Bürgerbüro in Neumarkt: Wenn die Mobilität nachlässt, kommt die Beratung eben zu den Senioren

Neuer Anlauf: Die Seniorenberatung des Landkreises steht nach der Corona-Einschränkungen nun auch im Rathaus von Neumarkt-St. Veit zur Verfügung. Sigrid Auer steht den Senioren im Ort mit Rat und Tat zur Seite.
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Neuer Anlauf: Die Seniorenberatung des Landkreises steht nach der Corona-Einschränkungen nun auch im Rathaus von Neumarkt-St. Veit zur Verfügung. Sigrid Auer steht den Senioren im Ort mit Rat und Tat zur Seite.

Bürgerbüros des Landkreises Mühldorf wollten verstärkt vor Ort unterstützen. Aus diesen Gründen sollten Senioren keine Scheu davor haben, die Beratung in kauf zu nehmen

Von Josef Enzinger

Neumarkt-St. Veit – Über 1570 Bürger in der Verwaltungsgemeinschaft Neumarkt-St. Veit sind 65 Jahre und älter. Damit stellen sie knapp ein Fünftel der Stadtbevölkerung – Tendenz steigend. Umso wichtiger ist es, sich gut aufzustellen und den Senioren die Hand zu reichen, wenn sie Hilfe benötigen. Das Landratsamt geht mit seinen Bürgerbüros mit gutem Beispiel voran, will konkret die Seniorenberatung vor Ort stärken, „um ihnen damit den Weg ins Amt zu ersparen“, erklärt Sigrid Auer, Seniorenbeauftragte im Landratsamt Mühldorf.

400 Beratungstermine pro Jahr im Landkreis

Nicht nur im Bürgerbüro Neumarkt-St. Veit, sondern auch in Haag und Waldkraiburg setzt man auf den direkten Kontakt mit den Bürgern vor Ort. Und das aus einem ganz simplen Grund: „Viele Senioren sind nicht mehr mobil. Also kommen wir raus zu ihnen“, unterstreicht Matthias Burger, Teamleiter der Fachstelle Senioren den Vorstoß des Landratsamtes, vor Ort einen verbesserten Bürgerservice anzubieten. Denn die Erfahrung zeigt: Die Beratung vor Ort ist ungemein wichtig geworden.

Landratsamt greift auf ein engmaschiges Netzwerk zurück

Sigrid Auer spricht von jährlich 400 Beratungsterminen, die im Landkreis anfallen, davon alleine 50 in Neumarkt-St. Veit. „Die Beratung erfolgt auf freiwilliger Basis. Wir zeigen dabei auf, was alles möglich. Entscheiden müssen sie dann selbst“, erklärt Auer. Sie spricht von der Hilfe bei der Antragstellung für gewisse Leistungen, es geht um die häusliche Versorgung, die Vermittlung von ambulanten Diensten oder – wenn erforderlich – auch um die Unterstützung bei der Suche nach Heimplätzen, sollte die eigene Versorgung nicht mehr zu gewährleisten sein.

Ziel: Dass die Senioren so lange wie möglich eigenständig leben können

Bei der Beratung gehe es auch darum, welche Töpfe man anzapfen kann, um barrierefreies Wohnen überhaupt finanziell möglich zu machen. Ziel sei immer: „Dass die Senioren so lange wie möglich eigenständig leben und daheim bleiben können!“

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Fachkräfte aus dem Landratsamt beraten neutral

Warum die Beratung durch die Fachkraft aus dem Landratsamt so wichtig ist, erklärt Matthias Burger: „Weil wir neutral beraten!“ Klar nutze man bestehende Netzwerke, um Familien unterstützend zur Seite zu stehen. Zu so einem Netzwerk kann auch die Nachbarschaft zählen, wenn es um Demenzerkrankte Senioren geht. „Das funktioniert in der Regel, manchmal aber auch nicht“, weiß Burger. Es gehe darum, in den Dialog zu treten und mit der gebotenen Form von Sensibilität auf die Bedürfnisse von Senioren einzugehen.

Neumarkt hält Angebote mit Vorzeigecharakter vor

Die Zusammenarbeit mit Pflegediensten oder Seniorenbeauftragten helfe dabei, mit den Senioren in Kontakt zutreten, doch Burger sagt auch: „In einigen Orten gibt es hier noch viel Handlungsbedarf!“ Nicht überall sei man so gut aufgestellt mit Seniorenbeauftragten oder einem Behindertenbeauftragten, wie man es in Neumarkt-St. Veit mit Rosmarie von Roennebeck und Sylvia Wegner ist. Nicht zu vergessen die regelmäßigen Seniorenmessen für die Ü 60-Generation. Auch in puncto Wohnen im Alter gebe es in Neumarkt Angebote mit Vorzeigecharakter.

