Nachhilfe unter der Äquatorsonne: Mühldorferin Kathi Ott (19) unterstützt Lehrer in Quito

Dort geht es hin – 10 000 Kilometer ist Ecuador entfernt. Kathi Ott wird in einer Vorschule in Ecuador unter anderem Englischunterricht geben. Enzinger

Wenn das Fernweh Überhand nimmt: Die 19-jährige Kathi Ott leistet ihr freiwilliges soziales Jahr in Ecuador ab und will das Programm des Internationalen Christlichen Jugendaustauschs nicht nur dazu nutzen, Spanisch zu lernen. Sie freut sich auf Erfahrungen, „die ich so in Deutschland sicher nie machen könnte!“

Von Joesf Enzinger

Mühldorf – Das Smartphone vibriert, als die Nachricht per Push-Mitteilung eintrifft: Vater, Mutter und ein Vorschulkind sind auf dem Bild zu sehen. „Das ist meine Gastfamilie. Gerade reingekommen“, freut sich Kathi Ott, die dann umso mehr lächelt, als sie die Infos dazu liest: „Glück gehabt, die sprechen Englisch!“ Es ist ihre Familie, bei der die 19-Jährige im nächsten Jahr wohnen wird. Weit weg von Mühldorf, unter der hochstehenden Äquatorsonne. Quito, die Hauptstadt Ecuadors, ist das Ziel ihrer Reise – 10 000 Kilometer von zu Hause entfernt. Die Mühldorferin leistet dort ein freiwilliges soziales Jahr ab.

Zwei Cousinen haben es ihr vorgemacht

„Zwei Cousinen haben das bereits gemacht, eine war in Ecuador, die andere in Argentinien. Sie haben mir davon erzählt – schon hatte mich das Fernweh gepackt“, erzählt Kathi Ott voller Vorfreude auf die neue Herausforderung. Ein freiwilliges soziales Jahr ist sicher heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr, in heimischen Gefilden schon gar nicht. Und auch im Ausland haben Abschlussschüler mittlerweile unter all den Angeboten die Qual der Wahl.

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Wichtig war für die Schülerin, die im vergangenen Jahr im Gesundheitszweig der Fachoberschule Altötting ihr Abitur gemacht hat, dass sie möglichst zu Beginn des Jahres ihrem Fernweh Linderung verschaffen konnte. „Ich will keine Zeit verlieren!“ Über den Internationalen Christlichen Jugendaustausch (ICJA), eine Organisation, die den Freiwilligen Austausch weltweit koordiniert, hatte es sich dann angeboten, die Reise schon im Januar anzutreten. „Es sollte ein Land sein, in dem ich meine Spanisch-Kenntnisse aufbessern kann“, verrät Kathi Ott. Bolivien oder Costa Rica seien ebenfalls eine Option gewesen. Ecuador ist es nun geworden, wo sich Kathi Ott nun Erfahrungen erhofft, „die ich so in Deutschland sicher nie machen könnte“.

Neue Situationen, Grenzen überschreiten

Sich auf neue Situationen einlassen, mit Menschen in Kontakt treten, eigene Grenzen überschreiten – damit wirbt der ICJA auf seiner Internetseite. Von persönlichen Einblicken in Leben und Arbeiten in einem anderen Land ist die Rede, die einem sonst verschlossen blieben. „Wir bringen Menschen zusammen und ermöglichen einen Austausch, der ein Leben lang prägt.“

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Statistiken zum Bundesfreiwilligendienst

Laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben befanden sich –Stand Dezember 2019 – deutschlandweit 40 880 Menschen im Bundesfreiwilligendienst. 23 510 davon Frauen, 17 370 davon Männer. Quer durch alle Altersgruppen hindurch erstreckt sich das Interesse daran, wobei sich die Vielzahl der Personen unter 27 Jahren dazu entscheidet: 17 775 Frauen (in Bayern 1847) und 12 303 Männer (in Bayern 1344). Interessant dabei: Auch Menschen, die das 65. Lebensjahr überschritten haben, nehmen das Angebot des Bundesfreiwilligendienstes wahr, auf Bundesebene sind das immerhin 203 Frauen und 270 Männer.

