Der Manager hinter dem Brautpaar: Der Egglkofener Christian Senftl ist „Progoder“

So kennen Brautpaar Christian Senftl: Der 31-jährige Egglkofener ist seit etwa fünf Jahren als „Progoder“ unterwegs.
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So kennen Brautpaar Christian Senftl: Der 31-jährige Egglkofener ist seit etwa fünf Jahren als „Progoder“ unterwegs.

Wenn Christian Senftl sich nicht um den Bauernhof kümmert oder mit den Hofmarkmusikanten aus Egglkofen musiziert ist, dann ist er am Wochenende häufig als „Progoder“ unterwegs. Das war zumindest vor Corona so. In diesem Jahr hat er noch keine einzige Hochzeit betreuen können.

von Harald Schwarz

Egglkofen – „Es geht mir schon ab. Aber für den Herbst stehen noch zwei in meinem Terminkalender. Mal schauen, ob es klappt“, hofft der gebürtige Egglkofener.

Markenzeichen ist der Progoder-Stecker“

Seit rund fünf Jahren ist Christian Senftl in der Hochzeitssaison an vielen Wochenenden als „Progoder“ oder Hochzeitslader aktiv. Gekleidet mit Lederhose und Trachtenjanker unterstützt er das Brautpaar während ihrer Hochzeit, dass alles rund läuft und das Brautpaar den Tag auch genießen kann. Sein Erkennungsmerkmal ist der „Progoder-Stecker“, ein geschnitzter Stab, den ihm das erste Brautpaar geschenkt hat, das er betreut hatte. „Der ist heilig. Wenn mich jemand verstimmen möchte, dann langt er den Stecker an“, sagt Senftl. Seitdem begleitet ihn der Stab und von jedem Brautpaar bekommt er ein Erinnerungsband.

Begonnen hat Christian Senftl als Fastenprediger Bruder Christianus beim jährlichen Starkbierfest der Hofmarkmusikanten. „Bei der dritten Predigt hat mich eine Freundin angesprochen, ob ich nicht bei ihrer Hochzeit den Progoder machen möchte. Nach zwei Maß Starkbier habe ich dann zugesagt“, erinnert sich der 31-Jährige.

Bei der ersten Hochzeit total aufgeregt

Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut, auch wenn er bei seiner ersten Hochzeit „total aufgeregt“ war. Da waren lauter Gäste, die er auch privat kennt. „Am meisten Bammel hatte ich vor dem Gstanzlsingen“. Doch er hat alles zur Zufriedenheit des Brautpaares gemanagt und danach hatte er „Blut geleckt“.

Das Schönste ist für ihn, wenn das Brautpaar nach dem letzten Tanz sagt, dass es mit ihm zufrieden ist. Er hat auch noch keine Hochzeit, an die er nicht gerne zurückdenkt. Und, was ganz wichtig ist: „Bisher sind noch alle Brautpaare, mit denen ich ihre Hochzeit gefeiert habe, beieinander“.

Koordinieren und unterhalten

Seine Hauptaufgabe sieht er darin, das Brautpaar während ihrer Hochzeit zu unterstützen, den Ablauf zu koordinieren und natürlich auch für Unterhaltung zu sorgen. Dazu sei freundliches, aber bestimmtes Auftreten notwendig. Zudem müsse man immer diplomatisch sein. „Mit einem Lächeln kann man seine Wünsche am besten durchsetzen“, weiß er mittlerweile.

Vor der Hochzeit haben sich der Progoder und das Hochzeitspaar bereits ein paar Mal getroffen. „Da haben wir uns beschnuppert und den Ablauf der Hochzeitsfeier in groben Zügen festgelegt“.

Er erzählt, dass er hier bereits die ganze Bandbreite erlebt hat: Die reicht von der mit diversen Excel-Dateien total durchgeplanten Hochzeit bis zu der Situation, dass sich das Brautpaar „einfach auf mich verlässt“. Steht der Ablauf, wird er auch mit dem Wirt, dem Pfarrer und den Musikern abgestimmt. „Damit weiß jeder, was läuft, und kann sich entsprechend darauf einstellen“, so Christian Senftl. Für ihn ist „so eine Hochzeit erst einmal durchgehend Arbeit. Erst nach dem Brautverziehen und dem Abendessen wird es normalerweise a bisserl leichter“. Dann kann er sich auch mal einen Schluck Bier gönnen.

Es gibt nicht mehr so viele „Progoder“

Er ist als Progoder mittlerweile zwischen Tittmoning, Mühldorf, Wasserburg und Erding unterwegs. Auch, weil es nicht mehr so viel Progoder gibt. Dabei hat er auch festgestellt, dass der Brauch des Progoders in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein noch viel mehr verwurzelt ist.

Über mangelnde Anfragen kann er aber nicht klagen. Er wird immer wieder weiterempfohlen. „Die meisten Brautpaare, die mich buchen, haben mich vorher schon einmal erlebt“, weiß Christian Senftl. Im kommenden Jahr ist er praktisch ausgebucht, weil natürlich die Hochzeiten aus diesem Jahr vielfach ins nächste Jahr verschoben werden. Er kennt sogar Brautpaare, die ihre Hochzeit coronabedingt bereits zweimal verschieben mussten.

„Progoder„ oder Hochzeitslader

Ein Progoder ist laut Bairischem Wörterbuch ein Hochzeitslader. Weitere Schreibweisen sind auch Prograder, Prograderer, Progroder, Prokrader, Prokrater, Prokroda, Prokroder, Prokurator.

Als Hochzeitslader werden Personen im deutschen Sprachraum bezeichnet, die bei der Vorbereitung einer Hochzeit die Rolle des Einladers und während der Hochzeitsfeier die Rolle eines organisierenden und oft lustigen Unterhalters übernehmen. Die grundsätzliche Funktion der traditionellen Hochzeitsbitter ist abgewandelt in fast allen Kulturen weltweit nachzuweisen und nicht auf Europa beschränkt. Der Hochzeitslader war zu Zeiten, als es noch keine Postverbindung gab, derjenige, der mit einem geschmückten Rosenholzstock von Hochzeitsgast zu Hochzeitsgast zog und zu diesem Fest einlud.

Mischung aus Wedding-Planer und Moderator

Den Hochzeitslader kann man heutzutage eher als eine Mischung zwischen Wedding-Planer und Moderator bezeichnen. Der Hochzeitslader hilft bereits ab der Vorbereitung und Planung einer Hochzeit und übernimmt die Rolle des Einladers.

Während der Hochzeitsfeier organisiert er den Ablauf und den zeitlichen Ablauf des Tages und gibt meist den lustigen Unterhalter. Häufig werden die Einladungen an die Gäste in althergebrachter Sprache dargeboten. Ähnlich gilt das auch für unterhaltsame Sprüche, Witze und Reden während der Hochzeitsfeier, insbesondere vor den Mahlzeiten.

Im alpenländischen Raum, insbesondere auf Bauernhochzeiten in Ober- und Niederbayern, ist das Gstanzlsingen der Hochzeitslader verbreitet, die sich dabei scherzhaft bis derb über die Brautleute und ihre Gäste lustig machen. Schlagfertige Gäste antworten dem Hochzeitslader dann ebenfalls in Gstanzln.

Am Samstag, 3. Oktober, gibt Christian Senftl von 11 bis 12 Uhr in der Volkshochschule Neumarkt-St. Veit Einblicke rund Brauchtum zu bayerischen Hochzeiten.

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