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SEIN HAUS IST SEINE GALERIE

„Aus dem Lockdown“ auf die Leinwand: Bewohner des Ehrko-Wohnzentrums malen für Kunstprojekt

Interessante Arbeiten sind im Gestaltungsraum entstanden: (von links) Jasmin Klarl mit Sozialpädagogin Svenja Kintsch, Karim Maref und Sabine Haubner mit dem Künstler Herbert Brenzinger, der die Gruppe ehrenamtlich angeleitet hat und dabei auch Georg Kirzinger und Amir Osmanovic unterstützend unter die Arme gegriffen hat.
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Interessante Arbeiten sind im Gestaltungsraum entstanden: (von links) Jasmin Klarl mit Sozialpädagogin Svenja Kintsch, Karim Maref und Sabine Haubner mit dem Künstler Herbert Brenzinger, der die Gruppe ehrenamtlich angeleitet hat und dabei auch Georg Kirzinger und Amir Osmanovic unterstützend unter die Arme gegriffen hat.
  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
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Die Vielfalt hat Einzug gehalten an diesem Nachmittag im Ehrko in Neumarkt-St. Veit. Interessante Bilder haben die Klienten des beschützenden Wohnzentrums auf Leinwand gebannt. Bald schon sollen die Werke ausgestellt werden. Das steckt dahinter.

Neumarkt-St. Veit – Die einen bunt, die anderen rabenschwarz. Hier dicke Schichten in Acryl. Dort eher minimalistisch gehalten, mit bloßem Kugelschreiber. Selbst der Künstler Herbert Brenzinger muss zugeben: „Überraschende Ergebnisse sind da entstanden!“ Der Kraiburger Maler, ist im Rahmen eines Projektes in das Ehrko-Wohnheim gekommen. Seine Aufgabe ist es, die Bewohner anzuleiten. Ihnen Hilfestellung zu geben, um ein sehr komplexes Thema auf Leinwand zu bannen. „Aus dem Lockdown“ – heißt der Titel des Projektes, an dem sich Einrichtungen aus dem „Ambulant-komplementären Verbund“ (AKV) für den Landkreis Mühldorf beteiligen.

Die Stiftung Ecksberg hatte Brenzinger schon bei sich zu Gast. Betreute einer Außenwohngruppe in Mühldorf haben die Säge in die Hand genommen und mit ihm zusammen eine Skulptur geschaffen, die es an der Innlände, dem ehemaligen Hotel Garni, zu sehen gibt. In Neumarkt greifen die Bewohner zu Pinseln, um sich künstlerisch ausdrücken. Bewusst habe man sich für den Titel „Aus dem Lockdown“ entschieden, erklärt der Leiter des Ehrko-Wohnzentrum Klaus Sawitzki. Und er stellt die Frage: „Leben die Klienten mangels nachhaltiger Teilhabe nicht seit jeher, also schon vor Corona, in einer Art Lockdown?“ Er nennt Autisten, die sich ohnehin schon schwertun, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten.

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Auch psychische Krisen haben häufig „Lockdown-Charakter

Auch psychische Krisen hätten häufig „Lockdown-Charakter“. Was die Betroffenen dann erleben, werde kaum thematisiert. Nicht selten bliebe keine andere Wahl als medikamentös zu intervenieren und sich „aus dem Spiel zu nehmen“. Wenn dies ohne qualifizierte Begleitung geschieht, werde „Hilfe“ jedoch zur Selbstschädigung, so Sawitzki. Es sei geradezu verblüffend gewesen zu sehen, wie die Klienten im Rahmen dieses Projektes aus sich heraus gegangen seien.

Autist geht in der Kunst aus sich heraus

Sawitzki jedenfalls ist schwer begeistert, als er sich die Arbeit von Amir Osmanovic ansieht. Ein Feuerwehrhaus hat er gezeichnet. Mit Kugelschreiber. Dazu jede Menge Zahlen, in denen Sawitzki ein gewisses Muster zu erkennen glaubt. Sabine Haubner hingegen mag es düster. Dunkel geschminkt ist die Bewohnerin des Ehrko, sie trägt schwarze Kleidung, die Haare zusammengebunden. Wortkarg ist sie nicht. Ausschweifend erklärt sie, dass sie Künstlerin sei, eine Vorliebe für mystische Malerei habe – und die Farbe schwarz. Ihr Motiv: eine Amsel auf schwarzem Hintergrund.

