Denkmalgeschützt und geheimnisvoll: Frischzellenkur für altes Wirtshaus in Neumarkt-St. Veit

Schmuckstück direkt unter dem Dach. Dort waren früher Dienstbotenzimmer untergebracht, die im rahmen der Sanierung ebenfalls aufgewertet wurden. Investor Richard Balk mit Margot Altmann, Geschäftsführerin von der Tagespflegeeinrichtung „Somitas“, die das Gebäude aus den 1870er nun neu belebt. Enzinger

Im September 2013 wurde das letzte Bier gezapft. Seitdem war der Schmidwirt in Neumarkt-St. Veit geschlossen. Mit dem Bau von seniorengerechten Wohnungen auf dem Gelände sah ein Investor nun die Möglichkeit, das Wirtshaus neu zu beleben – jetzt ist eine Tagespflegeeinrichtung darin untergebracht.

Neumarkt-St. Veit– Im September 2013 wurde das letzte Bier gezapft. Seitdem war der Schmidwirt in Neumarkt-St. Veit geschlossen, weil die Besitzerin Gabrielle Fürlauf den Wirtshausbetrieb krankheitsbedingt einstellen musste. Das denkmalgeschützte Gebäude mit dem markanten Türmchen stand seitdem leer. Mit dem geplanten Bau von seniorengerechten Wohnungen auf dem Gelände sah ein Investor nun auch die Möglichkeit, das Wirtshaus neu zu beleben – jetzt ist eine Tagespflegeeinrichtung darin untergebracht.

„Man mag es nicht glauben: Aber tatsächlich treffen sich die Leute hier wieder zum Schafkopfen, so wie es früher auch der Fall war“, freut sich Margot Altmann. Doch es ist kein Wirtshaus mehr, in dem sich besonders ältere Menschen zum Zeitvertreib treffen. Es handelt sich um die Tagespflegeeinrichtung „Somitas“, deren Geschäftsführerin Altmann ist – die Erste überhaupt im Stadtbereich von Neumarkt-St. Veit.

Besucher aus Umkreis von 20 Kilometern

„Unsere Fahrdienste sammeln die Senioren im Umkreis von 20 Kilometern ein, damit diese mit anderen Senioren in Kontakt treten und gemütliche Stunden im ehemaligen Schmidwirt verbringen können“, erklärt Altmann. Angehörige hätten oftmals keine Zeit, sich toujours um die Senioren zu kümmern, beim Schmidwirt hingegen können neue soziale Kontakte geknüpft werden – selbst wenn es nur beim Mensch-ärgere-Dich-nicht, beim Bingo oder beim gemeinsamen Singen ist. Es ist kein klassisches Gasthaus, eher Wohnzimmeratmosphäre, die Gemütlichkeit ausstrahlt. Es gibt Frühstück und Mittagessen, „manchmal kochen wir auch selbst oder es gibt einfach nur Weißwürste“, verrät Altmann.

Einzeldenkmal neu beleben und mit Neubau kombinieren

Dass dem denkmalgeschützten Gebäude neues Leben eingehaucht wurde, liegt am Engagement des Geschäftsmannes Richard Balk, Geschäftsführer der Balk-Bauträger-GmbH aus Vilsbiburg. Dieser hatte im November 2015 erste Gespräche mit den Schmidwirts-Besitzern Josef und Gabriele Fürlauf geführt zum Ankauf des benachbarten Lagerhauses für den Bau eines seniorengerechten Wohnhauses an der Einmayrstraße. Gleichzeitig, so sein Plan, sollte der Schmidwirt saniert werden, um darin eine Tagespflegeeinrichtung unterzubringen. „Die Grundidee war, das Einzeldenkmal neu zu beleben und mit dem Neubau zu kombinieren.“

Mit dem Kauf kamen dann aber auch die Herausforderungen, erzählt Balk. Denn nachdem das schon seit langem ungenutzte landwirtschaftliche Lagerhaus abgerissen worden war, schaltete sich erst einmal der Denkmalschutz ein und untersuchte das Areal auf Bodendenkmäler. Der Stadtrat führte Diskussionen um die Höhe und Geschoße des Wohnzentrums, Anlieger hatten sich nach der Vorlage der Pläne beschwert, weil auch ihnen das neue Gebäude ebenfalls zu wuchtig erschien.