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Demografischer Wandel schlägt in jeder Kommune knallhart zu

Schwierig sei der Austausch, weil laut Auer die Arbeit eines Seniorenbeauftragten in jeder Gemeinde unterschiedlich definiert ist. „Eines haben alle Kommunen jedoch gemein: Dass der demografische Wandel in allen Gemeinden zuschlägt!“, sagt Auer. Ein großes Problem dabei: das Thema Altersarmut. Besonderes Fingerspitzengefühl sei bei der Vermittlung von Rechtsansprüchen nötig.

Senioren reden nicht gerne über Armut

Über das Thema zu reden, sei vielen Senioren peinlich. „Die, denen es zustehen würde, melden sich nicht. Andere hingegen sind sehr beharrlich in ihren Forderungen, obwohl sie gar keinen Anspruch haben.“ Froh ist man über die gute Zusammenarbeit mit der Seniorenhilfe München, auch auf die finanziellen Mittel der Stiftung „Lichtblicke für Menschen in Not und für soziale Einrichtungen“ könne man schnell und unbürokratisch zugreifen, berichtet Matthias Burger. „Das ist ein großes Glück!“

Einsamkeit ist ein großes Thema bei den Senioren

Eines sehr ernst zu nehmendes Problem der Senioren: die zunehmende Einsamkeit. „Das kommunizieren die Senioren auch“, betont Auer. Es gebe aber diejenigen, die sich zu Hause einschließen. Die Seniorenberatung ist da in Zeiten von Corona hellhörig, sie hat alle ihre Klienten abtelefoniert. „Uns ging es darum, ein Signal zu setzen. Zu zeigen: Da gibt es jemanden!“

Angst vor Corona und Vereinsamung

Nicht nur Einsamkeit, auch Angst hat Corona heraufbeschworen. „Viele haben Angst davor, zum Arzt zu gehen. Angst, sich mit Corona zu infizieren“, erklärt Auer. Hier gelte es, auf die Senioren einzuwirken, zu vermitteln, dass das Ansteckungsrisiko minimiert werden kann, wenn man sich entsprechend schützt. „Da ist viel Aufklärungsarbeit nötig!“, sagt sie.

Bei allen Bemühungen ist man noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Das gibt auch Burger zu. „Wir sind gerade dabei, mehr Sprechstunden anzubieten und Pflegestützpunkte auf den Weg zu bringen. Da bedarf es noch größerer Präsenz und mehr Bürgernähe.“

Landkreisbürger werden immer älter

Die Zahl der Senioren über 65 Jahren lag im Jahr 2010 laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik bei 21 593 (9444 Männer, 12 149 Frauen). Fünf Jahre später lag die zahl nur leicht darüber bei 21 958 (9653 Männer/12 305 Frauen). Bei der jüngsten Erhebung zum Stichtag 31. Dezember 2019 lebten 23 248 Personen über 65 Jahren im Landkreis Mühldorf, davon 10 420 Männer und 12828 Frauen.

Eine Person gilt nach der EU-Definition als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (Schwellenwert der Armutsgefährdung). Nach Erhebungen des Landesamtes für Statistik lag der Median des Nettoäquivalenzeinkommens in Deutschland im Jahr 2010 bei 11 278 Euro pro Jahr für eine alleinstehende Person. Seitdem ist nicht nur der Betrag stetig angewachsen. Im Jahr 2013 lag der Wert bei 11 749 Euro, 2016 bei 12 765 Euro und 2018 bei 13 628 Euro.

Armutsgefährdung im Alter nimmt immer mehr zu

Die Zahl der von Armut betroffenen Personen über 65 Jahre lag deutschlandweit vor zehn Jahren noch bei 14,8 Prozent, wobei davon (16,8 Prozent Frauen und 12,6 Prozent Männer). 2015 lag der Anteil bereits bei 17,2 Prozent (19,1 Prozent Frauen/15,1 Prozent Männer). Die letzte Erhebung des Statistischen Bundesamtes vom Oktober 2019 verzeichnet im Jahr 2018 einen weiteren Anstieg auf 19 Prozent (20,8 Prozent Frauen/17,1 Prozent Männer).

Sprechstunden für Senioren in Neumarkt-St. Veit, Waldkraiburg und Haag

Die Senioren-Sprechstunde findet in Neumarkt-St. Veit jeweils dienstags von 13.30 bis 16 Uhr statt. In Haag steht, ebenfalls jeweils dienstags, in den Sprechstunden von 9 bis 12 Uhr ein Mitarbeiter zur Verfügung. Und in Waldkraiburg sind die Senioren-Sprechstunden jeweils mittwochs von 13 bis 16 Uhr.

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