Die Mutter aus dem Auto geschubst

Mühldorf. – „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – von diesem Spruch schien der junge Angeklagte noch nie gehört zu haben.

Ein 27-Jähriger aus dem Landkreis stand vor Amtsrichter Florian Greifenstein. Trotz seines relativ jungen Alters befinden sich doch bereits zwölf Eintragungen, die meisten wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, also Drogendelikte, in seinem Strafregister, die dreizehnte stand ihm wohl bevor.

Seit dem 6. Dezemberin Untersuchungshaft

Der Angeklagte sitzt seit dem 6. Dezember letzten Jahres in der Justizvollzugsanstalt Bernau am Chiemsee. Dort war er eingeliefert worden, nachdem er im Juni 2019 aus der geschlossenen Anstalt des Inn-Salzach-Klinikums geflohen war. Er hatte ein Gespräch mit einer Therapeutin zu seiner Flucht genutzt und war seitdem untergetaucht. Die Vorgeschichte seiner zwangsweisen Unterbringung in dieser Heilanstalt wurde nun eben erst verhandelt.

Zwei Beamte der Polizeiinspektion Waldkraiburg machten sich am 18. März 2019 auf den Weg zum Hause der Mutter des Angeklagten, wo sie den Flüchtigen vermuteten. Dieser war gerade auf dem Heimweg, er saß auf dem Beifahrersitz eines schwarzen japanischen Kleinwagens, den seine Mutter fuhr. Als er das Polizeiauto erblickte, geriet der junge Mann in Panik, er brüllte seine Mutter an: „Fahr weiter, fahr weiter, die Bullen!“ Dies tat die Mutter, sie fuhr langsam weiter, der Polizeiwagen folgte. Dann hielt die Fahrerin doch an. Der als Zeuge geladene Polizeibeamte berichtete, dass „die Fahrertür aufging und die Mutter mit Schwung aus dem Fahrzeug befördert wurde“. Der junge Mann war auf den Fahrersitz gerutscht und wollte weiterfahren, bevor die Polizisten seiner habhaft werden konnten.

Doch der Zeuge packte den Angeklagten am linken Arm und obwohl sich dieser mit der anderen Hand am Lenkrad festhielt, gelang es den beiden Polizeibeamten, ihn aus dem Auto zu manövrieren, zu Boden zu bringen und ihm Handschellen anzulegen.

Nachdem dies geschehen war, beruhigte sich der junge Mann rasch, auf dem Weg zur Polizeiinspektion Waldkraiburg entschuldigte er sich bereits.

Polizeiautolöst Panik aus

Von Richter Greifenstein zum Hergang der Verhaftung befragt, äußerte der junge Mann, er sei angesichts des Polizeiautos in Panik geraten, er habe gewusst, was nun auf ihn zukomme, er habe Angst vor dem „kalten Entzug“ gehabt. Er gestand ein, dass sich die Verhaftung wie geschildert zugetragen habe. Das Ganze sei „eine Kurzschlussreaktion“ gewesen.

Der Angeklagte war von zwei Polizeibeamten in den Gerichtssaal geführt worden, er trug Fußfesseln und blaue Anstaltskleidung, die Haare waren kurz geschoren.

In seinem Plädoyer wertete Staatsanwalt Heberlein aus Traunstein das Geständnis positiv, er anerkannte auch die schwierige psychische Situation mit der Angst vor dem kalten Entzug. Negativ sah Heberlein die hohe Anzahl der Eintragungen im Bundeszentralregister und die Tatsache, dass er seine Mutter mit in die Angelegenheit hineingezogen habe. Auch hätten bisher ausgesprochene Geldstrafen nichts bewirkt. Die Sozialprognose des Angeklagten sei ungünstig. Er verlangte eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten ohne Bewährung.

Klaus Stadler verteidigte den jungen Mann, er folgte weitestgehend der Argumentation des Staatsanwalts, betonte aber, „man befinde sich hier am untersten Rand des Tatbestands ‚Widerstand‘“. Die Polizeibeamten seien nicht verletzt worden, und da der Angeklagte eine Geldstrafe nicht bezahlen könne, forderte der Münchner Rechtsanwalt Stadler eine Freiheitsstrafe von zwei Monaten auf Bewährung.

Nach der Fixierungsofort aufgegeben

Richter Florian Greifenstein verhängte schließlich eine Freiheitsstrafe von zwei Monaten ohne Bewährung. In seiner kurzen Urteilsbegründung wertete er das Geständnis als positiv, der Angeklagte habe nach der Fixierung mit Handschellen sofort aufgegeben.

Die Verteidigung nahm das Urteil an und verzichtete auf eine mögliche Revision. Damit ist der junge Mann jetzt 13-mal vorbestraft. hra

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