Mühldorfs Aufbruch zur Demokratie

Die Notbrücke über den Inn war ein Nadelöhr für den gesamten Verkehr bis zum Neubau der Innbrücke, die im November 1952 eingeweiht wurde. Stadtarchiv
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Die Notbrücke über den Inn war ein Nadelöhr für den gesamten Verkehr bis zum Neubau der Innbrücke, die im November 1952 eingeweiht wurde. Stadtarchiv

Die ersten Kommunalwahlen in Mühldorf nach dem Krieg fanden Ende Januar 1946 statt. Bei der Stadtratssitzung vom 10.Mai 1946 wird Franz Mühlbauer für den zurückgetretenen Anton Scheidl zum Bürgermeister, Bäckermeister Josef Boch zum Stellvertreter gewählt. 1952 wählten die Mühldorfer Bürgerinnen und Bürger Hans Gollwitzer wieder zum Bürgermeister der Stadt.

von Josef Bauer

Mühldorf– Die ersten Kommunalwahlen in Mühldorf nach dem Krieg fanden Ende Januar 1946 statt. Bei der Stadtratssitzung vom 10. Mai 1946 wird Franz Mühlbauer für den zurückgetretenen Anton Scheidl zum Bürgermeister, Bäckermeister Josef Boch zum Stellvertreter gewählt. 1946 ist die CSU mit 54,6 Prozent im Stadtrat vertreten, die SPD mit 40,2 Prozent und die KPD mit 5,2 Prozent.

Bei den nächsten Kommunalwahlen am 25. April 1948 gibt es fünf Parteien: Die CSU ist mit 31 Prozent hinter die SPD mit 39 Prozent gerutscht. Ein Grund dafür war, dass die Bayernpartei aus dem Bauern- und Mittelstand beachtliche 19,5 Prozent erringen konnte. Die FDP erreichte sieben Prozent, die KPD fiel auf 3,5 Prozent zurück.

Die Sitzverteilung im Mühldorfer Stadtrat 1948: SPD (7), CSU (5), Bayernpartei (3), FDP (1). KPD und Deutscher Block kamen nicht zum Zug. Während im Landkreis die Flüchtlingsgemeinschaft ein beachtliches Gewicht bekam, hatte die unter dem schillernden Politiker Alfred Loritz agierende Wirtschaftliche Aufbauvereinigung (WAV) schlagartig an Bedeutung verloren. Im Jahr 1952 wurde Hans Gollwitzer von der Mühldorfer Bevölkerung wieder zum Bürgermeister gewählt und blieb es bis zum Jahr 1966.

Schule und Erziehung kamen zum Erliegen

Schon vor Kriegsende war der Schulbetrieb durch Lehrermangel, häufige Unterbrechungen durch Luftwarnungen und Flakhelferdienste der oberen Klassen stark behindert. Mit dem Zusammenbruch kam der Unterricht ganz zum Erliegen. Außerdem durfte eine beachtliche Zahl von Lehrern in den Jahren 1945 bis 1947 wegen der Zugehörigkeit zu Organisationen der Partei keinen Schuldienst mehr ausüben. Um den Lehrbetrieb einigermaßen aufrechterhalten zu können, wurden Aushilfskräfte am Unterricht beteiligt.

Die Schulbücher aus der Zeit des Dritten Reichs konnten nicht mehr verwendet werden, man musste auf Schulbücher aus der Zeit vor 1933 zurückgreifen. Der Mangel an Heizmaterial ließ zudem viele Unterrichtstage in den Wintermonaten ausfallen. In allen Unterrichtsstufen wurde eine Umerziehung zum demokratischen Denken versucht.

Lehrer wurden dringend gesucht. Deshalb rief man die Bevölkerung dazu auf, eine Ausbildung als Ersatzlehrkraft an den Volksschulen im Landkreis Mühldorf zu machen. Gesucht wurden dabei vor allem Personen, die über pädagogische Kenntnisse verfügen und die bereits in einem pädagogischen Beruf gearbeitet haben – etwa Kindergärtnerinnen. Abzugeben waren die Bewerbungen im Bezirksschulamt Mühldorf. Die Bewerber sollten einen „eigenhändig geschriebenen Lebenslauf“ sowie, in doppelter Ausfertigung, den „von der Militärregierung ausgegebenen Fragebogen“ beifügen.

