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Der Tag als in Neumarkt die Uhr still stand

Jahrhundert-Unwetter vor 40 Jahren: Massenevakuierung in Neumarkt und Millionenschäden

Entwarnung gab es erst um 5.30 Uhr: der Abtransport des Lagerhausabfalls bei der Firma Weindl.
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Entwarnung gab es erst um 5.30 Uhr: der Abtransport des Lagerhausabfalls bei der Firma Weindl.
  • VonWalter Jani
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Heftige Unwetter gab es auch schon vor Jahrzehnten. Das Jahrhundert-Unwetter vor 40 Jahren löste aber die größte Evakuierung in Neumarkt-St. Veit seit 1945 aus und hinterließ Schäden in Millionenhöhe.

Neumarkt-St.Veit – Kaum eine Woche verstreicht, in der nicht über verheerende Wetterereignisse in den Medien berichtet wird. Erinnerungen werden wach, vor allem in Neumarkt-St. Veit, wo vor genau 40 Jahren ein schweres Unwetter innerhalb kürzester Zeit einen Millionenschaden verursacht hat.

Am Abend des 16. August 1981 gegen 20.30 Uhr war bei lauen Sommertemperaturen noch richtiges Biergartenwetter, bevor sich von Westen her der Himmel zu verfinstern begann. Nur eine halbe Stunde später schien die Welt über Neumarkt-St.Veit unterzugehen. Innerhalb von nur fünf Minuten peitschte ein orkanartiger Sturm übers Land und hinterließ eine Schneise der Verwüstung.

Jahrhundert-Unwetter vor 40 Jahren: Massenevakuierung in Neumarkt und Millionenschäden

Ein Haus in Teising hatte keinen Dachstuhl mehr.
Der Sturm hatte das Ziffernblatt der Kirchturmuhr zu Sankt Veit verbogen, die Zeiger standen still und dokumentierten so den genauen Unglückszeitpunkt.
Viele Häuser im Ort wurden abgedeckt.
Umgeknickt wie Streichhölzer: Ein Waldstück bei Neumarkt-St. Veit.
Jahrhundert-Unwetter vor 40 Jahren: Massenevakuierung in Neumarkt und Millionenschäden

Turmuhr von St. Veit blieb stehen

Auch das Wahrzeichen der Stadt, der Kirchturm der alten Klosterkirche St. Veit, war betroffen. Die Kraft des Sturms hatte eines der Zifferblätter der Turmuhr stark verbogen und damit den Lauf der Zeiger blockiert. Der Anblick beeindruckte auch den damaligen Redakteur Hermann Weilhammer, der tags darauf im Neumarkter Anzeiger schrieb: „Die Turmuhr von St.Veit blieb um 21.25 stehen. Gleichsam, als wollte sie am anderen Tag noch stummer Künder sein von dem Zeitpunkt, zu dem eines der schwersten Unwetter des 20. Jahrhunderts die Rottstadt und ihre Umgebung heimsuchte“.

Sturm knickte Strommasten um

Obwohl das Unwetter sehr schnell über die Stadt gezogen war, sind die Schäden an den Gebäuden und in der Natur verheerend, ein Chaos wie man es in Neumarkt-St. Veit noch nicht erlebt hatte. Der Sturm peitschte taubeneiergroße Hagelkörner durch die Straßen, knickte Strommasten um und beschädigte Autos und Häuser. Bäume wurden entwurzelt oder brachen wie Streichhölzer. Ganze Dächer wurden abgedeckt, Fernsehantennen und viele Fensterscheiben zerstört. Zahlreiche Straßen wurden unpassierbar, der Strom fiel aus und viele Telefonanschlüsse waren tot.

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Sturm riss an Schule Dach mitsamt Dachstuhl mit sich

Am Schulhaus riss der Sturm einen Teil des Daches mitsamt des Dachstuhls mit sich, einige Balken davon wurden über 100 Meter weit geschleudert.

Das Unwetter überquerte Neumarkt von Nordwest nach Südost, besonders betroffen waren die Werksiedlung, die Musikersiedlung und der Ortsteil Weiher.

Fast die gesamte Ernte zerstört

Große Schäden gab es auch in den umliegenden Ortsteilen wie in Teising, wo bei einem Haus der gesamte Dachstuhl abgedeckt wurde. Auf den umliegenden Feldern vernichtete das Unwetter fast die ganze Ernte.

