Mühldorfer Experten befürchten Anstieg häuslicher Gewalt in der Corona-Krise

Häusliche Gewalt in der Region nimmt zu: Das Polizeipräsidium Oberbayern-Süd registierte 2017 noch 1528 Straftraten in diesem Zusammenhang, 2018 waren es 1646 Fälle. Maurizio Gambarini/dpa
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Häusliche Gewalt in der Region nimmt zu: Das Polizeipräsidium Oberbayern-Süd registierte 2017 noch 1528 Straftraten in diesem Zusammenhang, 2018 waren es 1646 Fälle. Maurizio Gambarini/dpa

Noch gibt es in Mühldorf keinen Hinweis darauf, dass sich die Ausgangsbeschränkungen auf die Fallzahlen häuslicher Gewalt auswirken. Doch die Isolation birgt einige Gefahren.

Mühldorf – Jede vierte Frau in Deutschland ist nach einer Statistik des Weißen Rings Opfer häuslicher Gewalt. Einer nicht repräsentativen Studie zufolge ist auch jeder zehnte Mann körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt. Es ist zu erwarten, dass diese Zahlen zunehmen, jetzt in Corona-Zeiten, da es weniger Möglichkeiten gibt, Konflikten zu Hause auszuweichen.

„Bisher gibt es in unserem Bereich keine Zahlen, die auf einen Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt hinweisen“, sagt Elfriede Geisberger, die Leiterin des Amtes für Jugend und Familie im Landkreis Mühldorf. Allerdings sei zu bedenken, dass viele Familien gegenwärtig sehr isoliert leben und wenig Außenkontakt haben. Es gebe aktuell kein soziales Umfeld wie Kita oder Schule, die entsprechende Wahrnehmungen machen und an die sich Kinder bei einer möglichen Not wenden könnten.

Isolation fördert Konflikte

„Die Enge, sich nicht aus dem Weg gehen zu können, fördert Konflikte und steigert die Aggressivität. Während der Ausgangssperren sind Frauen und Kinder besonders vonhäuslicher Gewalt bedroht“, erklärt Elfriede Geisberger. Kinder von Eltern mit einem Suchtproblem stehen besonders im Fokus. „In Zeiten der Corona-Krise ist so ein Kind mit den Eltern allein“, so Geisberger. Es sei niemand da, der die Not der Eltern sehe, niemand, der die Not der Kinder sehe – niemand, der hilft.

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Die Meldewege zum Amt für Jugend und Familie am Mühldorfer Landratsamt führen über die Polizei, Nachbarn und auch Angehörige, die Vorfälle melden oder anzeigen. Die Gründe für die häusliche Gewalt liegen laut Geisberger unter anderem in Suchterkrankungen, psychischen Erkrankungen, finanzieller Belastung und in einer möglichen Überforderung. Auch persönliche Belastungen könnten zu häuslicher Gewalt führen.

Kinder sind häufig mittelbare Opfer häuslicher Gewalt

Im Jahr 2018 wurden im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd, zu dem auch der Landkreis Mühldorf gehört, 1646 Fälle von häuslicher Gewalt erfasst. Im Jahr 2017 waren es 1528 Straftaten, die bei der Polizei aufgelaufen sind. In 2018 waren in 42,2 Prozent der Fälle bei der Tatausführung Kinder anwesend, die somit zumindest mittelbar durch die Erfahrung der Gewaltanwendung zum Opfer wurden. (2017: 37,6 Prozent). „Sind bei den Einsätzen wegen Straftaten im persönlichen Nahraum Kinder anwesend, muss von den Verantwortlichen sensibel gehandelt werden. Studien belegen, dass Kinder die Gewalt, die sich nicht gegen sie selbst richten muss, als selbst erlebt empfinden“, erklärt das Polizeipräsidium.

Landratsamt in Mühldorf bietet Hilfe an

Das Landratsamt in Mühldorf ist derzeit für den allgemeinen Publikumsverkehr geschlossen, nur in sehr dringenden Angelegenheiten können nach vorheriger telefonischer Absprache vereinzelt Termine angeboten werden. Die Mitarbeiter nehmen aber trotzdem alle dringenden Aufgaben des Amtes für Jugend und Familie wahr. „Die Kontakte finden derzeit überwiegend telefonisch oder per E-Mail statt. Familien, die bisher von ambulanten Trägern zu Hause betreut wurden, werden durch diese Familienhelfer regelmäßig telefonisch oder mittels anderer Medien wie E-Mail, Skype oder WhatsApp kontaktiert und beraten“, beschreibt Geisberger die Arbeitsabläufe. Momentan werde Schichtdienst gearbeitet. Die Mitarbeiter befinden sich abwechselnd im Landratsamt und im Homeoffice.

Landrat Georg Huber: Netzwerk leistet gute Arbeit

„Die Kombination aus Netzwerk- und Familienarbeit und das Familienkonzept des Landkreises trägt seit dem Start von Koki im Jahr 2010 dazu bei, sowohl einzelfallbezogenen aber auch strukturellen Bedarf festzustellen und diesen in Kooperation mit zahlreichen Netzwerkpartnern abzudecken“, sagt Landrat Georg Huber. Im Rahmen der Netzwerkarbeit werde dabei vor allem auch der Gesundheitsbereich miteinbezogen. Seit acht Jahren werde von „KoKi – Netzwerk frühe Kindheit“ hervorragende Arbeit geleistet. Zusammen mit dem Familienkonzept des Landkreises stünde somit ein hervorragendes Beratungs- und Hilfsabgebot für Betroffene zur Verfügung.

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