Die Gurke darf wieder krumm sein: Dank Corona bekommen regionale Produkte mehr Wertschätzung

Im hofeigenen „Genusshäusl“ wird das Gemüse erntefrisch angeboten. Nicole und Hans Huber setzen auf Regionalität und Nachhaltigkeit.Stettner
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Bei Familie Huber in Lohkirchen bekommt man das Gemüse und den Salat frisch geschnitten oder geerntet. Direkt vor der Haustüre haben die beiden ein Paradies für saisonales und regionales Gemüse geschaffen. Ungewöhnlich für die Betreiberin Nicole Huber – denn eigentlich ist sie Kriminalkommissarin.

Lohkirchen – Aktuell ist die 43-Jährige allerdings freigestellt. In ihrer Elternzeit hat sie den Schreibtisch mit dem Kartoffelacker getauscht, um ihrem Mann Hans – einem gelernten Landwirtschaftsmeister, der zu Hause einen Bauernhof mit Milchviehbetrieb hat – unter die Arme zu greifen. Dass sich da zwei gefunden haben, deren Herz im Einklang schlägt, merkt man, wenn sie über ihre Arbeit mit dem Gemüse sprechen.

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„Eigentlich“, so Nicole Huber, „haben wir am Anfang nur für uns das Gemüse und die Kartoffeln angebaut. Als unsere Freunde und Bekannten das mitbekommen haben, wurden die Anfragen immer mehr.“ 

Das liegt wohl auch daran, weil sie einen Weg fernab des konventionellen Anbaus beschritten haben. „Wir wollen auf unseren gesamten Flächen regenerative Landwirtschaft betreiben und haben angefangen uns dazu zu informieren und fortzubilden.“

Großen Spaß haben die Kinder der Lohkirchner Früchdal, die dem Gartenbauverein angehören, wenn es zum Kartoffelklauben auf den Acker der Hubers geht.

Junges Gras bringt Zucker in den Boden

Die Anbauweise basiert darauf, dass man die Nährstoffe im Boden ins Gleichgewicht bringen und das Bodenleben fördert, erklärt Huber. Der Boden soll ständig mit Pflanzen, am besten aus unterschiedlichen Familien, bewachsen sein. Auch im Winter. Damit soll die Fruchtbarkeit im Boden erhalten bleiben. Ein weiterer positiver Effekt ist die Steigerung des Wasserhaltevermögens, das wiederum weniger Erosionsschäden bedeutet, Düngemittel und Treibhausgase würden günstiger gebunden und gleichmäßig verbraucht. Gräser helfen dem Boden gebracht. „Mit jungem Gras als Kompost wird dann Zucker in den Boden gebracht. Dieser wiederum erhöht die Konzentration an Mikroorganismen.“

Der gute Ruf des Huber-Gemüses hat sich schnell herumgesprochen. Denn schon bald gab es den ersten Großauftrag: Die Betreiber des Gasthauses Eder in Habersam wollten „Ditta“, eine bestimmte Kartoffelsorte. „Festkochend und vor allem behalten sie ihre Farbe, werden nicht grau“. Die Hubers nahmen diese Herausforderung gerne an. Inzwischen schätzen viele weitere Kunden aus Nah und Fern die Kartoffeln aus dem Acker der Hubers.

Marktgärtnerei heißt das Konzept

Nach und nach haben sie sich dann entschlossen, weiteres Gemüse anzubauen und entsprechend zu vermarkten. Marktgärtnerei heißt dieses Konzept. Dabei wird vielfältiges Gemüse das ganze Jahr über dicht gepflanzt, um auf kleinem Raum große Ernteerträge zu erzielen. Anzucht, Pflege und Ernte finden per Hand statt. Die Förderung des Bodenlebens und Ausnutzen von günstigen Pflanzenpartnern sind wichtige Bestandteile des Anbausystems.

Die meisten Pflänzchen werden selber gezogen. Eigentlich gibt es fast das ganze Jahr über Gemüse. Beim Anbau setzen die Hubers auf saisonale Pflanzen.

