. „Ich bin den Trubel ja gewohnt!“

Heilfroh über das Trampolin im Garten

Schule zu, Kindergarten geschlossen – die Kinder sind zum Daheimbleiben verdonnert. „Da bin ich heilfroh, dass wir unser Trampolin haben“, atmet Papa Florian nach seiner Erfahrung von sechs Wochen schulfreier Zeit auf. Die Kinder können sich so draußen im Garten austoben. „Gottseidank spielte bis jetzt auch das Wetter mit“, fügt Mama Carola hinzu, „das macht das Ganze natürlich einfacher, weil die Kinder raus können.“ Acht ihrer neun Kinder leben in ihrem Einfamilienhaus in Neumarkt-St. Veit. Der zweitälteste, Maximilian, 18, ist bereits ausgezogen, weil er andernorts gerade eine Ausbildung zum Hotelfachmann absolviert. „Er sitzt aber gerade auch nur bei sich daheim. Wegen Corona“, erzählt Carola Bartl.

+++Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren! +++

Einen großen Haushalt zu managen – das ist Carola Bartl ja gewohnt. Die zusätzliche Betreuung ihrer Kleinsten, die vormittags eigentlich den Kindergarten besuchen oder die Schulbank drücken, verlangt allerdings Einiges von ihr ab. Katharina (14), die die 7. Klasse der Mittelschule besucht, die elfjährige Bettina, die in Vilsbiburg in die 5. Klasse der Realschule geht, und der neunjährige Alexander noch Grundschüler ist (3. Klasse) würden zwar brav ihre Aufgaben erledigen, die ihnen die Lehrer digital zur Verfügung stellen. „Aber natürlich gibt es immer wieder Nachfragen von den Großen. Und ich habe dann das ein oder andere dann zu erklären.“

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck ist Pate

Gleichzeitig aber wollen ihre Kleinsten bespaßt werden. Die vierjährige Elisabeth Charlotte –für das siebte Kind der Familie hatte Bundespräsident Joachim Gauck seinerzeit die Ehrenpatenschaft übernommen – vermisse ihren Kindergarten und ihre Freunde. „Sie ist ziemlich clever und fordert ständig Input“, lacht die neunfache Mutter. Schwung- und Schreibübungen mit dem Stift seien aktuell sehr gefragt.

Den Kindergarten hat zwar die zweijährige Viktoria noch vor sich – sofern die Kindergärten im September auch öffnen – doch daheim fordert das quirlige Töchterlein in einem fort ungeteilte Aufmerksamkeit ein. Die muss sie sich aber auch mit dem erst drei Monate alten Nesthäkchen, Ludwig, teilen.

Kein Verständnis für Panikeinkäufe

Klar können sich die Bartls auf die älteste Tochter Sophie verlassen oder den 16-jährigen Azubi Philipp, wenn es darum geht, noch schnell etwas einzukaufen oder Unterstützung bei der Kinderbetreuung notwendig wäre. „Aber unsere Älteste ist gerade voll im Lernstress. Sie konzentriert sich auf ihr Abi. Lernt von früh bis spät. Da bleibt für die Familie wenig Zeit“, hat die Mutter vollsten Verständnis.

Das könnte Sie auch interessieren: Schule trotz Corona-Krise –Youtuber Rezo kritisiert Schulöffnung

Als Erziehungsberechtigte muss sie die Corona-Krise immerhin nicht alleine durchstehen. Ihr Mann ist ihr da eine wertvolle Stütze. Denn seit Mitte März steht die Produktion seines Arbeitgebers BMW in Dingolfing, „ich hab damit eine helfende Hand mehr zu Hause.“ Carola Bartl ist froh darüber, da ihr Mann gleich zur Stelle ist, wenn die Wocheneinkäufe aus dem Auto zu räumen sind. Und dafür muss er oft zwischen Fahrzeug und Küche rennen. Denn die Mengen sind groß, wenn man die Aufgabe hat, jeden Tag zehn Personen im Haushalt satt zu kriegen. „Was bei anderen als Hamstern angesehen wird, ist bei uns ein ganz normaler Wocheneinkauf!“, kommentiert Carola Bartl das aus ihrer Sicht unverständliche Einkaufsverhalten, das die Corona-Krise provoziert habe. „Schwierig wird es, wenn wegen dieser Panikeinkäufe die Lebensmittelausgabe rationalisiert wird. Wenn ich nur noch zwei Päckchen Nudeln pro Einkauf bekomme, dann reicht das noch nicht einmal für ein Gericht!“ Bis zu vier Päckchen hat sie zu kochen, um den Hunger aller zu stillen, zwei Kilo Hackfleisch benötigt sie, wenn Spaghetti Bolognese auf der Speisekarte steht.

