Heimatforscher entdeckt

Erhartings Kirchen ziehen Diebe magnetisch an - und das ist kein neues Phänomen

Der Opferstock: Begehrtes Objekt bei dreisten Kirchenräubern.
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Der Opferstock: Begehrtes Objekt bei dreisten Kirchenräubern.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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  • Leo Biermaier
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Diebe, die den Opferstock einer Kirche ausräumen - das ist kein neues Phänomen. Heimatforscher Leo Biermaier findet viele Hinweise auf Ein- und Aufbrüche in der Erhartinger Kirche, die sogar bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen.

Erharting – Fünf weiße Hocker mit rotem Samtbezug und zwei grüne Teppiche – es war im Oktober 2020, als dieses Inventar, Eigentum des Pfarrverband Töging-Erharting, nach einem Gottesdienst im Freien gestohlen worden war. Mehrere Nachforschungen nach dem Verbleib der Sitzmöbel waren erfolglos geblieben. Diebstahl und Raub im kirchlichen Bereich – keine Seltenheit, wie der Heimatforscher Leo Biermaier beim Blick in die Zeitung der letzten 350 Jahre herausgefunden hat.

Begehrte Altartücher verschwunden

Biermaier zitiert aus Prozessakten aus dem Jahr 1679, wonach aus der Frixinger St. Stephanskirche Altartücher sowie eiserne und wächserne Rößlein gestohlen worden seien. „Die Rößlein waren Opfergaben der Bauern für erlangte Heilung ihrer Pferde und wurden beim Stephaniumritt an die Kirche übergeben“, erklärt Biermaier. Den Aufzeichnungen nach waren die Diebe durch die Sakristei ins Gotteshaus eingedrungen.

Schinagl Kirche als Unterschlupf von „diebischem Gesindel und Vaganten“

Über die Kirche am Dornberg (Schinagl Kirche) berichtet der Erhartinger Pfarrer Johann Polz im Jahr 1775 dem Bistum in Salzburg, dass Teile der Ausstattung nicht mehr vorhanden seien und der verbliebene Rest auf andere Kirchen verteilt wurde. Man hielt es für sinnvoll, die ruinöse Kirche abzutragen, „weil das Gebäude nur diebischem Gesindel und Vaganten als Unterschlupf diente“. Es sollte aber noch 30 Jahre dauern, bis diesem unguten Zustand ein Ende bereitet wurde. Auch in der Hampersberger Kirche verschwanden Kunstwerke – Votivtafeln und der komplette gotische Altar.

Kurios – auch in diesen Kirchen waren freche Diebe am Werk:

Dreister Dieb erbeutet 50 Euro

Osterkerze aus dem Altarraum der Erlöserkirche in Rosenheim gestohlen

Der heilige Josef ist wieder aufgetaucht

Am 3. Mai 1896 informiert der Mühldorfer Anzeiger über einen „frechen Diebstahl“ in der Erhartinger Pfarrkirche: „Am 30. April war der Marienaltar geschmückt. Von dem neuen Baldachin aus weißem Seidenstoff wurde die eine Hälfte samt den Spitzen gestohlen. Vom Missethäter (man darf wohl sagen von der… ) ist leider keine Spur gefunden“. Dem Text war zu entnehmen, dass man die Untat einer Frauensperson zuschrieb.

Opferstock in der Seelenkapelle.

Opferstockmarder ertappt

Am 24. Oktober 1928 erfuhren die Leser der Lokalpresse von einem „Opferstockmarder“ in der Erhartinger Kirche, der von Pfarrer Michael Meyer auf frischer Tat ertappt und dann auch festgenommen worden sei. „Es handelt sich um ein 18 Jahre altes Bürschchen, das auf Besuch bei Verwandten in Maxing weilte und diese Gelegenheit dazu benützte, sich an dem Opfergelde zu vergreifen.“ Aus Freising soll er gestammt haben. „Die Frechheit des Räubers erhellt sich daraus, dass er das geraubte Opfergeld im Gasthaus gegen größere Münze umtauschte“.

Ein weiterer „Opferstockmarder“ war im August 1951 in der Pfarrkirche gescheitert. Dennoch bekam auch er einige Zeilen im Anzeiger. Das Vorhaben sei gescheitert, „weil dem Räuber bei seinen Bemühungen der Bart des Nachschlüssels abbrach“. Dumm gelaufen.

St. Christopherus aus der Kirche gestohlen

Auch auf Heiligenfiguren hatten es die Diebe abgesehen. Die Mühldorfer Nachrichten hatten am 11. November 1952 bekannt gegeben, dass ein frecher Dieb die holzgeschnitzte Figur des St. Christopherus am helllichten Tag aus der Pfarrkirche gestohlen habe. Eine in Buchenholz ausgeführte Schnitzarbeit mit Silber-, Gold- und Emaillefarben versehen, die bis 1945 mit einer Figur gleicher Art den Altar der Seelenkapelle zierte. Die Bevölkerung sei darüber empört, „dass das Diebesgesindel nicht Halt vor heiligen Stätten macht und verehrungswürdige Gegenstände zum Ziel der Raubzüge macht“.

Pestkapelle ohne Eingangsportal

Ende Juni 1956 soll es laut Zeitungsnotiz erneut einen versuchten Opferstockraub in der Seelenkapelle gegeben haben, danach sollte für Jahrzehnte Ruhe einkehren, die Almosen in den Opferstöcken schienen die Diebe nicht mehr zu interessieren.

Die Pestkapelle verlor ihr Eingangsportal

Die Diebe konzentrierten sich fortan auf kunsthistorisch wertvolle Gegenstände wie etwa den Diebstahl der Eingangstüre der Pestkapelle in den 1990er Jahren. Pfarrer Gottfried Wagner informierte in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei Antiquitätenhändler über den Diebstahl. Das Glück war tatsächlich auf der Seite der Erhartinger: Denn nach einigen Monaten wurde das Diebesgut einem Burghausener Kunsthändler angeboten. Dieser ging zum Schein auf das Geschäft ein und informierte zugleich die Kripo. Der Dieb war ein Mann, der unmittelbar vor der Tat aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Pfarrer tätlich angegriffen

Einbrüche und Raubzüge in den Erhartinger Kirchen waren materielle Verluste. Selbst als ein Pfarrer einen Dieb auf frischer Tat ertappt hatte, musste er nicht um seine körperliche Unversehrtheit bangen. Gegen einen tätlichen Angriff musste sich jedoch Pfarrer Wunibald Löffler im September 1887 gegenüber einem Jugendlichen in der Pfarrkirche erwehren. Dazu vermeldet der Mühldorfer Anzeiger am 23. September 1887: „Aus Erharting erfährt man, dass der dortige Herr Pfarrer in der Kirche im Ornate (Meßgewand) vor Beginn des Nachmittags Rosenkranzes und Christenlehre von einem Christenlehrpflichtigen tätlich angegriffen worden sei – Nicht übel! Da wäre doch die Prügelstrafe noch am Platze“.

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