Erinnerungen an die gute, alte Zeit: Einst zählte Neumarkt-St. Veit elf Brauereien

Sudmeister Franz Xaver Wimmer steht am 5. April 1984 im Sudhaus und kümmert sich um den letzten Sud der Klosterbrauerei. Was vor knapp 350 Jahren mit den St. Veiter Mönchen begann, findet an diesem Tag sein Ende.
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Sudmeister Franz Xaver Wimmer steht am 5. April 1984 im Sudhaus und kümmert sich um den letzten Sud der Klosterbrauerei. Was vor knapp 350 Jahren mit den St. Veiter Mönchen begann, findet an diesem Tag sein Ende.

Wenn von Neumarkter Bier gesprochen wird, dann dreht sich stets alles um den Klosterbräu. Dabei gab es einst einige Brauereien mehr, die sich vor allem auf dem Marktplatz befunden haben. Der Historiker und ehemalige Stadtarchivar Walter Jani hat mal nachgezählt.

Neumarkt-St. Veit – Seit fast vier Jahrzehnten hat Neumarkt-St. Veit keine Brauerei mehr. Die Öffnung einer Neuen? So weit reichen die Planungen der beiden Neumarkter Richard Hirschberger und Hanjo Hellfeuer nicht. Aber sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Lücke zu füllen und ein eigenes Neumarkter Bier zu kreieren, das dann auch unter die Leute gebracht werden soll. Bei der immer wieder geäußerten Sehnsucht nach einem eigenen Neumarkter Gerstensaft fällt immer wieder auf: Es wird immer nur vom Klosterbräu zu St. Veit gesprochen. Doch hatte der Markt einige Brauereien mehr, die sich in erster Linie am Marktplatz befunden haben. Hobby-Historiker Walter Jani hat das recherchiert und kommt auf elf offizielle Brauereiwirtschaften, die es in Neumarkt einst gegeben hat.

Beginn im 15. und 16. Jahrhundert

„Man kann davon ausgehen, dass die ersten kleinen Brauereien im Markt Neumarkt im Laufe des 15. und 16. Jahrhundert gegründet worden sind“, berichtet Jani und verweist auf einen gewissen Hans Mayr – der erste nachweisbare Name eines Bierbrauers, den er im Handwerksbuch der Bäcker, eingetragen im Jahre 1601, gefunden hat.

Der Name André Liebl taucht bereits 1614 auf

Aus anderen Handwerksbüchern stammen die Namen Andrée Liebl (1614), Max Niesinger (1622) und Jakob Schneider (1625), die darin alle als „Bierbräuer zu Neumarkt“ bezeichnet worden seien. In den Sterbmatrikeln der Pfarrei St. Veit ist Jani ebenfalls fündig geworden: ein Johann Hermayr wird ebenso als Bürger und Bierbräu bezeichnet (1601 bis 1687) wie auch Paulus Niedermayr (1606 bis 1675). Nachweisbar sind noch die Brauer Georg Spänner (1607 bis 1660) und Christoph Auer (um 1605 bis 1668).

Strafe für schlechtes Bier: 1721 traf es alle acht Brauer im Markt

Im Laufe des 17. Jahrhunderts tauchen dann immer mehr Einträge über die „Bierpräuen“ des Marktes auf – allerdings nicht nur positive. Aus einem Gerichtsbuch von 1673 zitiert Jani, dass alle sieben ,Bierbräuen‘ in Neumarkt gestraft würden, 1721 seien es dann „alle acht“ in Neumarkt gewesen. Zur Erklärung: „Das Bier musste abgenommen werden, wurde einer Prüfung unterzogen. Gestraft wurden sie wegen schlechten Bierbrauens“, erklärt Jani. Es sind sogenannte Hausbrauereien, die den Beginn der Braugeschichte in Neumarkt prägten, deren Gastwirte das Braurecht für ihre jeweiligen Gasthäuser zugestanden wurde.

Nachweisbar sind ab dem 17. Jahrhundert sieben solche kleine Brauereien, deren Anzahl sich bis in das beginnende 19. Jahrhundert auf neun erhöhte. Ihre Lokalitäten befanden sich bis auf eine Ausnahme am Marktplatz, die Braustellen mussten aus Brandschutzgründen in sicherer Entfernung zu den Markthäusern liegen.