Die Mutter zieht das Positive aus der Krise

Bisher habe sie immer noch alle Lebensmittel bekommen, von leeren Regalen sei sie kaum betroffen gewesen. „Mit Toilettenpapier hatten wir uns rechtzeitig eingedeckt“, schmunzelt sie, betont dabei, dass sie sich von der Einkaufshysterie durch Corona nicht habe anstecken lassen.

Und doch berichtet sie von einem Engpass: Windeln für den Kleinsten. In zwei Geschäften ausverkauft, „der dritte Laden hatte dann noch welche“. Und Babynahrung? „Das trifft mich nicht so schlimm. Der Kleine wird ja noch gestillt!“

Coronavirus: DieZahlen in der Region Rosenheim, Mühldorf, Chiemgau und in Bayern

Während des gesamten Gesprächs macht Carola Bartl nicht den Anschein, dass die Situation alles von ihr abverlangen würde. Kein Wort davon, dass ein Haushalt mit zehn Personen allzu großen Stress bei ihr auslösen würde. „Ich kenne es ja auch nicht anders.“ Im Gegenteil: Sie zieht das Positive aus der Krise, erzählt von Beobachtungen, wie konzentriert und strukturiert ihre Kinder das Thema Schule organisieren würden. Ihre Beobachtung: „Sie sind keinem schulischen Druck ausgesetzt, können zwischendrin mal eine Pause einlegen, wenn sie eine für nötog halten. Sie arbeiten selbstständiger.“

Rückzugsort im Keller

Fällt den Kindern dann doch mal die Decke auf den Kopf, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, der Langeweile zu entfliehen: Rollerbladen zum Beispiel. „Aber immer in gebührendem Abstand zu anderen Personen“, darauf legt Carola Bartl großen Wert. Auch der Wald ist in nur zehn Minuten Fußmarsch zu erreichen. Und sollte das Wetter doch einmal nicht mitspielen, „dann haben wir immer noch die gute alte Wii mit ihren Sportprogrammen.“

Ihr Mann geht zum Sport lieber raus in die Natur, wenn es ihm zuviel werde sollte. Sie selbst nutzt den Rückzugsort im Keller, meistens zum Lesen: „Da ist unser Schlafzimmer während die Kinder im ersten Stock ihr Reich haben.“ Diese räumliche Trennung sei sehr viel Wert.

Auch wenn die Abschlussschüler ab nächster Woche wieder in die Schule gehen dürfen. „Bei den Fünft- und Siebtklässlern wird das wohl noch eine Weile dauern“, befürchtet Carola Bartl. Es sei ihrer Meinung nach eher noch ihre Drittklässlerin, die den Schulranzen wieder umschnallen dürfte, schließlich gehe es bei ihr nächstes Jahr um den Übertritt. Ansonsten heißt es: Durchhalten – so lange die Krise jetzt auch noch dauern möge. „Uns bleibt ja nichts anderes übrig!“

Familien benötigen in der Krise eine feste Tagesstruktur

„Es ist erstaunlich ruhig“, findet Gabriela Blechta von der Fachdienstleitung der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Mühldorf. In den vergangenen sechs Wochen der Ausgangsbeschränkung wegen Corona habe es kaum Anrufe bei der Beratungsstelle der Caritas gegeben.

Das ist nicht selbstverständlich. Denn zur Ausgangsbeschränkung, die wegen der Corona-Krise viele Familien zum Daheimbleiben zwingt, sei es gut möglich, dass sich zum Lagerkoller existenzielle Angstsituationen ergeben können, auch das gesundheitliche Befinden könne zu Stress führen. Doch Blechta spricht auch von Entschleunigung, vor allem bei den Schülern, die in den vergangenen Wochen eingetreten sei. „Schüler haben wegen der verordneten Schulschließung aktuellen keinen großen Leistungsdruck.“

Problem bei Scheidungskindern

Stresssituationen generell, besonders auf engstem Raum, seien davon abhängig, wo man lebt. „Bei uns auf dem Land ist das etwas anderes als in der Großstadt, wo Menschen mit beengten Wohnverhältnisse klar kommen muss und kaum Möglichkeiten hat, in die Natur zu entfliehen.“

Das größte Problemfeld sieht Blechta aktuell bei Scheidungskindern. Sie berichtet von Fällen, dass Elternteile wegen der Corona-Krise zum Teil über viele Wochen ihre Kinder nicht zu Gesicht bekommen hätten. Sie bezieht sich außerdem auf Erfahrungswerte, dass Personen, die zu Depressionen neigten, in der Zeit von Corona noch weniger dazu in der Lage seien, die Beratungsstelle zu kontaktieren, überhaupt den Hörer in die Hand zu nehmen, um Hilfe anzufordern.

