Ein Mühldorfer Dirndl

Für das Zeitungsfoto hat Anton Lindner eines der "Mühldorfer Dirndl" über die Kleiderpuppe gezogen. Später verschwindet es wieder im Schrank. Foto ha
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Für das Zeitungsfoto hat Anton Lindner eines der "Mühldorfer Dirndl" über die Kleiderpuppe gezogen. Später verschwindet es wieder im Schrank. Foto ha

Vor 60 Jahren entwarf Schneiderinnungs-Obermeisterin Maria Lindner eine neue "Mühldorfer Tracht". Reißenden Absatz fand sie nie.

Mühldorf - Natürlich sind die Dirndl noch da. "So etwas gibt man nicht weg", sagt Anton Lindner und streicht über die Ärmel der Blusen, die heute noch aufgereiht im Schrank hängen. Vieles in dem alten Schneiderzimmer erinnert noch an seine Mutter, die vor zwei Jahren gestorben ist: Der Meisterbrief an der Wand, die alte Nähmaschine im Eck und die beiden Kleiderpuppen. Eine trägt das erste "Mühldorfer Dirndl", das Maria Lindner vor genau 60 Jahren entworfen und geschneidert hat.

Im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Anfang der 1950er Jahre der Ruf nach einer Wiederbelebung und Erneuerung der Trachtengewänder laut. "Die alte Inntaltracht, so beliebt sie auch sein mochte, hatte sich in unserer Zeit als recht unpraktisch erwiesen", hieß es damals im "Mühldorfer Anzeiger".

Deshalb machte sich Schneiderinnungs-Meisterin Maria Lindner 1953 in Zusammenarbeit mit dem Heimatbund Mühldorf daran, die traditionsreiche Inntal-Tracht umzuarbeiten. Als Vorlage dienten historische Unterlagen aus der Nachsalzburgerzeit. Das neue Dirndl erhielt unter anderem einen viereckigen Ausschnitt, ein Westchen sowie Rüschen am Rückenausschnitt.

1954 wurden die neuen Trachtengewänder dann zum ersten Mal öffentlich gezeigt - im Rahmen einer Modenschau des Bekleidungshandwerks beim "Tages des Handwerks" im Saal des Turmbräugartens. Zu sehen bekamen die Besucher die neue Tracht in allen Variationen: das Sommertrachtendirndl ebenso wie Festtracht, Männer-Sonntagstracht und weibliche Wintertracht.

Auf "lebhaftes Interesse" sei die Mühldorfer Tracht bei den Besuchern gestoßen, berichtet der "Anzeiger" in seiner Ausgabe vom 3./4. September 1954. Trotzdem: "Reißenden Absatz fand die Tracht nie", erinnert sich Anton Lindner. "Obwohl meine Mutter auch immer wieder auch Sonderwünsche berücksichtigte."

Nur etwa 50 Trachten wurden letztlich hergestellt und verkauft. Die Männertracht fand immerhin in leicht abgeänderter Form Einzug bei den Musikern der Mühldorfer Stadtkapelle. Und acht Mädchen der Katholischen Landjugend Aschau schneiderten sich in einem Kurs unter Anleitung von Maria Lindner ein paar "Mühldorfer Dirndl". Aber sonst?

"Die Jugend sehnte sich nach Jeans und Reißverschlüssen. Tracht war in den 60er Jahren nicht angesagt", erklärt sich Anton Lindner. "Eigentlich schade", findet er. "Denn meine Mutter hat in die Entwürfe viel Herzblut gesteckt." So verwendete sie unter anderem nur handgewebte Stoffe, die eigens bei einer Weberei im Bayerischen Wald bestellt wurden.

Inzwischen ist die "Mühldorfer Tracht" in Vergessenheit geraten. Nur Anton Lindner hat sie immer griffbereit - im alten Schneiderzimmer seiner Mutter in der Katharinenvorstadt. ha

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