Prozess um tödliche Messerattacke in Mühldorfer - Gutachter zweifelt an Gedächtnisverlust des Angeklagten

Messer DNA Labor
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Eine DNA-Probe wird von einem Messer genommen. In Mühldorf war es im Dezember 2019 zu einer Messerattacke gekommen, bei der ein 57-Jähriger starb. Ein 47-Jähriger muss sich nun vor Gericht dafür verantworten.

Nach 38 Messerstichen starb im November 2019 ein 57-jähriger Mühldorfer. Nun muss sich ein Bekannter des Verstorbenen deshalb vor Gericht verantworten. War Eifersucht Auslöser des Angriffs?

Traunstein/Mühldorf – Mindestens 19 von 38 Stichen und Schnitten gegen einen 57-Jährigen trafen Hals und Kopf, gingen teils durch bis auf die Knochen. Ein Schnitt durchtrennte eine Kopfschlagader. Das Opfer verblutete und starb kurze Zeit später im Klinikum Mühldorf. Wegen Totschlags muss sich ein 47-jähriger Hilfsarbeiter aus Mühldorf vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verantworten. Das Urteil soll am 4. August nach den Plädoyers verkündet werden.

Gemeinsamkeiten zwischen Täter und Opfer

Täter wie Opfer, Deutsche mit russischen Wurzeln, kannten sich seit Jahren, wohnten als Nachbarn in Mühldorf. Eine Rolle spielte noch eine 36-jährige Frau, die mit dem Angeklagten eine sexuelle Beziehung hatte, aber auch den Nachbarn oft besuchte. Alle drei tranken reichlich Alkohol. Der 57-Jährige war der Frau gegenüber sehr hilfsbereit. Sie sprach von einem „rein freundschaftlichen Verhältnis“. Sie habe nach Schlägen des betrunkenen Angeklagten beim Nachbarn Zuflucht gesucht. Kurz vor der Tat habe sie sich vom 47-Jährigen getrennt. Der Angeklagte hatte mehr vermutet hinter den Besuchen. Der 57-Jährige soll mit einer Liaison mit der 36-Jährigen geprahlt haben.

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Beide Männer hatten viel Alkohol getrunken

In diesem Haus in Mühldorf hatte sich die Bluttat abgespielt. 38 Stiche, unter anderem in Kopf und Hals, überlebte das 57-jährige Opfer nicht.

Die Streitereien zwischen den Männern gipfelten laut Anklage von Staatsanwalt Markus Andrä in der Bluttat am Abend des 19. Novembers 2019 in der Wohnung des 57-Jährigen. Beide waren alkoholisiert. Der erste Angriff mit dem Klappmesser war in der Küche. Das Opfer versuchte, sich zu wehren und dem Angeklagten das Messer zu entwinden. Wie später die Blutspuren bewiesen, erstreckte sich das Kampfgeschehen danach auf andere Teile der Wohnung. „Tatort im engeren Sinn“ war das Schlafzimmer, informierte Dr. Jiri Adamec, Biomechaniker vom Rechtsmedizinischen Institut der Uni München. Hier erlitt der 57-Jährige die meisten der lebensbedrohlichen Verletzungen. Dabei muss er laut Gutachten auf dem Boden gelegen haben. Die rechte Halsseite war eine einzige offene, faustgroße Wunde. Der 57-Jährige verstarb im Krankenhaus aufgrund des Blutverlustes.

Gedächtnisverlust ist nicht wahrscheinlich

Unter den sechs Sachverständigen waren weitere Rechtsmediziner vom gleichen Institut. Dr. Claudia Helmreich berichtete von den Verletzungen am Angeklagten. Die Ergebnisse der Obduktion und Fakten zum Alkohol legte Professor Dr. Randolph Penning vor. Trotz 2,37 Promille sehe er keine Hinweise auf Schuldunfähigkeit des alkoholgewohnten Angeklagten. Das Opfer habe zum Zeitpunkt des Todes 1,88 Promille gehabt. Zu dem vom Angeklagten angeführten Gedächtnisverlust meinte Professor Dr. Penning: „Es könnte sein, ist aber nicht wahrscheinlich.“

Verteidiger liest Erklärung des Angeklagten vor

Dazu hatte der Verteidiger, Axel Reiter aus Mühldorf, eine Erklärung seines Mandanten in Ich-Form verlesen. „Ich habe bedauerlicherweise an das tragische Geschehen keine Erinnerung mehr. Ich weiß aber, dass ich schwere Schuld auf mich geladen habe.“ Er müsse lernen, mit seiner Alkoholerkrankung umzugehen und sei zu einer Entzugstherapie bereit. „Ich möchte mich verändern, beruflich wieder Fuß fassen. Obwohl mich der Mann provoziert hat, rechtfertigt das nicht, einem Menschen das Leben zu nehmen.“

Intelligent, aber leicht kränkbar

Erstmals in einem Strafprozess in Traunstein wurden Videos von Polizei-Bodycams gezeigt. Zu sehen war der Angeklagte bei der Festnahme und im Haftraum bei der Blutentnahme. Der 20-fach vorbestrafte 47-Jährige verbüßte mehrmals kleine Freiheitsstrafen. Viele Taten standen im Zusammenhang mit Alkohol. Kriminalpsychologe Dr. Jürgen Thomas beschrieb den Angeklagten als intelligent, leicht kränkbar und nachtragend. Eine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung sei auszuschließen. In Stresssituationen greife er auf Alkohol zurück und neige zu aggressiven Impulshandlungen. Die Wiederholungsgefahr sei hoch, so der Gutachter.

Psychiaterin Dr. Susanne Lausch sprach von einer On-Off-Beziehung zwischen dem Angeklagten und der 36-Jährigen. Bei „einem trinkenden Partner“ sei es schwer, nicht wieder dem Alkohol zu verfallen. Der Erfolg einer Entzugstherapie sei fraglich, eine psychiatrische Behandlung sei eventuell zusätzlich notwendig.

Das Urteil wird für 4. August erwartet.

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