Corona-Lockerungen: Brauerei Erharting hofft auf ein Ende der Durststrecke

„Gärende Würze“ nennt man die Substanz in den Becken der Brauerei. Von zehn sind aktuell nur zwei gefüllt. Wegen rückläufigen Absatzes, hatte Braumeister Franz Danner (links) auch die Bierherstellung zurückgefahren. Mit der Bräuin Amelie Röhrl hofft er nun auf einen erfolgreichen Sommer. Enzinger

Maschinerie läuft allmählich wieder an, die Biergärten öffnen und auch die Gasthäuser stehen in den Startlöchern: Brauerei Erharting hofft nach den Lockerungen der Corona-Einschränkungen auf ein Ende der Durststrecke. So bereitet sich die Sommerkeller-Wirtin auf den Ansturm vor.

Erharting – Erharting – Regen, ungemütliche, nasse Kälte – alles andere als Biergartenwetter. Nach der „kalte Sophie“ am 15. Mai soll es aber wettermäßig bergauf gehen. Sehr zur Freude der Freunde des Ausschanks unter freiem weiß-blauen Himmel. Denn ab Montag öffnen nach der Corona-Pause die Biergärten. Und damit sollte auch die Durststrecke enden – hofft die Brauerei Erharting.

Entweder Ansturm oder Corona-Angst

Außenbereiche von Gaststätten dürfen ab dem 18. Mai öffnen. Danach folgen am 25. Mai Speiselokale. Hotels starten am 30. Mai mit dem Betrieb. Das Gaststättengewerbe fährt langsam wieder hoch. Die ersten gastronomischen Lockerungen im Zuge der Corona-Ausgangsbeschränkung greifen ab nächster Woche. Auch die beiden Erhartinger Bräuschwestern Amelie und Marlies Röhrl atmen auf: „Endlich eine Perspektive, auf deren Basis man arbeiten kann“, findet Marlies Röhrl. Sie ist einerseits erleichtert, andererseits auch verunsichert: „Wir wissen schließlich nicht, wie die Menschen reagieren: Rennen sie den Gastronomen die Tür ein oder hemmt sie die Angst vor Corona?“ Überhaupt stelle sich die Frage, wie viele Wirte die Folgen der Ausgangsbeschränkung tatsächlich überleben werden.

Über Wochen hinweg gab es kaum Umsatz in den Gaststätten. Lediglich dort, wo etwa Azubis zu beschäftigen waren oder Wirte Erfindergeist bewiesen und Essen „to go“ zubereiteten, floss Geld in die Kassen – wenn auch mit großen Einbußen verbunden.

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Das ist bei der Brauerei Erharting nicht anders: „Der April war ein supersonniger Monat. Aber es durften ja keine Feste stattfinden. Das ist schon bitter. Auch für uns Brauereien“, bedauert Amelie Röhrl den entgangenen Verkauf. Von einem Umsatzeinbruch um die 40 Prozent spricht die Bräuin. „Dabei herrscht um diese Zeit eigentlich reges Treiben auf dem Hof, an der Laderampe“, vergleicht sie. Stattdessen ist wegen Corona seit dem 9. April Kurzarbeit angesagt bei den elf Angestellten. Selbst Braumeister Franz Danner ist nur halbtags anwesend.

Zulieferer abhängig von der Gastronomie

„Auch den Zulieferern wird jetzt bewusst, wie sehr sie von der Gastronomie abhängen“, ergänzt Amelie Röhrl. Ihre Brauerei beliefert selbst 63 kleinere und größere Gaststätten, vom Café bis zum Hotel, bis zum Chiemsee hinein und nach München. Es seien ja nicht nur die Wirtshäuser, die unter der Sperre über Wochen hinweg gelitten hätten. Das gesellschaftliche Leben sei ebenfalls vollkommen zum Erliegen gekommen. Keine kulturellen Veranstaltungen, null Vereinsfeste und alle größeren Geburtstagsfeiern verschoben – sämtliche Kühlanhänger stehen auf dem Hof, die Generatoren schweigen. Selbst die Tatsache, dass Blaskapellen derzeit nicht proben können, bekomme man zu spüren. „Da fallen auch einige Halbe Bier weg“, weiß Amelie Röhrl. Der Umsatzeinbruch reduziere sie nicht auf den Bierkonsum allein, „den bekommen wir bei allen Getränken, auch alkoholfreie, die wir produzieren, zu spüren.“

