Mundschutz statt Metal, Corona statt Gitarre: Mühldorfer Musikerin ist wieder Krankenschwester

Anne Pensl ist eigentlich Berufsmusikerin. In der Coronakrise hat sie sich entschlossen, wieder in ihren alten Beruf als Krankenschwester einzusteigen.
+
Anne Pensl ist eigentlich Berufsmusikerin. In der Coronakrise hat sie sich entschlossen, wieder in ihren alten Beruf als Krankenschwester einzusteigen.

Auch Berufsmusikerin Anne Pensl verlor durch die Corona-Einschränkungen ihre Arbeitsmöglichkeit. Unterricht und Konzerte gab es nicht mehr. Da besann sich die Mühldorferin auf ihren Lehrberuf als Krankenschwester. Sie bewarb sich im Krankenhaus und wurde sofort genommen. Einfach war der Wiedereinstieg aber nicht.

Von Sophia Strasser

Mühldorf – Spritze statt Strom-Gitarre, Schutzanzug statt Metallica-T-Shirt, Mundschutz statt Mikrophon: Rockmusikerin, Gitarristin und Musiklehrerin Anne Pensl hat in der Coronakrise ihren wieder angenommen und als Krankenschwester im Krankenhaus Mühldorf Corona-Patienten gepflegt.

Dass ihr etwas auf dem Herzen liegt, merkt man der zierlichen Frau mit den schwarzen Haaren gleich an, denn sie fängt sofort an, zu erzählen. „Ich will mit meiner Geschichte auf die schwierige Situation der Musiker aktuell hinweisen wollte“, sprudelt sie los. Denn die Coronakrise und die Kontaktbeschränkungen hätten sie, wie viele andere Berufsmusiker, in die Arbeitslosigkeit gezwungen.

Mittelaltermusik und Heavy Metal

Die 49-Jährige war in der Mittelalter-, Irish-Folk- und Metalszene unterwegs, spielte nicht nur mit der Mittelalter-Band „Lautenmann“ auf Festivals, gab Konzerte. Bei Musik Enghofer in Mühldorf hatte sie als Gitarrenlehrerin 35 Schüler. Die Live-Auftritte wurden abgesagt, Schüler durften nicht mehr kommen, die Einnahmequellen versiegten.

Berufsmusikerin Anne Pensl hat sich als Hilfe in der Coronakrise angeboten. Keine 24 Stunden später stand sie im Krankenhaus.

Auf dem Höhepunkt der Krise Anfang April suchte das Krankenhaus Mühldorf wegen Überlastung nach Pflegekräften. Auf diesen Aufruf hin meldete sich die gelernte Krankenschwester und fing mitten in der Krise an, wieder im Krankenhaus zu arbeiten.

Medizinvorstand Dr. Wolfgang Richter ist heute überrascht, wie viele Menschen sich damals freiwillig meldeten. „150 aus verschiedenen Berufsgruppen, eine überwältigende Ressonanz“, erzählt er. Eingestellt hat die Klinik schließlich sieben Ärzte und 19 Pfleger. „Man will gar nicht wissen, was gewesen wäre, wenn die nicht gekommen wären.“

Von den Kollegen freundlich aufgenommen

Kaum hatte sich Pensl gemeldet, um für 30 Stunden pro Woche zu arbeiten, hieß es: „Morgen fängst du an.“ Sie sagt: „Ich wurde mit offenen Armen empfangen und viele Kolleginnen und Kollegen kannte ich noch von früher.“ Der Umstieg sei nicht leicht gewesen. Die Routine fehlte, einiges hatte sich im Krankenhaus geändert.

Hohe körperliche Belastung durch spezielle Corona-Schutzmaßnahmen. „Die Einarbeitung am Anfang war schwierig. Wegen des Materialmangels durfte sich nämlich immer nur eine Person im Zimmer des Patienten befinden. So sparte man Schutzkleidung beim Personal.“, erinnert sich Pensl.

Hohe körperliche Belastung

Besonders anstrengend sei es gewesen, die Schutzmontur zu tragen. Diese bestand aus zwei Kitteln, drei Paar Handschuhen, Mundschutz, Haube und Visier. Teilweise sei sie so acht Stunden lang herumgelaufen. „Das war körperlich wahnsinnig anstrengend. Ich muss sagen, Respekt vor meinen Kollegen, die Vollzeit arbeiten.“ Die Maske, die sie so gut wie dauerhaft aufhatte, habe bei ihr auch zu Atem- und Stimmproblemen geführt.

Große Anerkennung vom Chefarzt

Ärztlicher Vorstand Richter sagt: „Umso höher ist es allen anzuerkennen, die aus dem Beruf heraus waren und den Sprung wagten.“

Als im Frühjahr die Lockerungen kamen, kamen auch die meisten Schüler zurück. So nahm Pensl zusätzlich zu ihrem Job im Krankenhaus ihre Unterrichtstätigkeit wieder auf: vormittags im Krankenhaus, nachmittags Unterricht. Dazu noch Haushalt und drei Kinder, von denen eines noch nicht erwachsen ist.

Neuen Song produziert

Die sonst so selbstbewusste Frau wirkt bedrückt, als sie vom stetig weiter steigenden Druck erzählt. „Es ging einfach nicht mehr.“ Ihr Musikerkollege Harry Hielscher sowie ihr Publikum zogen sie aus ihrem psychischen Tief. „Die zeigten mir, dass sie mich brauchen.“

Mit Harry produzierte Pensl einen neuen Song „Spirit of the Dead“ , der zwischenzeitlich den Arbeitstitel „Covid-19“ trug. Sobald es erlaubt war, kam ein Musikvideo dazu. „Wir stellten es auf YouTube und es fand erstaunlich guten Anklang bei unseren Fans.“

Auf Dauer wieder Musikerin

Dass sie im Krankenhaus arbeiten durfte und wieder eine Einnahmequelle hatte, empfindet die Gitarrenlehrerin als großes Glück. Musikerkollegen, die eine Beihilfe vom Staat beantragt hatten, sei es nicht so gut wie ihr gegangen. Die Beihilfen seien kompliziert zu beantragen gewesen und sehr gering ausgefallen, im Großen und Ganzen ein Ärgernis.

Auf Dauer, das wünscht sie sich, möchte sie wieder nur Musikerin sein. „Krankenschwester zu sein, macht Spaß, ist aber nicht mein Traumjob.“

Kommentare