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Feuerwehrhaus hier, Amsel dort. Sawitzki erklärt, dass das Thema vielschichtige Interpretationsformen ermögliche. Erlebnisse und Erfahrungen aus der Corona-Katastrophe sollten ebenfalls in Szene gesetzt werden. Auch um der „normalen“ Bevölkerung bewusst zu machen, „dass viele pandemiebedingte Einschränkungen, die sie ertragen mussten, für viel zu viele Menschen mit Behinderung zum Alltag gehören“.

Ausstellung am 12. Oktober geplant

In diesem Zusammenhang erklärt der Leiter des Ehrko-Wohnzentrums in Neumarkt den bitteren Doppelsinn des „Social distancing“: einerseits das Mittel der Wahl zur Infektionseindämmung. Andererseits hätten Menschen mit Behinderung das „Abstand halten“ schon vor Corona erlebt, „im Sinn von auf Abstand gehalten werden“. Das Projekt des AKV soll helfen, diese Distanz zu verkleinern. Das Ehrko-Wohnzentrum wird nicht die letzte Einheit sein, in der künstlerische Arbeiten entstehen.

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Auch das Therapiezentrum Christ bei Weiß, Gemeinde Taufkirchen, beteiligt sich an dem Projekt. Die therapeutische Eingliederungshilfe StoePlus in Waldkraiburg will sich ebenso künstlerisch betätigen. Alle haben ein Ziel: Dass es am Dienstag, 12. Oktober, möglich sein wird, die Werke im Rahmen des 20. Geburtstages des AKV der Öffentlichkeit vorzustellen. Eine Ausstellung ist an diesem Tag im Kulturbahnhof von Neumarkt-St. Veit vorgesehen.

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Den AKV gibt es seit 20 Jahren, er steht für Ambulant Komplementärer Verbund. Damit ist ein Netzwerk aus Einrichtungen und Diensten gemeint, die sich beratend (ambulant) oder stationär (komplementär) um psychisch kranke und suchtkranke Menschen kümmern. Der AKV-Mühldorf ist eine „ständige Arbeitsgruppe“ der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft und versteht sich als Verbund von Partnereinrichtungen und Diensten im Landkreis Mühldorf.

Inklusionsgedanken fördern, Stigmatisierung ausmerzen

Neben personenzentrierten Fallbesprechungen werden Projekte geplant und organisiert, die beitragen sollen, die Versorgungsqualität im Landkreis zu steigern, den Inklusionsgedanken mit Leben zu füllen und zur Entstigmatisierung psychisch oder suchtkranker Menschen beizutragen. Aus den Aktivitäten von AKV und PSAG ragten in den letzten Jahren der Fachtag „Quo vadis Geld?“ (2006) und die „Woche der seelischen Gesundheit“ (Mai 2013) heraus.

Soziale Dienste und Einrichtungen sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region

Erstgenannte Veranstaltung hat untersucht, welche (volks-)wirtschaftliche Bedeutung und Auswirkungen die Versorgungsdichte im Landkreis Mühldorf mit sich bringt. „Es stellte sich heraus, dass soziale Dienste und Einrichtungen einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor für die Region darstellen und als Kompetenzzentrum für die Versorgung psychiatrischer Hilfebedarfe mit vermutlich bundesweiter Bedeutung anzusehen sind“, erklärt Klaus Sawitzki, Leiter des Ehrko-Wonzentrums, der sich auch im AKV engagiert.

„AKV-Kunstpreis“ findet 2016 große Beachtung

Im Jahr 2016 fand der „AKV-Kunstpreis“ große Beachtung. In den Folgejahren wurde ein „Kinoprojekt“ in Waldkraiburg, der Fachtag „Suchtkrank – Selber schuld?“ in Mettenheim und das Fachgespräch „Straftaten im Hilfesystem“ im Ehrko-Wohnzentrum verwirklicht.

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