Drohende Isolation in Herbst und Winter

Corona erschwert soziale Kontakte auch in Neumarkt-St.Veit: Senioren droht Vereinsamung

Trachtler besuchten regelmäßig die Senioren im Stift Sankt Veit und auch der Männerchor des DAV sang regelmäßig, wie zuletzt an Weihnachten 2019 (Bild). Diese Einbindung in das gesellschaftliche Leben vermisst die Geschäftsführerin des Seniorenheimes Karin Wimmer in Zeiten von Corona.
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Trachtler besuchten regelmäßig die Senioren im Stift Sankt Veit und auch der Männerchor des DAV sang regelmäßig, wie zuletzt an Weihnachten 2019 (Bild). Diese Einbindung in das gesellschaftliche Leben vermisst die Geschäftsführerin des Seniorenheimes Karin Wimmer in Zeiten von Corona.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Der Sommer ist vorbei und damit auch die Besuche im Garten: Seniorenheim in Sankt Veit richtet Besuchsräume ein. Und die VdK-Mitglieder vermissen ihre Stammtische. Das können Nachbarn tun, damit die älteren Mitbürger eben nicht vergessen werden.

Neumarkt-St. Veit – Soziale Isolation und Vereinsamung – auch ohne Corona ein Problem bei Senioren, das sich jedoch aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen und Kontaktbeschränkungen in den vergangenen sechs Monaten weiter verstärkt haben dürfte. Die soziale Distanzierung schlägt sich dabei nicht nur in Seniorenheimen nieder. Der VdK Neumarkt-St. Veit mahnt, dass man vor allem Menschen, die alleine einen Haushalt führen, nicht vergessen darf. „Personen in Seniorenheimen befinden sich immer noch in Gesellschaft. Alleinstehende haben diese Kontakte oft nicht“, sagt Rosmarie von Roennebeck, Seniorenbeauftragte und Vorsitzende der VdK Neumarkt-St. Veit.

VdK vermisst die Stammtische

500 Mitglieder zählt ihre VdK. „Viele Mitglieder sind betagte Menschen, die gerne zu den VdK-Stammtischen gekommen sind. Mit 30 bis 40 Personen waren diese regelmäßig gut besucht, Halbtagessausflüge sind dankbar angenommen worden. Doch mit Beginn der Corona-Krise hat der VdK sämtliche Aktivitäten eingestellt“, erläutert von Roennebeck.

Infektionsangst trägt zur Isolierung bei

Viele Senioren würden darunter leiden. Die Infektionsangst trägt ebenso ihren Teil dazu bei, dass sich viele inzwischen zu Hause einschließen. Von Roennebeck hält das für bedenklich, weil auch notwendige Arztbesuche auf der Strecke blieben und damit auch Behandlungen von Krankheiten. Persönliche Kontakte wenigstens durch virtuelle Kontakte über das Internet auszugleichen – das könne man bei betagten Senioren nicht voraussetzen. „Dabei bleibt nur noch der Telefonkontakt als Verbindung nach außen.“

Wo die VdK-Vorsitzende höchstpersönlich an der Haustür klingelt

Immerhin gibt es die Besuche an Geburtstagen. Ab dem 65. Geburtstag klingelt die VdK-Vorsitzende höchstpersönlich an der Haustür. 16 solcher Besuche hatte von Roennebeck seit August im Terminkalender stehen. In den meisten Fällen würden die Mitglieder die Gelegenheit zum Gespräch nutzen. „Diese Zeit nehme ich mir dann auch – natürlich konsequent mit Maske!“

Zwei Besuchszeiten pro Tag im Stift Sankt Veit

Die Maske ist auch im Seniorenheim Stift St. Veit obligatorisch, wenn jemand die beiden Besuchsräume, die es seit Oktober gibt, nutzen will. „Im Sommer war es kein Problem, sich draußen zu treffen. Doch aufgrund des Wetters haben wir nun diese Möglichkeit geschaffen“, teilt die Geschäftsführerin Karin Wimmer mit.

