Fußball – das Ding aus einer anderen Welt kam 1920 auch nach Neumarkt-St. Veit

Nicht nur Fußballer, sondern auch Schwimmer: Hans Wammetsberger (rechts) war der erste Spielwart der Fußballer, die 1920 eine eigene Abteilung gegründet haben. Das Foto von 1922 zeigt die jungen Herrschaften im Rottbad.
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Nicht nur Fußballer, sondern auch Schwimmer: Hans Wammetsberger (rechts) war der erste Spielwart der Fußballer, die 1920 eine eigene Abteilung gegründet haben. Das Foto von 1922 zeigt die jungen Herrschaften im Rottbad.

Fußball ist unser Leben – in Neumarkt-St. Veit gilt das schon seit 100 Jahren. 1920 jagten 22 Männer zum ersten Mal dem runden Leder hinterher. Bis dahin war es aber ein langer Weg, denn Fußball war zu dieser Zeit, ähnlich dem Fahrradfahren, eher ein Privileg der feinen Leute, es wurde zu Beginn hauptsächlich in Gymnasien gespielt.

Von Walter Jani

Neumarkt-St. Veit – Der Fußballsport schwappte zur Mitte der 1870er-Jahre von den Britischen Inseln in das Deutsche Reich und war anfänglich bei den Turnvereinen nicht gern gesehen. Dem in Braunschweig tätigen Gymnasiallehrer Konrad Koch ist es zu verdanken, dass diese Vorbehalte gegenüber dem Fußball Stück für Stück ausgeräumt wurden. Im Jahr 1875 schuf er ein erstes Regelwerk für die neue Sportart und gründete noch im selben Jahr an seiner Schule den ersten Fußballverein Deutschlands. Auch in Neumarkt a. Rott wurde 1875 Geschichte geschrieben und mit der Eröffnung des Bahnbetriebes für die Bürger ein Tor zur Welt geöffnet. Doch bis zum ersten Fußballspiel im kleinen Markt sollten noch weitere 45 Jahre ins Land ziehen.

„Fußball-Wettspiel“ tat sich anfangs schwer

Aber die Anzahl der Menschen, die nun auch gerne Fußball spielen wollten wuchs beständig. Im Laufe der 1880er Jahre entstehen in den Großstädten Berlin, Hamburg und Karlsruhe die ersten Vereine und man organisierte sich in Verbänden. In Neumarkt a. Rott wurde 1886 ein Turnverein gegründet, aber zunächst noch keine Fußballabteilung. Kein Wunder: Selbst in der Residenzstadt München entsteht erst am 25. April 1899 eine Fußballabteilung und zwar beim TSV 1860, ein Jahr später wird der Fußballclub Bayern München aus der Taufe gehoben.

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Spielvereinigung Mühldorf nimmt 1909 Vorreiterrolle ein

Der Siegeszug des Fußballs von den größeren Städten auf die vielen ländlich geprägten Gegenden Bayerns lässt aber noch auf sich warten. Turnvereine gibt es dort zwar schon, aber das sogenannte „Fußball-Wettspiel“ tat sich immer noch schwer. Erste Gründungen von eigenen Fußballvereinen oder Abteilungen in den bestehenden Turnvereinen waren eher selten, auch im Bereich des heutigen Landeskreises Mühldorf und seiner Nachbarlandkreise.

Vorreiter ist die Spielvereinigung Mühldorf, die 1909 gegründet wird. Aus Vilsbiburg wird berichtet, dass bereits seit 1913 auf der Anlage des Männersportvereins gekickt wird und der dazu nötige Lederball vom Sohn des hiesigen Spenglers Max Bartl gestiftet worden ist. Beim TSV Neuötting feierte man 1912 sein 50-jähriges Vereinsjubiläum und gründet zugleich eine Fußballabteilung.

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Unglücksfall trieb den Verein in den Ruin

Ob auch zu dieser Zeit innerhalb des Turnvereins Neumarkt a. Rott an die Gründung einer Fußballabteilung gedacht wurde, ist nicht überliefert. Das spielte auch keine Rolle mehr, denn im selben Jahr gerät der Verein durch einen Unglücksfall in seine bis dahin schwerste Krise: Im Fasching 1912 veranstalten seine Mitglieder einen sogenannten Tandl-Markt, in dem auch ein Kraftschlaghammer aufgestellt wird, bei dem man seine Kräfte testen konnte. Leider löste sich bei der Bedienung dieses Apparates ein Splitter und verletzte einen Zuseher am Auge schwer. Ohne eine passende Versicherung muss der Verein für den Schaden mit seinem gesamten Vermögen haften, geht 1913 Pleite – und wird aufgelöst. Und nur acht Wochen später beginnt der Erste Weltkrieg.

Nach dem krieg waren die meisten lange Zeit traumatisiert

Nach diesem verheerenden Krieg und den Folgen ist die Lust auf alles Sportliche zunächst sehr gering. Die wenigen Neumarkter Turner beginnen als kleine Gruppe innerhalb des Heimatbundes für Kunst und Geselligkeit. Einen neuen Turnverein zu gründen, wagen sie jedoch nicht. Erst als sich im Sommer 1920 der Gemeinderat mit dem zweiten Bürgermeister Karl Kuhn für eine Wiedergründung des Turmvereins einsetzt, kommt Bewegung in diese Sache.

Im Neumarkter Anzeiger werden am 15. August 1920 alle interessierten Damen und Herren zur Neugründung des Turnvereins in den Gasthof zur Post eingeladen. Erstmals wurde dabei neben einer Damenturnriege auch die Aufstellung einer Fußballmannschaft ins Auge gefasst.

Unter Xaver Saller nahm der Turnverein wieder an Fahrt auf

Als erster Vorsitzender des Turnvereins wurde Xaver Saller und als dessen Stellvertreter Josef Gregory gewählt. Das Amt des Kassiers erhielt Lorenz Bayer und zum Schriftwart wurde Otto Döring berufen. Für die sportlichen Belange erhielt Josef Stecher das Amt als Turnwart und für den Fußballsport wurde Hans Wammetsberger als Spielwart gewählt.

Erster Spielwart hieß Hans Wammetsberger

Am 21. August findet die erste Generalversammlung statt, die Anzahl der Mitglieder beträgt nun schon 78 Personen. Die eine Woche zuvor gewählte provisorische Vereinsführung wird von den Anwesenden in ihren Ämtern bestätigt. Zur weiteren Hilfe beim Aufbau einer Fußballmannschaft wird Josef Stumpf als Zweiter Spielwart berufen. Bei der Aufstellung der Statuten fand nur ein Punkt Anstoß und zwar der neue Taufname des Vereins. Statt des vorgeschlagenen Namens „Turn- und Spielverein Neumarkt a. Rott“ wird der alte Name „Turnverein Neumarkt a. Rott“ in die Statuten aufgenommen. Seitens der hiesigen Bevölkerung wartete man nun gespannt auf den ersten Auftritt einer Neumarkter Elf.

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