Einen riesigen Krampus im Schlepptau

Erhartinger Heimatforscher erinnert sich: Früher verbreitete der Nikolaus die pure Angst!

Über den Heiligen Bischof aus Myra, der immer schon eine Respektperson war, weiß Leo Biermaier viel zu erzählen. Seit über drei Jahrzehnten geht er selbst als Nikolausdarsteller, in diesem Jahr sogar mit eigenem Bart, verteilt Lob und Tadel, am Ende aber auch immer ein Erinnerungsbild. Das waren in den vergangenen Jahren immer Bilder von Heiligen, in diesem Jahr wurde ein Bild einer Gönnerin, die die Erhartinger Heiligen gemalt hat.
+
Über den Heiligen Bischof aus Myra, der immer schon eine Respektperson war, weiß Leo Biermaier viel zu erzählen. Seit über drei Jahrzehnten geht er selbst als Nikolausdarsteller, in diesem Jahr sogar mit eigenem Bart, verteilt Lob und Tadel, am Ende aber auch immer ein Erinnerungsbild. Das waren in den vergangenen Jahren immer Bilder von Heiligen, in diesem Jahr wurde ein Bild einer Gönnerin, die die Erhartinger Heiligen gemalt hat.
  • vonLeo Biermaier
    schließen

Leo Biermaier blickt mit gemischten Gefühlen auf seine Kindheit zurück, wenn er an den Besuch des Nikolaus denkt: Über Drei-Meter-Krampusse mit funkensprühenden Augeen und einen Nikolaus mit verschlissenem roten Bademantel und Pappmaske.

Erharting – „Aber da pass auf wenn da Nikolo kimmt, da host Di g’waschn“. Diesen ominösen Ausspruch, den vor allem meine Großmutter verwendete, wenn ich nicht ihren erzieherischen Vorstellungen entsprach, verbreitete in meinen Kindertagen ein ungutes Gefühl. Im Frühling und Sommer war ihre Nikolausdrohung noch relativ gut zu verarbeiten, aber ab dem Spätherbst, als der Nikolaustag dann immer näher kam, steigerte sich meine Folgsamkeit doch um etliches.

Große Angst vor dem Eberhartinger Nikolaus

Als ältester von uns vier Geschwistern hatte ich zudem eine Vorbildrolle inne, was mir aber nicht immer leicht fiel. Wenn wir es wieder mal zu ungestüm trieben mit unserer Zankerei und Tratzerei rief das neben unseren Eltern auch die Großmutter auf den Plan. Zu guter Letzt mischte sich dann auch noch die „Nane Tant“, die unverheiratete Schwester der Großmutter, ein, indem sie kundtat sofort zum Nachbarn zu gehen und die für uns so beeindruckende Nummer des Nikolauses, nämlich die Nummer 10 000, anzurufen und ihm mitzuteilen was für ungezogene Bankerten wir wären.

-

+++ Mit der diesjährigen Weihnachtsaktion unterstützten die OVB-Heimatzeitungen das Haus Christophorus in Brannenburg. Hier finden Sie unsere Themenseite zur OVB-Weihnachtsaktion. Alle Informationen zur Aktion gibt es hier. Sie wollen für die OVB-Weihnachtsaktion spenden? Hier geht‘s zum Spendenformular. +++

Eltern haben die Bestrafung dem Nikolaus und dem Krampus überlassen

Wenn wir auch meistens ehrlich bemüht waren brav zu sein, so passierte doch immer wieder ein „dummes Missgeschick“, das nicht das Wohlwollen unserer erwachsenen Familienmitglieder fand. Weil sie uns nicht immer gleich selbst bestrafen wollten, schoben sie diese vermeintlich erforderlichen Sanktionen dem Nikolaus zu.

Bei beginnender Dämmerung trauten sich die Kinder nicht mehr nach draußen

Das hat Wirkung gezeigt: Schon die Wochen vor dem gefürchteten Nikolaustag trauten wir uns bei beginnender Dämmerung nicht mehr ins Freie, weil es hieß: „Da Nikolo is bestimmt scho umanand!“ Man kann sich vorstellen wie es an diesen Tagen mit einem erholsamen Schlaf ausschaute, denn auch in den Träumen erschienen die Gruselgeschichten, welche die alten Leute immer wieder erzählten.

Aus dem Volksmusikarchiv:

Lebenswünsche an den heiligen Nikolaus

Drei Meter große Krampusse mit funkensprühenden Augen

So zitierte die Großmutter, wenn wir besonders ungehobelt waren, den allseits berüchtigten „Eberhartinger Nikolaus“ mit seinen furchterregenden Krampussen, die angeblich drei Meter groß waren und wuchtige Hörner und funkensprühende Augen hatten. Dass es in ihren großen Säcken von unfolgsamen Kindern, wie wir es angeblich auch waren, nur so wimmelte, konnten wir uns lebhaft vorstellen. So kam der mit Bangen erwartete Tag immer näher und um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, meldete sich der gefürchtete Nikolaus schon am Vorabend mit einem schlimmen Gepolter an.

Das könnte Sie auch interessieren: Ganz nah am echten Nikolaus

Mit Kette und Rute gegen die Haustür

Mit Kette und Rute schlug er wie von Sinnen an die Haustür, klopfte am Küchenfenster, dass man glaubte die Scheiben würden zerbersten, und rief mit tiefverzerrter Stimme: „Morg’n kimm i und dann steck i eich olle in‘ Sack eini, fangt’s nur glei zum Bet’n o, vielleicht huift des!“

Natürlich versuchten wir mit tränenerstickter Stimme, wenigstens das Jesu Kindlein einigermaßen hinzubringen, das Vater Unser hätten wir vor lauter Angst eh nicht geschafft.

Lesen Sie dazu auch: Bräuche im Dezember – Wie in und um Erharting die Adventszeit gefeiert wurde

Maßregelungen bis auch das letzte Kind weinte

Als der für mich alles andere als Heiliger Mann dann an seinem Namenstag mit seinem finsteren Gesellen dem Krampus bei uns in der Küche stand, fand ein regelrechtes Strafgericht statt. Uns wurden so richtig die Leviten gelesen, und immer wieder die schmerzhafte Rute seines Knechtes. Mit tapfer Zuhören war es nicht getan, vortreten und beten hieß es dann und hatte man es bisher vielleicht geschafft nicht in Tränen auszubrechen, so polterte der in einen roten, zerschlissenen Bademantel gekleidete und mit einer verzerrten Gesichtsmaske aus Pappe auftretende „Würdenträger“ so lange weiter bis alle anwesenden Kinder Rotz und Wasser heulten.

Auch interessant: Für ein Stück Normalität in Zeiten von Corona – Nikolaus in Erharting kommt trotzdem

Für den Nachbarn war die kindliche Angst eine Mordsgaudi

Nachdem all diese aus heutiger Sicht schlimmen Situationen eingetreten waren, fand der Nikolausabend sein Ende. Noch lange, nachdem die beiden Gruselgestalten unser Haus verlassen hatten, trauten wir uns kaum laut reden.

In der Tat: Der Nikolaus in meiner Kinderzeit hatte nichts mit Vorfreude und leuchtenden Kinderaugen zu tun. Wie ich dann später erfahren habe, war der Nikolaus unser damals noch relativ junger Nachbar, für den unsere kindliche Ängstlichkeit eine Mordsgaudi war. Als ich dann vor über 30 Jahren selbst in das ehrenvolle Amt des heiligen Nikolaus berufen wurde, war für mich sofort und unumstößlich klar, „Kinder dürfen alles, nur keine Angst vor mir als Nikolaus haben!“

Kommentare