Neubeginn in Mühldorf nach dem Zweiten Weltkrieg war schwierig

Mühldorfer Hausfrauen stehen Schlange vor de Kohlenhandlung Karl Leiseder. In den Jahren 1945 bis 1948 war dies ein alltägliches Bild vor vilen Geschäften. STadtarchiv
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Mühldorfer Hausfrauen stehen Schlange vor de Kohlenhandlung Karl Leiseder. In den Jahren 1945 bis 1948 war dies ein alltägliches Bild vor vilen Geschäften. STadtarchiv
  • Josef Bauer
    vonJosef Bauer
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Es herrschte in Mühldorf große Wohnungsnot, die durch die Flüchtlinge noch verstärkt wurde. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wurde knapp. Der Schwarzmarkt blühte auf und als Währung etablierten sich amerikanische Zigaretten. Auch die Entnazifizierung sorgte für große Unruhe in der Bevölkerung.

Mühldorf – Zu den wichtigsten Informationen, die Aufschluss über die Zeit nach Kriegsende 1945 geben, gehören die ersten Blätter des „Mühldor-fer Anzeigers“ und des Mühldorfers Hans Rudolf Spagl. . Sie enthielten Anordnungen und Hinweise der Militärregierung und der Kommunalbehörden. Das erste Blatt des „Anzeigers“ erschien bereits am 8. Mai 1945 im Mühldorfer Druck- und Verlagshaus D. Geiger und zählt damit zu den allerersten Zeitungen, die nach der Besetzung Deutschlands im Mai 1945 überhaupt erscheinen konnten. Bildmaterial ist aus der ersten Nachkriegszeit nur sehr spärlich vorhanden. Fotoapparate mussten abgeliefert werden, und Fotomaterial war auch für dienstliche Zwecke bis 1948 kaum zu bekommen.

Mühldorfer Anzeiger erschien wieder

Dagegen sind uns Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944 bis 1949 erhalten, die in zwei Fortsetzungsfolgen der Mühldorfer Tageszeitungen fünf und zehn Jahre nach Kriegsende erschienen sind. Auch gibt es Gesprächsnotizen des 1945 eingesetzten Landrats Dr. Karl Mayer mit den jeweiligen Militärgouverneuren von Mühldorf aus der Zeit bis Ende März 1946. Neben den „Amtlichen Bekanntmachungen“ lassen diese knapp gefassten Bemerkungen die Schwierigkeiten in der ersten Nachkriegszeit wohl am besten erkennen. An einigen Beispielen sei dies deutlich gemacht:

Schwimmbanutzung für Einheimische

In der Frage, ob die deutsche Zivilbevölkerung nach 5 Uhr das städtische Schwimmbad benutzen darf, ist noch keine Entscheidung getroffen. 19. Juni 1945: Ein Ruhetag für Gasthäuser soll in Zukunft nicht mehr bestehen. 21. Juni .1945: Alle Deutschen sind arbeitseinsatzpflichtig. Wenn sie jetzt wegen ihrer früheren Parteizugehörigkeit nicht mehr dieselbe Stellung bekommen können, sind sie verpflichtet, in der Landwirtschaft mitzuhelfen. - Irgendwelche Überfälle auf Zivilpersonen von Seiten amerikanischer Truppen müssen innerhalb 24 Stunden unter Angabe der Wagennummer bei der betreffenden örtlichen amerikanischen Kommandantur gemeldet werden. Spätere Meldungen sind zwecklos. 25. Juni 1945: Alle Kindergärten sollen eröffnet werden für Kinder bis zu sechs Jahren. Ein Bericht muss eingereicht werden über alle offenen Kindergärten und die Fragebögen der leitenden Personen dieser Kindergärten. -Schullehrer und andere Leute, die zur Zeit ohne Beschäftigung sind, sollen eingesetzt werden, um die Straßen wieder instand zu setzen. - Alle Deutschen aus anderen Teilen müssen in der gleichen Weise behandelt werden, wie die hiesige Bevölkerung. 29.6.1945: Für Leutnant Killy sollen wir einen Bericht über alle Pfarrer in dem Landkreis anfertigen.

30. Juni 1945: Major Vickerman wünscht am Montag eine Liste über alle Versammlungen, die hier im Landkreis regelmäßig stattfinden. - Am Montag, 2. Juli.1945, möchten früh um 9 Uhr zwei Laufboten bei der Militär-Regierung sein mit ausgefüllten Fragebogen, um für die neue Militär-Regierung zu arbeiten. 5. Juli 1945: Am Sonnabend, 7. Juli 1945, in ganz Mühldorf kann wieder der Telephondienst genommen werden. - In der nächsten sollen die Berichte über Parteimitglieder vom ganzen Landkreis eingehen.

