Nach den Anschlägen in Waldkraiburg: Zukunftswerkstatt will neue Stadtgemeinschaft finden

Der Schock nach den Anschlägen auf türkische Läden in Waldkraiburg war groß. Jetzt gilt es, weiterhin zusammen zu stehen und den Zusammenhalt unter den Bürgern zu stärken. Bei der Zukunftswerkstatt „Wir sind... Waldkraiburg“ bietet sich die Gelegenheit, Ideen und Vorschläge einzubringen.
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Der Schock nach den Anschlägen auf türkische Läden in Waldkraiburg war groß. Jetzt gilt es, weiterhin zusammen zu stehen und den Zusammenhalt unter den Bürgern zu stärken. Bei der Zukunftswerkstatt „Wir sind... Waldkraiburg“ bietet sich die Gelegenheit, Ideen und Vorschläge einzubringen.
  • Raphaela Lohmann
    vonRaphaela Lohmann
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Die kulturelle Vielfalt und das starke „Wir-Gefühl“ sind ein Markenzeichen Waldkraiburgs. Das gilt es auch für die Zukunft zu bewahren: Denn nach den Anschlägen auf türkische Läden gilt es mehr denn je, den Zusammenhalt weiter zu stärken. Die Stadt Waldkraiburg bietet mit der Veranstaltung „Wir sind... Waldkraiburg“ die Chance, dass Bürger sich einbringen und die Entwicklung der Stadt unterstützen.

Waldkraiburg – Der mutmaßliche Attentäter Muharrem D. hatte in seinem Hass auf den türkischen Staat und Menschen türkischer Abstammung einen perfiden Entschluss gefasst: Mit Anschlägen auf türkische Mitbürger wollte er eine „Spirale von Gewalt und Gegengewalt“ in Gang setzen. Am Ende hat er es nicht geschafft, einen Keil zwischen die Bevölkerung zu treiben. Noch bevor der Attentäter gefasst war und die Hintergründe und Motive der Tat bekannt waren, war für Bürgermeister Robert Pötzsch (UWG) klar, dass die Stadt erste Ideen erarbeiten müsse, wie man mit dieser Situation umgehen könne, wie man den Zusammenhalt nochmals stärken könne.

Nach den Anschlägen Gemeinschaft stärken

Gerade vor dem geschichtlichen Hintergrund und der Tatsache, dass heute viele Nationen friedlich miteinander in der Stadt zusammenleben, war Pötzsch schockiert darüber, dass es zu solchen Taten in Waldkraiburg kommen kann. Im Vorfeld habe es keinerlei Anzeichen dafür gegeben. Pötzsch selbst ist nie davon ausgegangen, dass die Taten organisiert gewesen sein könnten. Dennoch sei man nicht gefeit gegen Taten von Einzeltäter, denen unterschiedlichen Gründe zugrundeliegen können. „Es war wichtig, dass die Menschen weiterhin Vertrauen in das deutsche System hatten. Das war nicht leicht.“

Nicht auseinanderdividieren lassen

Jetzt sei es wichtig, die Gemeinschaft innerhalb der Stadt wieder zu stärken und ein klares Signal zu senden: „Wir dürfen uns durch solche Taten nicht in Frage stellen und uns auseinanderdividieren lassen.“ Denn er ist überzeugt: Je besser die Bürger das gemeinsame Leben gestalten, desto mehr sinke die Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Taten wiederholen.

Doch wie lässt sich auch in Zukunft ein Zusammenhalt finden, wenn sich Heimatvereine auflösen, gleichzeitig sich aber noch keine neue Kultur entwickelt hat? „Es gibt viele Interessensvereinigungen und die muss man zusammenbringen,“ sagt Pötzsch. Eine Gelegenheit dazu bietet sich bei der Veranstaltung „Wir sind... Waldkraiburg“.

Ein Nationenfest oder Treffs zum Austausch der Waldkraiburger

Mehr als 100 Nationen leben in Waldkraiburg zusammen. Eine bunte Gesellschaft, die über den Sport, die Kultur oder die Arbeit miteinander verbunden ist. Wie hier Gemeinschaft entstehen und auch weiterhin bestehen kann, an diesem Punkt will die Veranstaltung ansetzen.

Was bewegt den Nachbarn? Welche Ängste treiben einen selbst um? Wie soll das Zusammenleben in der Stadt gestaltet werden? Darüber will die Stadt mit den Bürgern bei der Zukunftswerkstatt ins Gespräch kommen. „In Kleingruppen können die Bürger diskutieren und ihre Ideen und Vorschläge einbringen“, erklärt Pötzsch. Ein Nationenfest oder gemeinsame Treffs zum gegenseitigen Austausch – vieles ist denkbar. „Welche konkreten Ansätze sich daraus ergeben und wie diese umgesetzt werden können, wird sich zeigen.“

Ein weiterer Mosaikstein

In den vergangenen Jahren hat die Stadt bei verschiedenen Themen wie das Baugebiet West oder Waldbad Bürger mit ins Boot geholt und damit gute Erfahrungen gemacht. „Die Veranstaltung ist ein weiterer Mosaikstein. Die Stadt will die Bürger mitnehmen und ein Angebot schaffen, um etwas für die Gemeinschaft zu tun.“

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Die Frage ist nun: Was ist gut? Wo gibt es Handlungsbedarf? „Wir wollen mit den Bürgern darüber sprechen und uns auf die nächsten Schritte verständigen.“ Vieles nehme man nach einer gewissen Zeit als Selbstverständlichkeit hin. Doch das Leben und das Umfeld bringe Veränderungen mit sich, auf die man sich einstellen muss. „Es ist wie in einer Ehe: Man muss an einer Beziehung arbeiten.“

Wir sind... Waldkraiburg

Wie kann die Gemeinschaft in Waldkraiburg gestaltet werden? Dieser Frage geht die Veranstaltung „Wir sind... Waldkraiburg“ nach, die am Samstag, 20. Juni, im Haus der Kultur stattfindet. Die Bürger können aktiv daran mitwirken und Vorschläge und Ideen einbringen, wie Gemeinschaft in einer bunten Gesellschaft entstehen kann. Sie sind dazu eingeladen zu diskutieren, und eine Ausrichtung der Stadtgemeinschaft für die Zukunft zu finden. Die Gemeinschaft verändert sich permanent: Gruppen bilden sich und lösen sich auch wieder auf. Deshalb sollen die Bürger dabei mitwirken, ihr eigenes Waldkraiburg zu entwickeln. Bürgermeister Robert Pötzsch versteht die Veranstaltung nach den Anschlägen auch als ein Zeichen, dass die Stadt Waldkraiburg weiterhin zusammensteht. Wie das passieren kann, können die Bürger aktiv gestalten.

Angesichts der Corona-Beschränkungen können sich nur kleinere Gruppen mit maximal 50 Personen treffen. Eine vorherige Anmeldung bei der Stadt Waldkraiburg ist daher nötig.

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