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Und nicht nur beim Schmidwirt hatte Balk mit Auflagen für die Sanierung zu kämpfen. Auch beim Neubau mischte das Denkmalamt mit, schrieb Baukörper, Material und Farbgestaltung vor, „weil es in unmittelbarer Nähe zum Einzeldenkmal steht“, so Balk, der zugibt, dass es eines langen Atem bedurft habe, um sich bei den Diskussionen um die Vorgaben mit der Denkmalpflege zu einigen. „Da hat mir auch die Stadt sehr geholfen und tut es immer noch“, betont Balk. Sie war nicht nur Vermittler an den entscheidenden Behördenstellen. Im Zuge des Baus der seniorengerechten Wohnungen ließ die Stadt Neumarkt-St. Veit auch gleich den Gehweg in Richtung Stadtplatz neu und barrierearm gestalten.

Viele Diskussionen mit dem Denkmalschutz

Beim Schmidwirt, dessen Baujahr auf die 1870er Jahre datiert wird, war der Vilsbiburger Bauträger damit konfrontiert, alles komplett neu zu verlegen. Er hatte sich dabei zudem an die Vorgaben der Denkmalschutzbehörde zu halten. Zahlreiche Gespräche seien notwendig gewesen, um die Behörde davon zu überzeugen, dass die Elektroinstallation auf dem Putz nicht sinnvoll sei. „Die Einrichtung muss ja schwellen- und barrierefrei sein. Dazu benötigte man auch ein Treppenlift, dafür durften wir dann auch die Treppe rausreißen.“ Anforderungen, die auch deswegen notwendig gewesen seien, damit die Einrichtung auch die Kassenzulassung bekommt. Alles sei im Dialog gelöst, das komplette Gebäude schließlich entkernt worden.

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Das Schmuckstück des ehemaligen Wirtshauses befindet sich unmittelbar unter dem Dach: Dienstbotenzimmer nebst Kamin und mit Originaltürrahmen, die Balk wieder herrichten ließ. „Der Dachstuhl mit seinen Pfetten und Sparren befand sich in einem nahezu tadellosen Zustand – Gott sei Dank!“

Kunst und Gratwanderung

Balk spricht von einer Kunst und einer Gratwanderung zugleich, alles zu vereinbaren, von Behördenvorgaben und Kostenrahmen, um das Gebäude wirtschaftlich zu betreiben. Über eine Million Euro habe es ihn gekostet, den Schmidwirt so zu sanieren, damit dieser nun den Ansprüchen gerecht wird. Ohne Förderung, alleine einen Abschreibungsvorteil zieht er aus der Sanierung.

Leerstand beseitigt, Innenstadt belebt

Der Verkauf der Wohnungen nebenan würden dies kompensieren, sagt der Geschäftsmann. Für ihn gut angelegtes Geld, „denn ein Leerstand wurde damit beseitigt, das Gebäude belebt und ich leiste einen Beitrag, damit die Innenstadt nicht verödet.“ Das Konzept des seniorengerechten Wohnens befürwortet auch Bürgermeister Erwin Baumgartner: „Wenn sich Senioren für so eine Wohnung entscheiden, weil ihnen in Neumarkt das eigene Haus mit Garten zu groß und zu beschwerlich geworden ist, kann das auch einen Gewinn für unsere Gemeinde bringen.“ Seine Überlegung: Ältere Häuser würden von jungen Familien gekauft, was die Stadt Neumarkt-St. Veit durch das Förderprogramm „Jung kauft Alt“ unterstützt. Dies wiederum würde der Stadt etwas den Druck nehmen bei der Ausweisung von Baugebieten.

Türmchen kam erst 1904 dazu

Wann genau das Gebäude an der Bahnhofstraße zum Wirtshaus geworden ist, lässt sich heute nicht genau sagen. Josef Fürlauf, dessen Gattin Gabriele die letzte Wirtin des Schmidwirts ist, spricht davon, dass der Schmidwirt bis in die 1870er Jahre in einem Gebäude am Oberen Vormarkt, Nähe der Bäckerei Gruber untergebracht gewesen sei. Dann sei der Umzug erfolgt. Genau lässt sich der Zeitpunkt der Erweiterung des Schmidwirtes in Richtung Einmaystraße belegen, bei dem Anbau 1904 sei dann auch das markante Türmchen errichtet worden.

Eine Familie Etzelsböck nennt Fürlauf als die ersten Wirtsleute, deren Tochter habe schließlich einen gewissen Michael Weindl geheiratet. Das Wirtshaus wurde dann von Fürlaufs Schwiegereltern Michael und Gabriele inklusive des landwirtschaftlichen Lagerhauses weitergeführt, bevor deren Tochter Gabriele Wirtin wurde. Im Jahr 2013 wurde es geschlossen.

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