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Entwicklung zum Familienzentrum

Vor zwei Jahren wurde der Städtische Kindergarten zum Bewegungskindergarten zertifiziert. In den 20 Jahren seines Bestehens hat sich das Profil des Kindergartens stark verändert. Foto re
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Vor zwei Jahren wurde der Städtische Kindergarten zum Bewegungskindergarten zertifiziert. In den 20 Jahren seines Bestehens hat sich das Profil des Kindergartens stark verändert. Foto re

Heute vor 20 Jahren wurde der Städtische Kindergarten in Neumarkt-St. Veit eingeweiht.

Die Kindergartenleiterin Heidi Braun war von Anfang an dabei, hat die Entwicklung mitgeprägt und erzählt im Interview, was sich in der Kindererziehung in Betreuungseinrichtungen alles geändert hat.

∗ Es heißt immer: Früher war alles besser. Ist die Erziehung tatsächlich schwieriger geworden in den letzten 20 Jahren?

Es gibt Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, auch ADHS/ADS-Kinder. Aber die gab es schon immer, nur ist das Krankheitsbild mittlerweile anerkannt. Und das ist gut so, weil man jetzt ganz anders auf die Kinder eingehen kann bei der Suche nach Therapien. Die Unterstützung von außen ist intensiver geworden, damit kann man auch für die Eltern viel leichter Hilfsmöglichkeiten anbieten. Wichtig ist auch, dass die Frühförderung kein Tabuthema mehr ist. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit mit einer hohen Erwartungshaltung bei den Eltern. Das kann sich immens belastend auf Kinder auswirken.

∗ Die Altersgruppen waren früher überschaubarer. Sie betreuen jetzt aber auch schon Kleinkinder und Schüler. Wie haben sich die Zahlen entwickelt?

Als ich hier angefangen habe waren es 75 Kinder, letztes Jahr waren es mit den Hortkindern 155, heuer sind es 142. Vor 20 Jahren war es üblich, dass das Kind mit vier Jahren in den Kindergarten gekommen ist, manchmal auch erst mit fünf, also ein Jahr vor der Einschulung, was auch nicht immer einfach war. Schließlich geht es um die richtige Beurteilung, ob das Kind noch Förderung benötigt, um fit für die Schule zu sein. Mittlerweile kommen die Kinder schon mit drei Jahren und es gibt immer mehr Anfragen: Geht es auch schon mit zwei?

∗ Wie sehen Sie grundsätzlich die Entwicklung, dass Sie schon Kinder ab einem Jahr zur Betreuung bekommen, weil Eltern gezwungen sind arbeiten müssen?

Es ist zwar traurig, wenn die Entwicklung in diese Richtung geht. Aber: Wenn ich als arbeitender Elternteil die Zeit außerhalb der Arbeit dann umso intensiver dem Kind widme, dann lässt sich ganz gut vereinbaren. Wir haben viele Kinder im Haus, die schon mit zwei in den Kindergarten gekommen sind. Und wenn man dann sieht, dass sich das Kind gut entwickelt, dann haben wir nichts falsch gemacht.

∗ Vielleicht, weil man verglichen mit der Großstadt hier noch auf einer Insel der Glückseligen lebt?

Man hat es sicherlich leichter, doch das Umfeld hat sich generell verändert. Es gibt immer mehr berufstätige Eltern, aber weniger Angehörige, die bei der Erziehung und Betreuung unterstützend zur Seite stehen. Großfamilien mit Oma und Opa im Haus sind selten geworden. Viele Eltern sind komplett auf sich alleine gestellt. Die sind dann froh, wenn sie Kinder hierher bringen können. Wir haben uns vom Kindergarten in Richtung Familienzentrum entwickelt.

∗ Wie ist das zu verstehen?

Familien haben immer mehr Beratungsbedarf, sind verunsichert. Wann ist mein Kind in der Entwicklung auffällig? Wie kann ich darauf reagieren? Was mach ich in den Ferien? Könnt ihr mich unterstützen? Wenn Probleme im Raum stehen, das Jugendamt im Haus ist oder wenn es um die Kindergartenkostenübernahme von Alleinerziehenden geht - dann ist es wichtig, dass jemand vom Kindergarten mit dabei ist, dem die Eltern vertrauen.

