75 Jahre Kriegsende

Ein Flugzeugabsturz kurz vor Kriegsende bei Piesenkofen gibt bis heute Rätsel auf

Die viermotorige Focke-Wulfwar in der damaligen Zeit das größte und modernste Langstreckenflugzeug EuropasMit einer Spannweite von 33 Metern und einer Länge von 24 Metern bot sie Platz für 26 Fluggäste. Deutsche Lufthansa AG
  • Harald Schwarz
    vonHarald Schwarz
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Eine Focke-Wulf stürzte 14 Tage vor Kriegsende in Piesenkofen bei Egglkofen ab. Der Heimatforscher Peter Käser beschäftigt sich seit rund 25 Jahren mit dem geheimnisumrankten Katastrophe, an die seit 2005 eine Stele erinnert.

Egglkofen – Noch heute ist eine Schneise zu sehen, wo vor 75 Jahren die viermotorige Focke Wulf „Hessen“ in einem Wald bei Piesenkofen abgestürzt ist. Man vermutet, dass darin am 21. April 1945 – zwei Wochen vor Kriegsende – etwa 25 Menschen ums Leben gekommen waren.

Ursache des Absturzes nie aufgeklärt

Die Ursache für den Absturz ist nie aufgeklärt worden. Doch bot sich ein Nährboden für Legenden: War die Maschine von der eigenen deutschen Luftabwehr abgeschossen worden, die durch den Luftangriff auf Mühldorf am Tag vorher in erhöhter Bereitschaft war? Im Münchner Flugsicherungsraum waren wegen des schlechten Wetters an diesem Tag keine feindlichen Flugzeuge gemeldet.

Ein Heimatforscher geht dem Rätsel seit 25 Jahren nach

Vielleicht ist das Flugzeug auch einfach nur durch einen Blitzschlag oder einen Motorbrand mit anschließender Explosion abgestürzt. Der Heimatforscher Peter Käser beschäftigt sich seit rund 25 Jahren mit dem Absturz.

Der letzte Flug der Lufthansa aus Berlin

Es ist der letzte Flug der Lufthansa aus Berlin. Nachdem die Russen Berlin und das Rollfeld des Flughafen Berlin-Tempelhof unter Beschuss genommen haben, werden die Lufthansabüros aufgelöst und nach München verlegt. Der letzte Flug von Berlin nach München und einem Weiterflug nach Spanien, mit der Focke Wulf „Condor Hessen“, sollte eigentlich in den Morgenstunden des Samstag 21. April 1945, erfolgen. Wegen der feindlichen Lufttätigkeiten im Berliner Raum wird der Abflug dann auf den Abend verschoben.

Das Flugzeug sollte in München-Riem landen

Orkanartige Windböen und Schneegestöber machen es dem Flugkapitän August Künstle unmöglich, die „Hessen“ auf dem Flughafen München-Riem zu landen. Künstle, der gegen 20.25 Uhr vom Flughafen Berlin-Tempelhof gestartet ist, muss nach Osten abdrehen. Auf dieser Schleife fängt einer der vier Motoren Feuer, ein Teil der Tragfläche wird abgesprengt und die Maschine stürzt kurz nach 22 Uhr fast senkrecht in ein Waldstück bei Piesenkofen.

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Zeitzeugen des Absturzes: Flugzeug im Inneren hell erleuchtet

Die Umstände des Absturzes, die Peter Käser in einigen wenigen Sätzen zusammenfasst, lesen sich fast wie ein Krimi. Zeitzeugen berichten später von einem brennenden, im Inneren hell erleuchteten, laut brummenden Flugzeug, das im Umkreis von etwa fünf Kilometern von der Absturzstelle zu hören ist.

Heimatforscher Peter Käser bei der Absturzstelle: In dem Loch hinter dem Kreuz und der Stele befindet sich vermutlich immer noch der Rumpf der abgestürzten Lufthansa-Maschine. Schwarz

Die Schneise, die durch den Absturz entstanden war, ist heute noch zu sehen: Ein fast kreisrundes Loch mit einem Durchmesser von etwa 20 Metern, in dem nach wie vor keine Bäume stehen.