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Kurz vor dem ersten Weltkrieg waren es nur noch drei Brauereien

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, in dem viele neue Maschinen und Arbeitstechniken erfunden wurden, geht die Anzahl der Hausbrauereien dann allerdings zurück.

Im Repertorium des topographischen Atlasblattes von Mühldorf aus dem Jahr 1844 ist für Neumarkt von „acht Bräuhäusern“ die Rede. Dazu die zwei Weinwirtshäuser und zwei Bierwirtshäuser, wie Jani informiert.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts werden für Neumarkt drei Braunbierbrauereien, eine Weißbierbrauerei und zwölf Gastwirte genannt. Allerdings: Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg existierten in Neumarkt nur mehr drei Brauereien, die mit entsprechenden Investitionen ihren Braubetrieb den modernen Verhältnissen so weit wie möglich angepasst haben.

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Genossenschaft investiert viel Geld in die Brauerei am unteren Vormarkt

So hat zum Beispiel der Fruhmannbräu im Jahre 1872/73 im ehemaligen Herzoglichen Kasten eine neue Braustätte eingerichtet. Der Weindlbräu im unteren Vormarkt hat seine Brauerei 1913 an eine Genossenschaft verkauft, die den ganzen Betrieb vollkommen neu ausgestattet und erweitert hat.

Weißbierbrauerei in der Bahnhofsstraße

Eine Besonderheit war die kleine Weißbierbrauerei Kilger in der Bahnhofsstraße, die ab 1891 mit der Produktion von Weißbier begonnen hatte.

Die alte Klosterbrauerei befand sich in der damalig noch eigenständigen Gemeinde St. Veit, spielte aber wegen der knappen Entfernung zu Neumarkt eine große Rolle für die Versorgung mit Bier. Sie war nach der Säkularisation 1802 in Privathände gelangt und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Besitzer Otto Hertrich technisch auf den neuesten Stand gebracht worden.

Genossenschaft wurde 1999 Raub der Flammen

Mit dem Niedermeierbräu, dem Fruhmannbräu und dem Weißbierbräu Kilger während des Ersten Weltkrieges schließen die letzten Hausbrauereien in Neumarkt. Übrig geblieben sind nach dem Ende des Krieges nur die modernisierten Betriebe der Schlossbrauerei Hertrich in St. Veit und die 1913 neugegründete Genossenschaftsbrauerei in Neumarkt, die seit 1999 leersteht und erst vor einem Jahr ein Raub der Flammen wurde. Das Aus der Brauerei war schon vorher besiegelt. Das letzte Bild stammt vom 5. April 1984 mit Sudmeister Franz Xaver Wimmer. Um die katastrophale Wirtschafts- und Finanzlage in Deutschland zu überleben, beschließen die Firmenleitungen der beiden verbliebenen Brauereien in Neumarkt und St. Veit zusammenzuarbeiten. Im Vertrag vom 10. April 1923 verschmilzt die Genossenschaftsbrauerei mit der Schlossbrauerei Hertrich AG zur Klosterbräu St. Veit-Neumarkt an der Rott AG, ab 1935 Klosterbräu St. Veit AG.

Einstellung des Braubetriebes 1984

Fast 50 Jahre sollte es das Brauhaus noch geben, wobei in den 1960er- und 1970er-Jahren große Aktienpakete der Klosterbräu St. Veit den Besitzer wechselten und Eigentum der Paulaner-Brauerei in München wurden. Im Jahre 1978 gelang es ihr, die Mehrheit der Aktien der Klosterbräu St. Veit zu erwerben und damit den weiteren Kurs der Brauerei zu bestimmen. Das Ende der Klosterbräu St. Veit AG wurde durch einen Beschluss des Mehrheitsaktionärs eingeleitet, den Braubetrieb in Neumarkt-St. Veit ganz einzustellen und einen Teil der Brauereigebäude als Bierdepot der Paulaner-Brauerei zu verwenden. Als Termin der Einstellung des Braubetriebes wurde das Frühjahr 1984 bestimmt.

Mit der Auflösung der Aktiengesellschaft verschwindet auch der Name der Klosterbräus aus der öffentlichen Wahrnehmung – nicht aber aus dem Gedächtnis der Neumarkter.

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