∗ Hat sich das Anforderungsprofil von Erzieherinnen also verändert? Sehen Sie den Kindergarten heutzutage also bereits als Familienersatz?

Familien können wir nicht ersetzen, wollen wir auch nicht. Aber wir wollen unterstützen. Absolut. Und als Begleiter der Familie zur Verfügung stehen.

∗ Sie sind Bewegungskindergarten und es gibt Englischunterricht - daran war vor 20 Jahren noch nicht zu denken...

In Schulen wird schon in der dritten Klasse Englischunterricht angeboten. Warum also nicht auch schon im Kindergarten? Es ist ja nicht so, dass hier Vokabeln gelernt werden. Da wird auch nichts geschrieben oder auswendig gelernt, sondern wir führen die Kinder spielerisch an die englische Sprache heran.

∗ Thema Sprache: Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund hat zugenommen. Wie gehen Sie damit um, dass dann nur schwache oder keine Deutschkenntnisse vorhanden sind?

Es sind aktuell viele Asylbewerberfamilien, deren Kinder kein Deutsch sprechen. Hier ist es wichtig, sensibel an die Sache heranzugehen und das Vertrauen der Eltern zu gewinnen. Wenn das nicht da ist, dann tun wir uns sehr schwer. Die Sprachschulung funktioniert dann auf die spielerische Art: Im Alltag werden verschiedene Situationen aufgearbeitet und so der Grundwortschaft gebildet. Viel hilft uns dabei das Projekt "Frühe Chancen", um den Kindern genügend Sicherheit im Alltag zu geben, damit sie sich wieder auf etwas Neues einlassen können.

∗ Welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis mit Inklusion?

Wir haben drei integrative Kinder verteilt auf drei Gruppen. Diese Art der Verteilung wirkt sich positv auf die ganze Gruppe auf. Ich will von einem Kind erzählen, das im dritten Jahr bei uns ist. Am Anfang konnte es nicht richtig gehen, kaum sprechen. Aber es hat sich gut entwickelt, wird akzeptiert, kann gut in Kontakt treten. Wenn diese Förderung in der Schule so weitergeführt wird, dann ist das Inklusion, wie man sie sich vorstellt.

∗ Nicht vergleichbar mit der Situation von 1994, oder?

Damals funktionierte Einzelkindförderung noch nicht so gut. Jetzt haben wir eine Krankengymnastin und eine Sportfachkraft. Und immer ist ein Austausch da, was wichtig ist für die Elterngespräche. Schließlich will man die immer optimal informieren.

∗ Ist schon im Kindergarten zu erkennen, dass sich die Kinder zu wenig bewegen?

Kinder werden mit dem Auto zum Kindergarten gebracht, was verständlich ist, denn für viele Elternteile geht es gleich weiter in die Arbeit. Man bekommt schon mit, dass Familien weniger Ausflüge unternehmen als früher. Ernüchternd sind die Erfahrungen aber mit Hortkindern, die nicht schwimmen können, obwohl sie vielleicht schon in der dritten Klasse sind. Dabei bedeutet Schwimmen lernen auch Sicherheit und Selbstbewusstsein. Hier gilt es die Eltern zu sensibilisieren, zu überzeugen. Für mich auch ein Beweggrund, warum wir mit dem Bewegungskindergarten den richtigen Weg eingeschlagen haben.

∗ 20 Jahre Kindergarten - die ersten Kinder von damals dürften mittlerweile selbst ihre Kinder bei Ihnen untergebracht haben?

Stimmt. Wir haben aber auch den Fall, dass ehemalige Besucher jetzt ihre Ausbildung bei uns machen. Das freut uns weil es doch auch zeigt: Die Leute waren zufrieden und identifizieren sich nach wie vor mit ihrem Kindergarten. je

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