Augenzeugen von damals berichten, dass die abgestürzte Maschine etwa drei Tage dahingeschmort hatte. „Es roch überall nach Sprit, verbranntem Kunststoff sowie Verbranntem“, gibt Käser die Aussagen der Bewohner rund um Piesenkofen wider. Käser berichtet von einem Bauer aus Egglkofen, der einen Tag nach dem Absturz den damaligen Ortsgruppenführer Kaspar Kircheisen über den Flugzeugabsturz informiert haben soll.

Mysteriöse Dokumente und Bargeld an der Asturzstelle

Zudem habe er Kircheisen Dinge übergeben, die er an der Absturzstelle gefunden hatte: eine lederne Aktentasche, den Pass des Flugkapitäns Künstle, einen Reisepass sowie diverse Fotografien. Dazu etwas deutsches und ausländisches Bargeld und einige Seidentücher.

„Rund zehn Meter neben der Absturzstelle lagen Leichenteile sowie ein Teil des Leitwerks“, weiß Käser aus diesen Erzählungen. In etwa 150 Meter Entfernung fand man ein etwa drei Meter langes Teil einer Tragfläche. Und das wies kreisrunde, fingerdickgroße Löcher aufwies. Das nährte natürlich die Spekulationen über einen Abschuss.

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Am Morgen des 24. April traf die Polizei von Neumarkt-St. Veit ein und nahm den tragischen Unfall auf. Dabei wurde auch vermerkt, dass die Leichenteile gleich neben der Absturzstelle beerdigt worden waren. Gleichzeitig, so Käser, wurde vermutet, dass sich weitere Leichen in dem Rumpf befinden könnten, der sich allerdings tief in den Boden gegraben hatte. Um wen es sich handelt, wurde allerdings nie aufgeklärt.

Wer war an Bord des abgestürzten Flugzeuges

Zumal alle Unterlagen im Zuge des Kriegsendes verschwanden“, ergänzt Käser. Damit schossen auch zahlreiche Gerüchte ins Kraut, wer denn in dem abgestürzten Flugzeug gesessen haben könnte. An den Stammtischen sei sogar spekuliert worden, ob Nazi-Bonzen in dem Flugzeug gewesen sein könnten. Nahrung erhielten diese Gerüchte von Augenzeugen, die von einigen Toten in Ledermäntel berichteten - solche Ledermäntel, wie man sie normalerweise nur bei führenden Mitgliedern der NSDAP kannte.

Den Leichen fehlten die Köpfe

Erst nach viereinhalb Jahren wurde von dem Absturz Näheres bekannt, und nach sieben Jahren, 1952 wurden die Toten exhumiert und bei der Kirche in Tegernbach begraben, erzählt Käser. Und er lässt dabei ein schauriges Detail nicht aus: Bei der Exhumierung war nämlich aufgefallen, dass bei allen Leichen die Köpfe fehlten. „Es wird vermutet, dass die Amerikaner die Köpfe konfisziert hatten, da sie hochrangige Nazis in dem Flugzeug vermuteten!“, so Käser.

Bronzestele erinnert seit 2005 an Absturz

Zum 60. Jahrestag des Absturzes besuchten Hinterbliebene aus dem Allgäu und Tübingen die Absturzstelle und das Grab in Tegernbach. Der 70-jährige Karl Vrany stand zum ersten Mal am Grab seines abgestürzten Vaters. „Er besuchte die Absturzstelle und brach in Tränen aus“, berichtet Käser. Der Kunstschmiedemeister Josef Scheidhammer aus Jesenkofen stellte 2005 an der Absturzstelle eine Bronze-Stele auf. Sein Vater, Lorenz Scheidhammer, war 15 Jahre, als das Flugzeug abstürzte. Er konnte viele Jahre nicht darüber reden, doch begleiteten noch Jahrzehnte später die Eindrücke von herumliegenden Leichen- und Flugzeugteilen. Als sein Sohn die Bronze-Stele fertigte, löste sich bei ihm ein Trauma.

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