Kein Strom, daher auch kein Feueralarm

Wegen des Stromausfalls in weiten Teilen der Stadt konnte kein Feueralarm ausgelöst werden, trotzdem sammelten sich innerhalb kurzer Zeit die Neumarkter Feuerwehrmänner am Gerätehaus an der Einmayrstraße.

Auch die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs, Landwirte und eine ganze Zahl weiterer freiwilliger Helfer machten sich noch in der Nacht daran, zumindest die Straßen wieder passierbar zu machen und anderen in Not Geratenen zu helfen.

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Obwohl noch im Urlaub, eilte Landrat Erich Rambold sofort nach Neumarkt-St. Veit um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Der Landrat war ebenso während der ganzen Nacht auf den Beinen, wie Polizeichef Roman Finsterwald, der Regierungsdirektor Wittich vom Mühldorfer Landratsamt, Bürgermeister August Spirkl und Kreisbrandrat Hans Hansmeier.

Chemikalien reagieren mit dem Regenwasser

Auf die Floriansjünger unter der Leitung von Kommandant Alois Reichl wartete nach dem Unwetter an jenem Augustabend 1981 ein spezieller Einsatz: Der Sturm hatte das Dach des Lagerhauses von Micheal Weindl an der Bahnhofstraße – heute Kleintierzüchtervereinsheim – beschädigt.

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Die in dem Gebäude gelagerten knapp 1000 Zentner Branntkalk und Düngemittel reagierten mit dem Regenwasser, der Brandkalk begann zu kochen, der Kunstdünger setzte Stickstoff-Gase frei. Als der Lagerhausbesitzer am Unglücksort eintraf, kämpften schon viele Helfer der Feuerwehr und das Technische Hilfswerk gegen die beißenden Rauchschwaden an.

Gegen Mitternacht gibt es Katastrophenalarm

Trotz des pausenlosen Einsatzes der Feuerwehr musste gegen Mitternacht Katastrophenalarm gegeben werden. Wegen des sich ausbreitenden Giftgases entschloss sich der Krisenstab des Landratsamtes zur größten Evakuierung, die es seit Kriegsende im Landkreis gegeben hat.

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Über Lautsprecher wurden die gefährdeten Bewohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich zum Sammelplatz bei der Turnhalle zu begeben. Dort übernahmen die Helfer der Neumarkter Sanitätszüge die Betreuung der Evakuierten und richten für sie ein Nachtlager ein.

Über 20 Personen mussten wegen Vergiftungserscheinungen im Neumarkter Kreiskrankenhaus (heute Pflegeheim St. Josef) behandelt werden.

Starker Wind löste Giftgaswolke auf

In den nächsten Stunden gelang es den Einsatzkräften, den qualmenden Kunstdünger im Lagerhaus so unter Wasser zu setzen, dass der Giftgasaustritt abschwoll. Auch der immer noch starke Wind half mit die Giftgaswolke aufzulösen.

Ein aus München angeforderter Messwagen stellte dann gegen 5.30 Uhr fest, dass keine Gefahr mehr für die Bevölkerung besteht und diese in ihre Wohnungen zurückkehren kann. Noch am Folgetag waren die Floriansjünger damit beschäftigt, den gefährlichen Schlamm in Container zu verladen und von einer Spezialfirma abtransportieren zu lassen.

Stadtpfarrer Holzner greift selbst zum Besen

Viele Neumarkter waren in den nächsten Tagen damit beschäftigt, herumliegende Gegenstände wegzuräumen und Plätze wieder benutzbar zumachen. Stadtpfarrer Alois Holzner war sich nicht zu schade, selbst zum Beil und Besen zu greifen und für Ordnung auf dem Kirchenparkplatz zu sorgen.

Glück im Unglück: Keine schwerverletzten Opfer

Die Schäden an den Gebäuden hatten die Besitzer schnell wieder behoben. Aber an den öffentlichen Plätzen und Anlagen, an Bäumen und vor allem in den betroffenen Waldgebieten waren noch lange danach Aufräumarbeiten nötig. Trotz allem hatten die Neumarkter jedoch insgesamt noch Glück im Unglück: Es waren keine schwer verletzten Personen oder sogar Todesopfer zu beklagen.

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