Kultureller Wiederbeginn

Das kulturelle Leben in Mühldorf und im Landkreis kam nach Kriegsende naturgemäß nur mühsam wieder in Fahrt. Jeder war zunächst mit sich und seiner Existenzsicherung beschäftigt. Und doch fehlte es nicht an einzelnen Bemühungen, in der politischen und geistigen Verwirrung der Zeit wieder kulturelle Orientierungspunkte zu suchen und zu finden.

Trotz der Abneigung der Besatzungsmächte gegenüber den Deutschen, gab es andererseits Bemühungen der Amerikaner, auch in Mühldorf gesellschaftliche Kontakte zur einheimischen Bevölkerung anzubahnen.

Neben den sprachlichen Problemen waren aber auch viele Vorbehalte seitens der Deutschen zu verzeichnen. Es dauerte viele Monate, bis die „Ami-Kultur“ wenigstens einem Teil der deutschen Bevölkerung annehmbar erschien. Filme machten hier den Anfang. Aber auch amerikanische Schlager wurden bald als „Ohrwürmer“ populär. Und der im Dritten Reich verpönte Jazz fand zunehmend Liebhaber.

Das Rote Kreuz veranstaltete im Dezember 1945 in der Frauenkirche ein Wohltätigkeitskonzert, und im gleichen Monat konnte sogar eine Tanzschule auf sich aufmerksam machen - allerdings nach vorheriger Genehmigung durch die Militärregierung.

Kino- und Filmvorführungen

Neben dem Rundfunk waren Kino- und Filmvorführungen die bestimmenden Medien der Zeit. Der Betrieb in den Mühldorfer Kammerspielen wurde schon im Laufe des Jahres 1945 aufgenommen, zunächst ausschließlich für US-Soldaten, bald aber auch zur Vorführung von Filmen, welche die deutsche Bevölkerung „umerziehen“ sollten. Neben verschiedenen amerikanischen Filmen kamen Filmberichte über die Greuel der NS-Zeit zur Aufführung. Als erstes war dies der Film „Todesmühlen“, der über die Konzentrationslager und die Massenvernichtungen berichtete. Der Besuch dieses Films war für die deutsche Bevölkerung obligatorisch.

Der Andrang zu den Filmen wurde im Laufe der Zeit so groß, dass sogar ein viertes Lichtspieltheater in Mühldorf entstand, die „Schauburg“, die im Mai 1949 eröffnet wurde. Daneben bestanden die Kammerlichtspiele an der Luitpoldallee, die Mühldorfer Lichtspiele in der Fragnergasse neben dem Kornkasten und das Capitol am Bahnhof in der Sedanstraße.

Fasching trotz trauriger Zeiten

In den ersten Nachkriegsmonaten dachte natürlich niemand an Festlichkeiten oder Vergnügungsveranstaltungen größerer Art. Überdies waren „Tanzlustbarkeiten“ nur mit Genehmigung der Militärregierung erlaubt. Und doch kam es bereits im Februar 1946 wieder zu kleineren privaten Feiern, bei denen ganz einfach das Überleben gefeiert wurde. Eine größere Tanzveranstaltung – ein Wohltätigkeitsball des Roten Kreuzes – fand im Frühjahr 1946 statt (siehe Infokasten).

Die Tradition der Mühldorfer Volksfeste lebte mit dem Jahr 1949 wieder auf. Am 15. November beschäftigte sich ein Kulturausschuss unter Bürgermeister Mühlbauer mit Plänen für ein großes Volks- und- Heimatfest für das nächste Jahr. Das Fest sollte sich über neun Tage erstrecken. Vorgesehen waren: Modenschau und Festzug, Kunstausstellung und Musikveranstaltungen. Ebenso waren Trabrennen und Motorradrennen vorgesehen. Bauernverein, Tierzüchter, Jäger und Fischer sollten zum Gelingen beitragen. Neben der Gewerbehalle, die später dem Stadtsaal weichen musste, sollten zum ersten Mal wieder Volksfestbuden auf dem Platz an der Altöttinger Straße stehen. Einen Samstag wollte man als „Tag der Heimatvertriebenen und Kriegsopfer“ begehen.

Die festlichen Tage im September 1950 leiteten schließlich aus der traurigen Nachkriegszeit auch nach außen hin in die bessere Zeit der 50er-Jahre über.

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