Brauereien durften wieder arbeiten

19. Juli 1945: Brauereien gehören im allgemeinen nicht unter lebensmittelerzeugende Betriebe, für die nächste Woche zählen sie aber noch darunter, sie dürfen nächste Woche weiterarbeiten. — Wir baten erneut darum, die Polizeistunde während der Erntezeit zu erweitern, und zwar von 4 Uhr morgens bis 10 Uhr abends.

13. August 1945: Die Stadträte baten darum, dass die Wagen für Herrn Leutnant Smith, Herrn Bauer und Dr. Strauch in Zukunft mit amerikanischem Benzin fahren, da von uns aus dieses Benzin nicht in der Treibstoffanforderung berücksichtigt wurde. - Es muss ein genauer Bericht über den Benzinverbrauch im Monat Juli 1945 eingereicht werden, zu welchen Zwecken das Benzin verbraucht wurde und wie groß die Menge ist, die noch übrig geblieben ist. - Um den 20. August herum soll in der Stadt Mühldorf der Kindergarten wieder eröffnet werden. Noch vor diesem Termin sollen die Klosterschwestern, die diesen Kindergarten leiten werden, zu Leutnant Smith kommen. — Es sollen so schnell wie möglich unsere Ziegeleien arbeiten mit den Kohlen der geschlossenen Brauereien.

Bewohner mussten der Stadt helfen

15. August 1945: Es soll vom Landrat aus veranlasst werden, dass alle Bewohner der benachbarten Gemeinden in Mühldorf beim Wiederaufbau der Stadt helfen müssen. Auch die Bewohner des ganzen Landkreises müssen helfen. Später wird für Transportmittel der arbeitenden Personen gesorgt werden. - In Mühldorf müssen so schnell wie möglich alle Straßen gereinigt werden. Morgen, Mittwoch, ist gesetzlicher Feiertag, doch muss in der Stadt Mühldorf die Straßenreinigung durchgeführt werden. - Für welche Lastwagen ist es noch möglich, dass sie auf Holzgas umgestellt werden?“ Doch bis zur Normalisierung des menschlichen Zusammenlebens war noch ein langer Weg, wie sich an einigen wenigen Beispielen aus Gesellschaft und Politik der Nachkriegszeit zeigen lässt.

Liste mit Fräuleins an Kirchtüre genagelt

Die amerikanischen Besatzungssoldaten waren gehalten, eine über ein notwendiges Maß hinausgehende Verständigung oder gar Verbrüderung (= Fraterniastion) zu vermeiden. Andererseits gab es natürlich bald Kontakte zwischen den Soldaten und Teilen der deutschen Bevölkerung. Über Freundschaften mit deutschen Mädchen und Frauen berichtete sogar eine Soldatenzeitung des in Töging stationierten Tankerbataillons Nr. 25 im August 1945. An der Außentüre der Mühldorfer Pfarrkirche St. Nikolaus hefteten Unbekannte ein anzügliches Gedicht, das die Hinwendung einiger Mühldorferinnen zu „Ami’s“ aufs Korn nahm. Die Suche nach den deutschen „Missetätern“ blieb erfolglos.

Eine Heirat zwischen amerikanischen Soldaten und deutschen Frauen war in der ersten Nachkriegszeit kaum möglich. Die amerikanischen Behörden machten hier erhebliche Schwierigkeiten. Erst als sich das Verhältnis zwischen dem Ostblock und dem Westen abzukühlen begann, kamen sich Deutsche und Westalliierte näher.

Flüchtlinge wurden abgelehnt

Die Eingliederung der aus ihrer Heimat im Osten vertriebenen Deutschen stellte auch die Stadt und den Landkreis Mühldorf vor große Probleme. Im Juli 1946 sollten etwa 3000 Flüchtlinge, vorwiegend aus dem Sudetenland. in Mühldorf und der Umgebung aufgenommen werden. Ein Unterkommen in der Stadt selbst war schon wegen der Bombenzerstörungen äußerst schwierig. Als Notunterkünfte standen zunächst Barackenlager zur Verfügung. die noch während des Krieges errichtet worden waren, zum Beispiel in Mettenheim. unterhalb Ecksberg das Grümerlager oder die gelegentlich als ..Negersiedlung““ benannten Baracken an der Töginger Straße in Mühldorf beim heutigen Bauhof.

