Kein Schulstart am 10. Januar

Die Angst vor dem Bildungs-Lockdown: Neumarkter sorgt sich um die Zukunft seiner Kinder

Handwerk oder lieber Bürojob? Praktika helfen den Schülern zur Entscheidungsfindung. Wegen Corona sind die einwöchigen Exkurse von Schülern derzeit ausgesetzt. Eltern befürchten aber auch ein Bildungsdefizit.
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Handwerk oder lieber Bürojob? Praktika helfen den Schülern zur Entscheidungsfindung. Wegen Corona sind die einwöchigen Exkurse von Schülern derzeit ausgesetzt. Eltern befürchten aber auch ein Bildungsdefizit.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Abschlussschüler in der Realschule: Geht ein kompletter Jahrgang den Bach runter, weil wegen Corona die Bildung auf der Strecke bleibt? Außerdem fehlt den Schülern die Erfahrung durch Praktika. Ein Vater warnt vor den möglichen Konsequenzen.

Neumarkt-St. Veit – Kein Schulstart nach dem 10. Januar, Schüler müssen auch nach dem Wochenende weiterhin zu Hause lernen. Viele berufstätige Eltern stellt das vor Organisations-Probleme, mittlerweile melden sich aber auch welche zu Wort, die um die Schulbildung ihrer Kinder fürchten.

Gerade Mal drei Schulaufgaben geschrieben

„Ich habe wirklich langsam Sorge, dass ein kompletter Jahrgang den Bach runter geht“, warnt der Neumarkt-St. Veiter Florian Brand vor den Folgen der Einschränkungen, welche die Schüler wohl noch einige Wochen lang begleiten werden. Er ist Vater dreier Kinder. Seine Jüngsten, Zwillinge, besuchen die Übertrittsklasse. Sein Ältester die 9. Klasse der Realschule in Waldkraiburg. „Da geht es um was!“, sagt Brand, „doch vor dem Lockdown hat er gerade Mal drei Schulaufgaben geschrieben!“

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Wissenslücken durch Distanzunterricht

Brand beklagt, dass es in Zeiten von Corona keine Konzepte gibt, um die Jugendlichen auf das spätere Berufsleben vorzubereiten. Schon seit dem ersten Lockdown im März 2020 hätten sich große Wissenslücken aufgebaut.

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„Mit viel Einsatz und Schweiß hat man versucht, diese zu beseitigen, und jetzt geht das Ganze von vorne los!“, kommentierte Brand bereits im Dezember die Ankündigung zur Rückkehr in den Distanzunterricht. „Schulaufgaben sind abgesagt und berufsvorbereitende Maßnahmen wie Praktika, Bildungsmessen und Bewerbertrainings finden nicht mehr statt.“

Den Schülern fehlt die Lobby

Brand fragt sich: Wie will man das alles wieder aufholen, ohne dass die Kinder in einer Woche drei Schulaufgaben schreiben müssen und der Druck noch höher wird? Vor allem sorgt er sich um die berufliche Zukunft seines Sohnes und der 9. Realschulklassen: „Wie soll denen der Arbeitsmarkt zugänglich gemacht werden? Unseren Schülern fehlt die Lobby!“, findet Brand.

Nicht vergessen, dass es auch eine Zukunft gibt

Er möchte sich gar nicht ausmalen, wie es Kindern ergeht, deren Eltern sich nicht so konsequent um das Wohl ihrer Sprößlinge kümmern. „Bei aller notwendigen Vorsicht wegen der Corona-Pandemie dürfe man nicht vergessen, dass es auch noch eine Zukunft gibt und die hängt auch stark von der Bildung ab.“

Was Brand fehlt, sind alternative Wege, um die Schüler auf den Berufsweg vorzubereiten: Etwa eine zentrale Anlaufstelle, die Onlinepraktika bei Unternehmen koordiniert. „Alle Unternehmen und die Kinder haben das Problem, dass sie nicht mehr richtig zueinanderfinden.“

Berufspraktika frühzeitig abgesagt

Der fehlende Kontakt im Klassenzimmer – den sieht auch Werner Groß, Schulleiter der Realschule in Waldkriaburg als Problem: „Das Wichtigste ist der direkte Kontakt zum Schüler, das kann man digital nicht ausgleichen.“ Sicher sei schon jetzt, dass es zeitnah keine Berufspraktika geben wird. „Wir haben die Praktikumswoche schon frühzeitig abgesagt.“ Das würden die Kontakteinschränkungen wegen Corona nicht zulassen.

Werner Groß, Schulleiter an der Realschule in Waldkraiburg, mahnt zur Gelassenheit. Corona betreffe alle, Schüler wie auch Firmen.

„Da kommen wir als berufsorientierte Schule ebenso wenig aus wie auch die Firmen.“ Man sitze in einem Boot und müsse sich nun um Alternativlösungen bemühen. Vorstellbar sei, die Berufspraktika in die Sommermonate zu verlegen, etwa nach den Pfingstferien.

Zehntklässler schon 2020 Leidtragende

Die Berufsinformation an der Schule fällt ebenso flach. Dies könne man jedoch mit Exkursionen, mit vereinzelten Besuchen von Firmenvertretern in den Klassen oder, wenn auch das nicht möglich sein sollte, via digitaler Kommunikation auffangen. Bei größeren Firmen und Arbeitgebern sicherlich ein geringeres Problem als bei kleineren Handwerksbetrieben, weiß Groß. „Aber vielleicht kann die IHK unterstützend zur Seite stehen, um auch diese Berufsfelder abzudecken!“

Den Arbeitsgebern geht es nicht anders

Groß weiß natürlich: Die Abschlussschüler der 10. Klassen haben es besonders schwer, weil sie schon im vergangenen Jahr nicht die Gelegenheit hätten, über Praktika in Frage kommende Berufsfelder auszuloten. „Aber es hilft nichts. Den Arbeitgebern geht es schließlich nicht anders!“ Er warnt davor, wegen fehlender Zensuren in Panik zu verfallen oder etwa das Halbjahreszeugnis als Gradmesser zu nehmen. „Ich empfehle: Runter vom Gas! Wenn eine Firma in Zeiten von Corona einen Jugendlichen wegen seiner Noten nicht einstellt, dann ist es vielleicht auch nicht die richtige Firma!“

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