30 Jahre Mauerfall

Ein Jahr älter als der Mauerfall: DDR-Nostalgie auf vier Rädern in Niederbergkirchen zu Hause

Das „S“ steht fürdie Sachsenring Automobilwerke Zwickau. Stefan Geithner ist stolzer Besitzer eines „601“.
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Das „S“ steht fürdie Sachsenring Automobilwerke Zwickau. Stefan Geithner ist stolzer Besitzer eines „601“.

120 Spitze, 26 PS, 600 Kubikmeter Hubraum und nur sechs Liter auf 100 Kilometer: An diesem Spritverbrauch hätte selbst Greta Thunberg ihre helle Freude. Der Niederbergkirchener Stefan Geithner schätzt  an seinem Trabbi 601 aber noch viel mehr als den Spritverbrauch.

Niederbergkirchen – Das wohl kleinste DDR-Museum befindet sich in der Mitte des Landkreises Mühldorf. Genauer gesagt in einer Garage in Hacken bei Niederbergkirchen. Dort steht der Trabant 601 von Stefan Geithner. Himmelblau ist er, mit ockerfarbenen Sitzbezügen, spartanischer Ausstattung inklusive. Und vor allem: fahrbereit. „Zwar muckt der Vergaser etwas. Aber bis zum Frühjahr sollte auch das wieder behoben sein“, erzählt Stefan Geithner aus Niederbergkirchen, der vor knapp zwölf Jahren seine Liebe für die DDR-Kutsche entdeckt hat.

Nostalgischer Schriftzug.

Ein Spezl hatte sich in Nürnberg ein Trabi-Cabrio gekauft, aber keinen Führerschein. Also sprang der 41-jährige Niederbergkirchener ein, der das Fahrzeug aus dem Frankenland nach Bayern überführte. „Ich habe den Trabi heimgebracht, überlebt, und war sofort angefixt!“

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120 – bei Heimweh und Rückenwind

Die Suche nach einem Trabi war schwierig. Erst 2009 bot sich die Gelegenheit zum Kauf. 1500 Euro hat er hingelegt, für das himmelblaue Auto, Baujahr 1988. Er spricht von Nostalgie pur, wenn er sich damit auf Ausfahrten begibt: „Einen besseren, direkteren Kontakt zur Straße kann man nicht haben.“

Trabant 601,Baujahr, 26 PS, Zweitaktmotor und 600 ccm Hubraum. Spartanische Ausstattung, aber auf den Andruckverstärker für die Scheibenwischer wollte man dann doch nicht verzichten. Enzinger

Und dabei kommt es ihm nicht auf die Geschwindigkeit an – wofür bauartbedingt ohnehin Grenzen gesetzt sind. „120 Sachen sind schon drin – bei Heimweh und Rückenwind“, verrät Geithner. Schneller zu fahren, mache keinen Sinn: „Dann plärrt der Motor nur noch. Und es ist auch nicht gut für ihn“, meint Geithner fast schon fürsorglich.

Nur ein Jahr älter als der Mauerfall

Natürlich erntet er viele bewundernde Blicke, wenn er mit seinem Zweitakter durch die Gegend tuckert. Schön gemütlich. „Es gibt aber auch viele, die mit meinem Reisetempo von 80 bis 90 Stundenkilometer nichts anfangen können. Man wird als Verkehrshindernis gesehen. Es kommt nicht selten vor, dass mir die Vorfahrt genommen wird.“

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Mit seinen 31 Jahren ist der „Trabant 601“ nur ein Jahr älter als der Mauerfall, zählt aber natürlich bereits zu den Oldtimern. Und Geithner ist nicht der einzige in der Gegend, der ein Produkt der Sachsenring Automobilwerke Zwickau sein Eigen nennen darf.

Technik, die begeistert, ohne viel Schnickschnack. Vor allem, weil man sich bei Reparaturen selbst helfen kann.

Es gibt eine Menge von Gleichgesinnten, die sich etwa bei den Trabant-Piloten Tacherting vereint haben, selbst Trabi-Treffen veranstalten oder durchaus auch mal die 550 Kilometer lange Reise in die ehemalige DDR auf sich nehmen, um etwa in Uftrungen fachzusimpeln.

Neues Ersatzteil gegen altes

An Ersatzteile zu kommen ist viel einfacher – dem Internet sei Dank! „Vieles gibt es bei Ebay. Für spezielle Teile gibt es Experten, die alte Teile regenerieren und dann wieder verkaufen. Im Gegenzug muss man denen dann seine alten Teile zur Aufbereitung überlassen.“

Wie ein Ami-Schlitten.

Geithner will nichts dem Zufall überlassen, hat sich bei Amerang eine Garage angemietet, in der er Ersatzteile eingelagert hat. Das Internet nutzt Geithner auch dafür, um Ausschau nach speziellen Accessoires zu halten. Eine „Auspufftatze“ schmückt den Auspuff. Ein spezieller Schaltgriff für die Gangschaltung oder Original-Plüschtiere anno dazumal – vom Sandmännchen bis zum Kinderliebling Pittiplatsch – haben sie alle auf der Rückbank Platz genommen, natürlich alles ohne Gurt.

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Stylische Stoffwürfel am Rückspiegel und eine klassische Mütze aus dem Fundus der Volkspolizei dürfen in dem fünf Quadratmeter großen DDR-Museum nicht fehlen. Und immer mit dabei: Die Original-Betriebsanleitung. Unglaubliche 67 Seiten umfasst die Funktions-Beschreibung. Die Erklärung für Bremskraftverstärker oder Servolenkung versucht man vergebens – Beides hat es schlichtweg nicht gegeben.

Wie funktioniert eine Fensterkurbel?

Dafür wird haarklein erklärt, wie Fenster und Türen zu öffnen sind: „Mit Hilfe der Fensterkurbel wird die Seitenscheibe geöffnet und geschlossen. Durch Zurückziehen des Zuggriffes wird die Tür von innen geöffnet.“ Und natürlich steht detailliert beschrieben, was es etwas mit den sieben LEDs bei der Tanzanzeige auf sich hat.

Auspufftatze.

„Kraftstoffmomentanverbrauchsanzeige“ ist da zu lesen. Sie hat schon damals eine ökonomische – und damit schon lange vor Greta Thunberg – sparsame Fahrweise angeregt. Und überhaupt: Mit knapp sechs Litern Super Bleifrei auf 100 Kilometern kann der DDR-Flitzer heute immer noch mithalten, was die Ökologie auf der Straße betrifft.

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