Vor allem in den Anfangszeiten des Jahres 1946. als die Ausweisungswelle besonders stark einsetzte, fanden die Vertriebenen in der neuen Heimat nur wenig Aufnahmebereitschaft oder gar Zuneigung. Ein Aufruf des Flüchtlingskommissars von Mühldorf vom 11.Juli 1946 spricht die schwierige Lage an: „In den vor den Toren der Stadt Mühldorf liegenden Flüchtlingslagern befinden sich rund 3000 Personen, die auf die Zuweisung in Privatquartiere im Landkreis Mühldorf seit Wochen warten.

Laut der mir übertragenen Aufgabe muss ich nunmehr dafür sorgen, dass diese Flüchtlinge aus „den Lagern heraus und in Einzelquartieren untergebracht werden. Es ist bekannt, dass die Bereitstellung von Wohnraum für eine so hohe Zahl von Menschen außerordentliche Härten mit sich bringen wird. Das Amt der Militärregierung für Bayern hat beanstandet, dass die Räumung der Wohnungen von Nationalsozialisten nicht schnell und umfassend genug vor sich geht, um den äußerst großen Bedarf an Wohnraum zu decken. ..Dieser sögenannte politische Wohnraum reicht jedoch keineswegs aus, um eine Zahl von 3000 Flüchtlingen unterzubringen. Auch die übrige Bevölkerung muss den Anteil an dieser Einquartierung tragen. Dass es hierbei nicht ohne zum Teil harte Einschränkungen abgeht, dürfte jedem verständigen Menschen klar sein. Außerordentliche Umstände und Notzeiten verlangen gebieterisch auch außerordentliche Lösungen. „Ich appelliere daher an die gesamte Bevölkerung, in wahrhaft christlicher Gesinnung den unglücklichen Flüchtlingen, die zum Großteil zu dem Verlust der Heimat auch den Verlust von Hab und Gut zu beklagen haben, zu helfen“, sagte der Landrat..

Unglück anderer mildern

Ein großer Teil der Bevölkerung ist in anerkennenswertem Verständnis den Maßnahmen hinsichtlich der Flüchtlingsfürsorge entgegengekommen und versucht das harte Los der Unglücklichen zu mildern. Es sind aber auch eine Reihe von Fällen aufzuzeigen, die von einem absoluten Unverständnis für die Not unserer Zeit zeugen, Vorfälle, die beweisen, dass es bei manchen Leuten in unserem Landkreis durchaus an dem seelischen Verständnis für Flüchtlingsbetreuung fehlt..

Wohnungsnot war großes Problem

„An der Spitze der brennenden Probleme, deren Bewältigung zu Beginn des Jahres 1946 zu den kommunalen Aufgaben gehören, steht der Wohnraummangel. Er ist durch Bombenverwüstungen, Evakuierungen aus Norddeutschland, durch den anhaltenden Zustrom von Ostflüchtlingen und durch Ausfall der von der Besatzungsmacht und UNRRA beanspruchten Gebäude bedingt. Mehr als 140 Mühldorfer Familien wohnen seit 1945 in den Dörfern des Landkreises und versuchen, in die Stadt zurückzukehren. Die von der Militärregierung angeordnete Raumeinschränkung für ehemalige Parteigenossen stößt auf Einsprüche, Widerstand und auf Schwierigkeiten, die in gegenseitigen Denunziationen gipfeln“, schreiben die „Mühldorfer Nachrichten“.

Lebensmittel stark reduziert

Im Laufe des Jahres 1945 waren die Vorräte weitgehend aufgebraucht. Es setzte ein erheblicher Mangel an Nahrungsmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs ein. In den nächsten Monaten wurde die Zuteilung an Lebensmitteln immer stärker reduziert. In vielen Fällen reichten die Mengen, die an „Normalverbraucher“ ausgegeben werden durften, nicht mehr aus. Neben den Lebensmitteln waren es vor allem Rauchwaren und hier wiederum Zigaretten, die nur mehr in geringem Umfang verfügbar waren und zu einer zweiten „Währung“ wurden. Besonders die „Ami-Zigaretten“ beherrschten als wichtige Tauschobjekte einen riesigen schwarzen Markt. Dieser beschäftigte Deutsche wie Ausländer, Besatzungssoldaten wie ehemalige Kriegsgefangene. Für viele Arbeitslose war es eine Ersatzbeschäftigung. Der Anbau von Tabak kam groß in Mode, auch in Mühldorfer Heimgärten. Jeder Selbstversorger hatte aber Tabaksteuer zu entrichten, wenn er mehr als 15 Pflanzen zur Ernte brachte.

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