Zwölf verschiedene Sorten Zwiebeln

Angebaut werden neben bekannten Gemüsesorten auch alte regionale und fast vergessene Sorten. Viele verschiedene Kartoffeln, bei denen die Knollen in allen Farben wachsen. Aber auch zwölf Sorten Zwiebeln haben sie im Bestand. Salate in allen Varianten. Kohlarten, die im Herbst und Winter munden, und auch rote Beete oder Mairübchen, die zum Rohverzehr geeignet sind, stehen zur Auswahl. „Wir wollen Besonderheiten anbieten, die man in keinem Supermarkt bekommt.“

Bauen, düngen und ernten wie im eigenen Garten

Allerdings: „Wir sind keine Biobauern, so die 43-Jährige, den Eindruck möchte ich aus Fairness und Respekt vor Betrieben mit Zertifizierung nicht erwecken“, betont Huber. „Wir bauen, düngen und ernten so, wie man es in seinem eigenen Garten zu Hause tun würde“, sagen Hans und Nicole Huber unisono, die ihre Pflanzen selber ziehen und die ausgepflanzten Sätze zeitlich staffeln. „Das garantiert, dass immer eine vielfältige Auswahl bereit steht. Unser Angebot ist klein und vielfältig. Und wenn es aus ist, dann ist es eben aus“, so Nicole Huber.

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Viele hiesige Landwirte betreiben Direktvermarktung

„Bei uns darf die Gurke noch krumm sein und die Kartoffeln sind ungewaschen – so wird es verkauft, wie es aus der Erde kommt und für den Geschmack am besten ist.“Einkaufen kann man eigentlich rund um die Uhr auf dem Hof. Dafür sorgt das eigens aufgestellte „Hottenberger Genusshäusl“ – ein Vermarktungskonzept, das mittlerweile viele landwirtschaftliche Betriebe für sich entdeckt haben und wo es neben den eigenen Angeboten noch weitere Waren, wie Mehl, Käse, Joghurt oder Eier von regionalen Anbietern zu kaufen gibt.

Verzweifelte Kunden nach Lockdown

Und auch wenn es etwas grotesk klingen mag: Die Regionalvermarkter profitierten von der Corona-Krise. Der Kunenkreis habe sich erweitert, bestätigt auch Nicole Huber. „Die größere Wertschätzung ist absolut spürbar!“, sagt die Hobby-Landwirtin, der unmittelbar nach dem erfolgten Lockdown ein besonderes Erlebnis widerfahren ist: Eine junge Frau war mit Tränen in den Augen zu ihr auf den Hof gekommen, weil es nirgends Mehl zu kaufen gab. „Die war richtig erschüttert“, erinnert sich Huber, die ihre Kontakte spielen ließ und schließlich das Produkt von einer hiesigen Mühle herbeischaffte. „Wir haben in der Region alles da. Wir haben gute Böden, können alles anbauen, haben eine regionale Wertschöpfung“, sie hofft, dass dieses Bewusstsein weiterhin in den Köpfen der Bevökerung bleibt.

Corona steigert die Wertschätzung

Das Bewusstsein in der Bevölkerung zu stärken –das beginnt schon bei den Kleinsten. Nicole und Hans Huber sind Mitglieder im Lohkirchner Gartenbauverein. Für beide ist es eine Selbstverständlichkeit, Kindern eine nachhaltige Landwirtschaft näher zu bringen. Diese dürfen oft auf den Hof kommen und Kartoffeln nachklauben oder für den Pflanzenflohmarkt selbst ihre Pflänzchen ziehen. Im Herbst wird Obst gepresst und natürlich darf der Saft auch gleich gekostet werden. Die beiden machen sich viele Gedanken darüber, was man den Kindern anbieten und wie man den Nachwuchsgärtnern, die Natur am Besten näher bringen kann. Umso mehr freut es sie dann, wenn sie mit ihrer Begeisterung für nachhaltigen Anbau und dem Sinn für Regionalität auch andere infizieren können.

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