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Doch jammern will Amelie Röhrl nicht. Die Belieferung von Getränkehandlungen zeigt nämlich auch: Im privaten Bereich lässt sich der geneigte Biertrinker nicht vom Corona-Virus einschränken. Hier ist der Absatz des Hopfengetränkes sogar gestiegen. Von einem Plus in Höhe von 20 Prozent spricht Amelie Röhrl. „Aber das kompensiert natürlich bei Weitem nicht die Mengen, die uns im Verkauf an Gastronomien oder an Vereinsheime fehlen.“ Dass jetzt wieder Golf gespielt werden darf und Tennis. Das gibt Hoffnung. „Obwohl uns natürlich bewusst ist, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sich auch in den Sportheimen wieder die Leute gemütlich zusammensetzen“, tritt Marlies Röhrl auf die Euphoriebremse. In Erharting braut man „auf Sicht“, wie es Braumeister Franz Danner nennt. Wegen Corona erheblich reduziert – das zeigt schon der aktuelle Blick in die Gärbottiche. Normalerweise sind die zehn überdimensionalen Wannen voll, wenn die „gärende Würze“ angesetzt wird. „Aktuell reichen uns aber zwei“, beklagt Danner. Langsam werde man nun die Produktion hochfahren, denn bis ein Helles beim Kredenzen einen genussvollen Seufzer nach sich zieht, dauert es sechs Wochen.

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Wenn die Fahne oben am Dornberg weht

So lange will Ingrid Schwab aber nicht mehr warten. „Wir sind seit Mitte März startklar“, sagt die neue Pächterin des Erhartinger Sommerkellers, hoch droben über dem Isental. Alles war vorbereitet für die Saison, als das Coronavirus und die Einschränkungen der Saison ein Ende gesetzt haben, bevor es überhaupt richtig losgegangen war. Als neue Wirtin des wohl beliebtesten Biergartens in der Region ist sie froh, dass ihre Pacht umsatzgebunden ist. Die Verluste seien nicht zu vergleichen mit denen anderer Wirten, sagt Schwab. „Doch uns ist ein traumhafter April durch die Lappen gegangen. Es wird Zeit, dass es jetzt endlich losgehen kann“, sagt Schwab, die sich auf den kommenden Montag freut. 250 Gäste haben für gewöhnlich Platz, oben auf dem Dornberg, im Schatten der Kastanien. Diese Kapazitäten muss Schwab auf die Hälfte reduzieren, um die Abstandsregelung einzuhalten. „Desinfektionsmittel stehen in den Toiletten, Mundschutz ist obligatorisch, wenn sich die Gäste frei bewegen. Nur wenn sie sitzen, dürfen sie ihn abnehmen.“

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Dass die Gäste aus Angst vor einer Corona-Infektion ausbleiben könnten – diese Sorge hat Schwab, die seit Jahren als Bedienung am Sommerkeller bekannt ist, nicht. „Dreiviertel meiner Gäste sind Stammkundschaft. Wenn ich nach deren Aussagen gehe, dann brauche ich mir über zu wenig Gäste nicht den Kopf zerbrechen.“ Jammern ist ihre Sache grundsätzlich nicht. Denn bei Regen bliebe das Geschäft ja auch aus.

Biergarten: Nur halb so viele Plätze

Doch daran will sie jetzt natürlich nicht denken. Es wird einmal mehr ein Jahrhundertsommer vorhergesagt. Günstige Prognosen also, um die vergangenen Wochen umsatzmäßig aufzufangen? Maifeiertag und das Maibaumaufstellen sind bereits abgehakt. Knapp 100 Hektoliter seien es, die in Corona-freien Zeiten bei Vatertagsfeiern am Flossinger Dorffest, beim Wirteerhaltungsverein in Erharting oder in den Biergärten in München ausgeschenkt werden. Jetzt haben Amelie und Marlies Röhrl die Sommersonnenwende angepeilt. Exakt diese sechs Wochen, die Danner angesprochen hat, bis ein Bier reif zum Verzehr ist. „Vielleicht hat dann die Durststrecke ein Ende“, hofft der Braumeister. Sollte die Pandemie aber darüber hinaus keine Veranstaltungen mit 50 Personen und mehr zulassen, versucht es Amelie Röhrl pragmatisch: „Bier wird ja nicht so schnell schlecht. Es handelt sich schließlich nicht um Erdbeeren.“

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