Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Haferlschuhe auch für Amerika

Zwiegenäht ist die Königsdisziplin: Simon Doser ist Schuhmachermeister in Schwindkirchen

Er zieht das Leder mit der Zange über den Leisten und nagelt es fest. „Reingezwickt“ sagt Schuhmachermeister Simon Doser dazu. Im Hintergrund sieht man seine Leisten, rund 500 hat er mittlerweile.
+
Er zieht das Leder mit der Zange über den Leisten und nagelt es fest. „Reingezwickt“ sagt Schuhmachermeister Simon Doser dazu. Im Hintergrund sieht man seine Leisten, rund 500 hat er mittlerweile.
  • Nicole Sutherland
    VonNicole Sutherland
    schließen

Simon Doser geht einer raren Handwerkskunst nach: Er fertigt Haferlschuhe – Maßschuhe und Konfektionsgrößen. Das Geschäft hat er 2017 von Johann Sclearescu aus Neumarkt-St. Veit übernommen. Bis zu 40 Arbeitsstunden braucht es, bis ein Paar von Hand genähte und maßgefertigte Schuhe fertig sind.

Schwindkirchen – Volksmusik empfängt den Besucher, der die Werkstatt von Simon Doser betritt. Es riecht nach einem Gemisch aus Klebstoff und Leder. Die Werkstatt liegt im ersten Stock eines Hofgebäudes. Im Hinterhof gackern Hühner: Hier geht Simon Doser seiner raren Handwerkskunst nach. Er fertigt Haferlschuhe – Maßschuhe und Konfektionsgrößen. Das Geschäft hat er 2017 von Johann Sclearescu aus Neumarkt-St. Veit übernommen.

„Der Liebe wegen“ zog er damit nach Schwindkirchen. Er übernahm alle Maschinen und die Ausstattung, aber auch den Kundenstamm. „Der Übergang hat sehr gut geklappt“, erzählt er. Bis heute hat er guten Kontakt zu Johann Sclearescu.

Haferlschuh wird in 40 Stunden gefertigt

Doser ist seit 2019 Schuhmachermeister. Er weiß, wie aufwendig es ist, ein Paar Haferlschuhe herzustellen. Bis zu 40 Arbeitsstunden braucht es, bis ein Paar von Hand genähte und maßgefertigte Schuhe fertig sind. Konfektionsgefertigte Schuhe gehen schneller.

Mit Stanzeisen und Schwenkarmstanzmaschine wird das Leder zugeschnitten. Oberleder, Futter und Zunge entstehen so. Die Ferse wird verstärkt, die Schnürung durchgestochen. Den heute typischen Haferlschuh erkennt man gleich an seiner seitlichen Schnürung, erklärt Doser. Schuhe mit einer Mittelschnürung werden auch im Alltag getragen.

Die Rolle des Haferlschuhes hat sich verändert

Früher wurde der Schuh auf dem Hof bei der Arbeit getragen. Er war auch aus etwas festerem Leder. Heute wird der Haferlschuh – besonders, wenn er maßgefertigt ist – zu festlichen Anlässen getragen.

Die Schuhspitze muss mit einer Lederkappe verstärkt werden, dann kann der Leisten, also das Fußmodell aufgeheftet werden. Mit Zangen wird das Leder über den Leisten gezogen, und festgenagelt, „reingezwickt“, sagt der Fachmann.

Rund 500 Leisten gehören zu Dosers Sammlung

Rund 500 Leisten in verschiedenen Größen und Ausführungen hat Schuhmacher Doser in seiner Sammlung. Zum Aufnähen der Sohle wird ein besonderer Faden, der „Schuhmacherdraht“ verwendet. Sieben Mal wird das Hanfgarn zusammengelegt und durch Holzpech gezogen, dann verdreht. Holzpech besteht aus Fichtenharz und Bienenwachs nach geheimer Rezeptur und macht die Naht wasserdicht. Mit einer besonderen Technik wird vernäht, „die Königsdisziplin beim Haferlschuh ist der zwiegenähte Schuh“, sagt Doser, nicht ohne Stolz.

Sohle und Absatz werden gefertigt, dann erst wird der Leisten herausgenommen. Der Schuh wird noch eingefärbt und ist fertig.

Bei der Maßanfertigung kann der Kunde mitrreden

Bei der Maßschuhfertigung kann der Kunde genau aussuchen und bestimmen, was er haben möchte. Ist es das weichere Kalbsleder, das festere Rindsleder, oder das etwas teurere Ziegenleder, mit Seiten- oder Mittelschnürung, mit Schnallen oder Haken. Der Fuß wird genau vermessen und der Leisten nach dem Vorbild angefertigt.

Trachtenvereine sind froh, dass es Simon Doser gibt

Viele Trachtenvereine, Blasmusikvereine und Privatkunden bis nach Amerika gehören zu Dosers Kunden. Zwischen 10 und 20 Paar Schuhe stellt er im Monat her und macht damit 20 000 bis 30 000 Euro Umsatz im Jahr. So ganz trägt sich sein Geschäft noch nicht von allein. Zwei Tage die Woche arbeitet er angestellt als Schuster. Konkurrenzdenken kennt Doser nicht. „Wir sind so wenige Hersteller, wir helfen zusammen“, sagt er.

Gerhard Mayer vom Trachtenverein in Wasentegernbach ist froh, dass es den Doser in der Nähe gibt. „Es ist ein Glücksfall, dass er da ist“, findet er. Früher haben wir bis Berchtesgaden fahren müssen für ein Paar Haferlschuhe. Ganz schwierig war es mit der Reparatur. Die führt jetzt auch der Simon Doser aus“, erzählt Mayer.

Beim Haferlschuh ist fast immer nur die Sohle zu ersetzen

Zu Schuhmacher Konrad Donislreiter aus Mühldorf kommen ebenfalls die örtlichen Vereine mit ihren Reparaturen. „Ein ordentlicher Haferlschuh geht nicht so schnell kaputt“, weiß er und weiter, „natürlich gibt es nachgemachte, billige Exemplare, die nur geklebt sind. Aber ein handgemachter Haferlschuh mit Naht ist fast nicht aufzuarbeiten.“ Deswegen hat er am Haferlschuh fast immer nur die abgelaufene Sohle zu ersetzen.

Ein einfacher Schuh im ländlichen Raum

Dass es den Haferlschuh bereits seit 1830/40 gibt, weiß Alexander Karl Wandinger vom Zentrum für Trachtengewand des Bezirks Oberbayern. Zunächst war es ein einfacher Schuh, im ländlichen Raum, mit Leder- oder Holzsohle. Ab 1900 begann er, in der Trachtenmode eine Rolle zu spielen. Man spielte mit unterschiedlichen Formen und Farben, etwa mit rotem Faden, grüner Zunge, oder beschlagen mit Nägeln. Ursprünglich in der Mitte geschnürt, wird er heute seitlich gebunden.

Es ranken sich viele Geschichten um den Haferlschuh, die alle mehr oder weniger erfunden sind, sagt Wandinger. Es sei genau wie mit der Dirndlschürze, ob sie nun seitlich links oder rechts oder hinten gebunden werde, was es ausdrücke, sei jedem selbst überlassen.

Mehr zum Thema

Kommentare