Gottesdienste „to go“ in der Gemeinde Neumarkt-St. Veit/Töging

Im Umgang mit der Gemeinde ist die evangelische Pfarrerin Anke Sänger das sinnliche Erleben sehr wichtig. Kirche – die soll echt und zum Anfassen sein. Schließlich sei Gott doch Mensch geworden und nicht nur als Heiliger Geist über uns allen geschwebt.

Neumarkt-St. Veit– „Wenn das so wäre, könnten wir uns die christlichen Feste von Weihnachten bis Himmelfahrt sparen,“ glaubt Anke Sänger. Und nun die Kontaktsperre und das Abstandhalten. Für die evangelische Seelsorgerin der Gemeinde Neumarkt-St. Veit/Töging ist das eine schwierige Übung.

Händeschütteln ist tabu in diesen Tagen

Schon die Treppen hoch zur kleinen Neumarkter Friedenskirche wirkt die Begrüßung der fröhlich lächelnden Gemeindepfarrerin einladend, aber etwas unsicher. Händeschütteln ist tabu in diesem Tagen. Intimität mit der überschaubaren Gruppe an Gläubigen während im heimeligen, mit Holz ausgekleideten Kirchenraum, die sei ansonsten Usus. Im Gegensatz zu den Gottesdiensten in der größeren Töginger Kirche. „In Neumarkt mache ich Gottesdienst mit der Gemeinde, nicht für sie“, erklärt Anke Sänger, die sich durch die für sie sinnvollen Vorsichtsmaßnahmen im Corona-Shutdown daher in ihrem Schaffen besonders eingeschränkt fühlt.

Nicht, dass das kirchliche Miteinander jetzt vollkommen zum Erliegen gebracht wurde. Ganz im Gegenteil. Ostern habe sie eben – in zivil sozusagen – mit Familie, Kirchenvorstand und eben zufällig vorbeikommenden Spaziergängern vor der Kirche gefeiert. Anstatt Abendmahl gab es Brotzeittüten als „symbolische Wegzehrung“. +++ Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren! +++

Und weil Anke Sänger merkt, dass der Redebedarf in der Gemeinde gerade jetzt besonders groß ist, lässt sie am Sonntag nicht nur die Kirche offen, sondern ruft auch von sich aus die Menschen an. Um nachzufragen, wie es so geht in der Krise. „Die meisten haben eigentlich weniger Angst vor dem Virus oder den finanziellen Problemen. Der körperliche Kontakt zu Familie oder Freunden geht ab, gerade den Älteren.“

Man habe viel Zeit und Muße, um nachzudenken. Erinnerungen und Erlebnisse kommen plötzlich hoch, die der ein oder andere noch nicht verdaut habe. Eine schwierige Zeit, in der gerade ein Seelsorger da sein muss. Und natürlich: die Kirchen reagieren und suchen andere Wege. Viele von Anke Sängers Kollegen haben sich für Online-Gottesdienste entschieden. Das ist nicht so sehr die Sache der kontaktfreudigen Neumarkter Pfarrerin.

Anke Sänger hat sich für einen anderen Weg entschieden: Gottesdienste „to go“! Seit Wochen drückt sie jeden Sonntag den auf Kernbotschaften reduzierten Gottesdienst ab und legt die zu Röllchen zusammengebundenen Zettel vor der Kirchentüre zum Mitnehmen aus. Auch an der Kirchentüre hängt der Text aus. „Das sind zwar keine Thesen. Doch irgendwie im guten lutherischen Sinn“, lacht die kreative Kirchenfrau.

Spaziergänger können sich so die Gebete, Psalmen und Predigten einfach unterwegs oder zuhause in Ruhe durchlesen, darüber reflektieren. Den Menschen etwas an die Hand geben. Ganz sinnlich, ganz echt eben. Und damit das Ganze nicht nur in eine Richtung verläuft, können die Gläubigen auch noch ihre eigenen Gedanken auf ausgelegte Zettel schreiben und an ein eigens für die Corona-Zeit gebautes Holzkreuz vor der Kirche hängen. „Irgendwie gehört das dazu, rufen doch sonst auch während des Gottesdiensts manche Anwesenden einfach etwas in die Runde!“ Anke Sänger schmunzelt. Evangelische Gottesdienste seien eben freier in der Gestaltung. Auch, wenn der liturgische Ernst nicht abhandenkommen darf: „Die frohe Botschaft muss doch nicht in ein strenges Korsett gepackt werden, oder?“

Sechs bis sieben Röllchen pro Woche

Und wie sind die Reaktionen? Natürlich sei eine solche Form des Gottesdienstes nur in kleinem Rahmen möglich und sinnvoll. „Es passt zu unserer Gemeinde. Hier ist man ländlich geprägt, kennt einander.“ Die Menschen seien dankbar, dass die Kirche offen ist und ein Angebot für sie parat hat – auch wenn man nicht hingeht, ist sich Anke Sänger sicher.

Sechs bis sieben der Röllchen werden im Lauf der Woche eingesteckt. Aber auf die Zahl komme es nicht an. „Es ist eine völlig neue Art, in der Kirche etwas miteinander zu machen.“ Keine Frage. Corona werde vieles im Kleinen verändern. Gemeinschaft werde wichtiger und auf neue Weise gelebt. Was davon nach der Krise bleibt? Wer weiß. Vielleicht werden die Menschen noch aufmerksamer und kümmern sich wieder mehr um die Mitmenschen. Vielleicht probiert man auch weiterhin Neues aus, um Gemeinschaft zu leben.

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