Interview

Mühldorfer Arzt: Weniger Vorsicht gegenüber dem Coronavirus ist nicht tolerierbar

Aus der ersten Pandemie-Welle gelernt: Die Kreiskliniken sind jetzt besser auf eine erneute Zunahme von Corona-Patienten vorbereitet. Ärzte warnen trotzdem vor Sorglosigkeit.
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Aus der ersten Pandemie-Welle gelernt: Die Kreiskliniken sind jetzt besser auf eine erneute Zunahme von Corona-Patienten vorbereitet. Ärzte warnen trotzdem vor Sorglosigkeit.
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Mühldorf – Die Zahl der Coronakranken steigt auch im Kreis Mühldorf langsam wieder an. Als einen Grund nennen Politiker den sorgloseren Umgang mit der Pandemie. Virologen betonen Virologen, es ist noch lange nicht vorbei. Klinikpandemiebeauftragter Daniel Heidenkummer warnt vor Sorglosigkeit.

Wie bewerten Sie das Verhalten von Menschen bei Partys, an Badeseen oder im Urlaub, wenn alle Coronavorsichtsmaßnahmen fallen gelassen werden?

Daniel Heidenkummer: Ich persönlich würde mich von einem solchen Gedränge fernhalten, denn das Virus ist noch unter uns! Es gibt natürlich viele Menschen, die in der Lockdown-Phase keinen oder nur wenig Kontakt mit Corona hatten. Wir in den Kliniken umso mehr. Wir mussten leider miterleben, wie schwer die Covid-19-Krankheitsverläufe teilweise sein können.

Viele haben sehnsüchtig auf die Aufhebung von Beschränkungen gewartet und wollen die nutzen.

Heidenkummer: Es wäre schon sehr leichtfertig, mit den wiedergewonnen Freiheiten zu sorglos umzugehen und dadurch eine erneute Corona-Welle zu riskieren. Es gibt derzeit keinen effektiveren Schutz gegen das Virus als das Einhalten der Hygienegrundmaßnahmen, das Abstandsgebot und das Tragen eines Mund-Nasenschutzes.

Oberarzt Daniel Heidenkummer ist Pandemiebeauftragter und Risikomanager im Inn-Klinikum Mühldorf.

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Ist etwas weniger Vorsicht angesichts niedriger Zahlen und der Notwendigkeit sommerlicher Entspannung nicht doch tolerierbar?

Heidenkummer: Nach meiner persönlichen Meinung nicht, denn täglich erreichen uns neue Zahlen über Infektionen in diversen Bereichen wie Kindergärten, Erntebetrieben und auch bei Urlaubsrückkehrern, sodass wir bei nun steigenden Testungen mit deutlich höheren Infektionszahlen rechnen müssen.

Welche Konsequenzen hätte ein stärkerer Anstieg für das Gesundheitssystem im Landkreis?

Heidenkummer: Ein starker Anstieg der Fallzahlen könnte in den Kliniken eine erneute Reduktion von planbaren Operationen bedeuten. Zudem würden Vorhaltekapazitäten für Isolationsbereiche wieder aufgestockt werden müssen.

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Sind die Ärzte, Kliniken und Gesundheitsämter besser gewappnet als im März?

Heidenkummer: Ja, definitiv, denn in der ersten großen Welle der Corona-Pandemie konnten wir in der Behandlung von Covid-19-Patienten, aber auch in der organisatorischen und strukturellen Entwicklung, viele Erfahrungen sammeln und Expertise erlangen. Zudem sind wir nun technisch in der Lage, eine frühzeitige Differenzierung von Covid-19-Patienten vorzunehmen und daher eine Trennung zu Nicht-Covid Patienten zu ermöglichen. Trotz aller getroffenen Maßnahmen sind jedoch die Lieferketten für beispielsweise persönliche Schutzausrüstung noch nicht wieder vollständig hergestellt.

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