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Nur eingeschränkte Besuchszeiten

Von 9 bis 10 Uhr und von 16.30 bis 18 Uhr dürfen Angehörige oder Bekannte zum Besuch kommen. „Mehr geht nicht“, bedauert Wimmer, „aber besser als nichts“. Sie vermisst die „schöne Normalität“ vor Corona, weiß aber, dass man sich noch eine gewisse Zeit mit den Einschränkungen zu arrangieren habe. Arrangieren heißt auch, dass von herzlichen Begrüßungen Abstand genommen werden muss, um nicht Gefahr zu laufen, eine Covid-19-Infektion ins Haus zu bekommen.

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Sehnsucht nach Trachtenverein und Alpenvereinschor

Generell stellt Wimmer fest, dass die knapp 50 Bewohner die Einbindung in das gesellschaftliche Leben vermissen würden. „Die Bewohner haben lange daran gezehrt, wenn der Trachtenverein gekommen ist oder der Alpenvereinschor gesungen hat. Das aber wurde von 100 auf Null zurückgefahren!“ Das nagt am Gemüt.

Kontaktbeschränkungen schrecken vor Aufenthalt in Seniorenheim ab

Es sind auf der anderen Seite die – nachvollziehbar – strikten Kontaktbeschränkungen, die Angehörige davon abhalten, die Oma oder den Opa in die Obhut eines Senioren- und Pflegeheimes zu geben, berichtet Sylvia Wegner, Inhaberin eines Pflegedienstes und Behindertenbeauftragte der Stadt Neumarkt-St. Veit, von Erzählungen mit Angehörigen ihrer Betreuten. „Weil die Leute wissen, dass Besuche dann nur noch zu festen Zeiten möglich sind.“

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Ein Telefonat bringt schon sehr viel

Sie berichtet, dass die zu betreuenden Personen verstärkt die Unterhaltung suchen würden und gerne das Angebot annähmen, dass Pflegekräfte Einkäufe erledigen. Dass die Senioren aber konkret von Vereinsamung bedroht seien, kann Wegner nicht bestätigen. „Wie hoch hier die Dunkelziffer ist, weiß man nicht, weil man an diese Menschen nicht rankommt.“

Ein regelmäßiges Telefon würde schon reichen

Hier sei Nachbarschaftshilfe gefragt. Wegner appelliert an die Achtsamkeit gegenüber dem älteren Mitbürger. In Fällen, von denen man weiß, dass Senioren allein einen Haushalt führen, würde oft schon ein regelmäßiges Telefonat reichen. „Denn damit signalisiert man: Da wird jemand wahrgenommen!“

Über ein Drittel der Senioren lebt in Einzelhaushalten

In Deutschland leben etwa 38,7 Prozent der über 65-Jährigen in Einpersonenhaushalten. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die vor sechs Monaten veröffentlicht worden ist. Der Anteil allein lebender Menschen steigt demnach mit dem Alter stark an: Sind es bei den 65- bis 69-Jährigen ein Viertel der Menschen, nimmt die Zahl bei 75- bis 79-Jährigen auf etwa 38 Prozent zu. Bei Personen, die das 85. Lebensjahr erreicht haben, sind es zwei Drittel der Menschen, die alleine leben.

Während etwa die Hälfte der älteren Menschen, die mit anderen Personen in einem Haushalt lebt, auch noch Kinder am selben Ort hat, ist bei den Alleinlebenden dieser Anteil besonders niedrig. Er beträgt bei den 65 bis 74-Jährigen 35 Prozent. Bei den über 80-Jährigen haben weni­ger als 50 Prozent der Alleinlebenden Kinder am selben Ort. Zudem werden Besuche aus weiter entfernten Orten in Zeiten von „sozialer Distanzierung“ und Infektionsangst erschwert.

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