Betreuung von Drei- bis Siebenjährigen

Der Austausch sieht im Falle der Mühldorferin so aus: Sie wohnt in Tumbaco, 2300 Meter über den Meeresspiegel, eine Stunde von der Hauptstadt Quito entfernt. In einer Vorschule greift sie ab kommender Woche den Lehrern unter die Arme. Sie hilft den Drei- bis Siebenjährigen im Alltag, gibt Englischunterricht oder unterstützt die Helfer bei der Essensausgabe.

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Sowohl vor der Abreise als auch während des Auslandsaufenthaltes wird sie von Vertretern der Partnerorganisation vor Ort betreut. Der ICJA unterstützte sie vor der Ausreise in allen organisatorischen und technischen Fragen wie etwa Visaangelegenheiten, Flugbuchungen und Impfungen. Zudem steht ihr für die gesamte Zeit ein Regionalreferent zur Seite, der sie persönlich durch den Freiwilligendienst begleitet.

Das alles kostet natürlich auch. Kathi Ott spricht von knapp 10 000 Euro, von denen rund 75 Prozent die Organisation in Zusammenarbeit mit dem Staat Ecuador übernimmt. Für das restliche Viertel war Kathi Ott angehalten, einen Förderkreis aufzubauen. „Knapp 2000 Euro hab ich schon“, erzählt die Mühldorferin, die im Freundeskreis von ihrem Vorhaben sprach. Prompt hatten sich einige Teenager zusammengetan und einen Weihnachtsbasar in ihrer Garage veranstaltet. Immerhin 400 Euro hätten ihr die Zwölfjährigen mit nach Ecuador gegeben, berichtet Ott dankbar.

Nähere Informationen zum Christlichen Jugendaustausch finden Sie im Internet: Miteinander leben – Voneinander lernen – Gemeinsam engagieren

Ihre Erwartungen? „Am Anfang werde ich wohl überhaupt nichts verstehen.“ Sie gibt nämlich zu: Ihre Spanischkenntnisse basieren auf einen einjährigen Unterricht. Doch in einem Jahr könne man ja auch viel lernen, meint sie zuversichtlich. Fließend Spanisch sprechend, davon ist sie überzeugt, werde sie dann im Januar 2021 wieder in den Flieger steigen, um zurück in ihre Heimat zu fliegen. Und dann wird gefeiert. Nicht nur die Rückkehr, sondern auch all die runden Geburtstage, die ihr entgangen sind. Das sind eine ganze Menge: „Meine Schwester wird 18, die Oma 80, Papa 50 – ich selbst 20. Da gibt es Einiges nachzuholen.“

Das Hauptproblem vor der Abreise: Das Koffer packen. Der Platz ist begrenzt, so einiges bleibt zu Hause in Mühldorf. Nicht aber Bilder von ihrer Familie, von ihren beiden Schwestern, von mama und Papa. Und natürlich dürfen auch Gastgeschenke dürfen nicht fehlen. „Jede Menge Schokolade“, hat sie für ihre Kinder vorgesehen.

Keine Angst vor Heimweh

Dass im Laufe des nächsten Jahres Heimweh sie übermannt, glaubt sie nicht. Schließlich sei sie das Reisen gewöhnt, oft mit Rucksack, auf sich alleine gestellt. Kurz vor ihrer Abreise hat sie sich noch Europa angeschaut. Ein Interrail-Ticket, das sie gewonnen hat, machte es möglich. Straßburg, Amsterdam, Paris, alles mit der Bahn. Viel rumkommen, viele Menschen treffen. Das mag Kathi Ott. In der Hauptstadt Frankreichs hat sie dann tatsächlich auch eine Südamerikanerin kennengelernt. Aus Ecuador. Genauer gesagt aus Tumbaco. Dort wo Kathi Ott nun Freiwilligendienst verrichtet. „Die Welt ist so klein!“ Und doch so groß...

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