Als Ersatz der fehlenden Männer in der Heimat: Das Lager des weiblichen Reichsarbeitsdienstes

"Arbeitsmaiden" im Schloss Adlstein

Berüchtigt waren die Fahrrad-Appelle, die am Samstagnachmittag stattfanden. Bei dieser Visitation wurde neben der ordnungsgemäßen Funktion des Drahtesels auch dessen Sauberkeit peinlichst genau kontrolliert. Foto Stadtarchiv
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Berüchtigt waren die Fahrrad-Appelle, die am Samstagnachmittag stattfanden. Bei dieser Visitation wurde neben der ordnungsgemäßen Funktion des Drahtesels auch dessen Sauberkeit peinlichst genau kontrolliert. Foto Stadtarchiv

Neumarkt-St.Veit - Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine Organisation des nationalsozialistischen Machtapparates im Deutschen Reich der Jahre 1933 bis 1945. Ab Juni 1935 musste dort jeder junge Mann eine sechsmonatige, dem Wehrdienst vorgelagerte Arbeitspflicht im Rahmen eines Arbeitsdienstes ableisten.

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Reichsarbeitsdienst auch auf die weibliche Jugend ausgedehnt. Der RAD war ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland und dessen Erziehungssystems. Der weibliche RAD wurde vor allem als Ersatz für fehlende männliche Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und als sogenannter Kriegshilfsdienst in Ämtern und Schreibstuben, in der Rüstungsproduktion und im öffentlichen Nahverkehr verwendet. Dazu wurde die Arbeitsdienstzeit um ein halbes Jahr verlängert.

Ab 1944 wurden "Arbeitsmaiden" des RAD auch für die Besetzung von Flak-Scheinwerfer-Batterien und zur Lenkung von Nachtjagd-Einheiten der Luftwaffe herangezogen.

1938 erwarb die Marktgemeinde Neumarkt-St.Veit das Schloss Adlstein vom Naturheilkundigen Rudolf Czermak und stellte es der NS-Führung für ein Lager des weiblichen Reichsarbeitsdienstes zur Verfügung. Eine Frau, die im Lager Adlstein damals ihren Dienst verrichtete, kehrte vor ein paar Jahren an ihren einstigen Einsatzort zurück und hinterließ ein paar kleine Bilder im Stadtarchiv und beschrieb den Alltag im Lager.

Der Tag begann mit dem Morgenappell vor dem alten Schloss, wo die NS-Fahne aufgezogen wurde. Anschließend musste man mit den Fahrrädern vor dem Gebäude antreten und ist dann zu den zugeteilten Arbeitsplätzen gefahren. Die meisten der Arbeitsmaiden wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, aber auch in anderen Betrieben in und um Neumarkt-St.Veit. Abends kehrte man wieder zurück und hatte noch im Lager diverse Aufgaben zu erledigen.

Auch der gemeinsame Sport gehörte zum Dienstalltag der jungen Frauen. Berüchtigt waren die Fahrrad-Appelle, die am Samstagnachmittag stattfanden. Bei dieser Visitation wurde neben der ordnungsgemäßen Funktion des Drahtesels auch dessen Sauberkeit peinlichst genau kontrolliert, wobei die Führungsdamen nicht zurückschreckten auch einmal mit den Fingern unter das Schutzblech zu streifen. Vor diesem Fahrradappell war die Postausgabe und die "Löhnung" mit zwei Mark Papiergeld.

Als ein besonderes "Sonntagsvergnügen" schilderte die ehemalige Arbeitsmaid den jeden Sonntag stattfindenden 30-Kilometermarsch mit musikalischer Unterstützung und Gesang, der selbst nach einer harten Arbeitswoche wie etwa Erntearbeiten und ähnliches durchgeführt wurde. jaw

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