Chance des Familienlebens nutzen

Bezüglich der Corona-Krise sei klar: Wo Eltern und Kinder über Wochen hinweg auf engstem Raum leben müssen, können Meinungen kollidieren, Auseinandersetzungen eskalieren. Die Beraterin hebt allerdings die positiven Seiten hervor, die sich durch die Corona-bedingte Nähe zwischen Eltern und Kindern ergeben können. Sie appelliert daran, die Chance zu nutzen. „Die Familiengemeinschaft wächst, das Leben in der Familie gerät wieder verstärkt in den Fokus.“ Eine unglaublich wertvolle Zeit, die sich da anböte.

Um den Familienfrieden zu wahren, wenn die Corona-Krise keine Lockerung der Einschränkungen zulässt, hat Blechta einige Ratschläge.

• Verständnis aufbringen: Besonders gegenüber Heranwachsenden, die ihre Freunde vermissen und deren Gefühle vielleicht gerade Achterbahn fahren. Wenn es trotzdem zu Spannungen kommen sollte: „Dann sollten sich die Eltern fragen, ob das Timing passt, Konflikte wirklich jetzt auszugetragen. Man sollte sich nicht an Kleinigkeiten aufarbeiten.“ Wenn auf der anderen Seite jedoch Absprachen gut klappen, „dann sollte man eine positive Rückmeldung geben“.

Feste Tagesstruktur: Aufstehen, Frühstück, Schule und Lernen. „Das alles ist schließlich kein Dauerurlaub“, meint Blechta, dies müssten Schüler auch verstehen. Ein Plan, gut sichtbar für alle lesbar, kann helfen, den Tag zu organisieren und zu visualisieren.

Kontakte aufrecht erhalten: via Telefon oder über die digitalen Medien. „Solche Kontakte, ob zu Freunden oder zu den Großeltern sollten aktiv in den Tagesablauf eingebunden werden.“

Ansprüche runterschrauben: Das erzeuge schließlich nur Druck im ohnehin schon bestehenden Ausnahmezustand. Stattdessen solltem Eltern den Kindern Orientierungshilfen an die Hand geben.

Regeln aufstellen: Besonders wichtig, wenn beide Elternteile zu Hause im Homeoffice arbeiten. Es muss klar kommuniziert sein, dass die Arbeitszeiten zu respektieren sind. Eltern sollten aber auch im Homeoffice nicht stur auf ihre berufliche Tätigkeit fixiert ein, sondern abwechselnd feste Ansprechzeiten schaffen, sollten Kinder zwischendrin Ratschläge, etwa bei den schulischen Aufgaben, benötigen.

Stresslevel niedrig halten:In Familien sind Rückzugsorte wichtig für Auszeiten, um Ruhe zu finden. Sport, wo immer es geht, sorgt für Ablenkung. „Und für die Kleinen gibt es im Wald viel zu erforschen.“ Jugendliche setzen sich auch gerne Kopfhörer auf, andere lesen oder kommunizieren über digitale Medien. Blechta empfiehlt: Bei der Nutzung von digitalen Medien sollten Eltern großzügig sein, „es ist die einzige Möglichkeit für die Kinder und Jugendlichen, auch visuell Kontakt zu ihren Freunden zu halten“.

Selbstfürsorge: Eltern müssen keine Ersatzlehrer sein, müssen auch auf sich selbst schauen. Sie sollen sich die Zeit für sich nehmen, zum Joggen, zum Radfahen oder sich eine Tasse Kaffee und Tee gönnen.

Die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Mühldorf der Caritas Mühldorf ist am Kirchplatz in Mühldorf zu finden. Die Beratung kann werktags von 8.30 bis 16 Uhr in Anspruch genommen werden, Telefon 08631/3763-30 gerne auch via E-Mail unter eb-muehldorf@caritasmuenchen.de oder im Internet unter www.caritas-nah-am-naechsten.de.

Kommentare