Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Bildvortrag der Grünen über eine dokumentarische Reise an den Ort des Super-GAU

Nie wieder Tschernobyl

Die Atomkraftgegner Antje Wagner und Markus Büchler informierten vor dem Grünen-Kreisverband.  Foto re
+
Die Atomkraftgegner Antje Wagner und Markus Büchler informierten vor dem Grünen-Kreisverband. Foto re

Mühldorf - Die Atomkraftgegner Antje Wagner und Markus Büchler waren im Sommer 2010 in der Ukraine, um sich vor Ort über die Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zu informieren. Dass einige Monate später in Fukushima die nächste Reaktorkatastrophe folgen sollte, konnten sie damals nicht ahnen. 20 interessierte Gäste begrüßte Rainer Stöger, Kreisvorstandssprecher der Grünen, jetzt bei ihrem Lichtbildervortrag im Seminarhaus Schreinerhof in Mühldorf.

Am stärksten betroffen war die Stadt Pripjat mit ihren 50000 Einwohnern drei Kilometer nördlich des Atomkraftwerks. Erst in den 70er-Jahren als Musterstadt für die Mitarbeiter des Kraftwerks und ihre Familien gebaut, wurde sie nur 30 Stunden nach dem GAU aufgegeben. Innerhalb von zwei Stunden wurden alle Einwohner mit 1200 Bussen und Lkws evakuiert. Die Ruinen stehen bis heute, aber die Stadt bleibt für immer unbewohnbar.

Doch nicht nur die Bewohner von Pripjat verloren ihre Heimat. Riesige landwirtschaftlich geprägte Flächen in der Ukraine und im benachbarten Weißrussland sind auf Dauer unbewohnbar. 350 000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen, 300 Dörfer wurden von der Armee dem Erdboden gleichgemacht, um eine Rückkehr der Bewohner zu verhindern.

Wagner und Büchler informierten über die Vorgänge am 26. April 1986, als im Rahmen einer überfälligen Störfall-Simulationsübung der Reaktor außer Kontrolle geriet. Sie zeigten Archivaufnahmen und Videosequenzen von den Lösch- und Aufräumarbeiten der Sowjets und dem Bau des Sarkophags, der Ummantelung der Reaktorreste.

Dabei waren 800 000 Männer und Frauen im Einsatz. Die sogenannten Liquidatoren, meist freiwillige Helfer, riskierten dabei Gesundheit und Leben. Weil ferngesteuerte Roboter wegen der Strahlung versagten, mussten durch die Explosion auf Nachbargebäude geschleuderte Bruchstücke von Hand entfernt werden. Die Arbeiter durften sich dabei nur jeweils 40 Sekunden auf dem Dach aufhalten, dann hatten sie ihre Lebenszeitdosis an Strahlung erreicht, "bekamen eine Urkunde, ein paar Hundert Rubel und durften nach Hause fahren". Die Überlebenden nennen sich heute noch "Bio-Roboter". Mittlerweile zeigt der Betonsarkophag Löcher und Risse, eine neue Schutzhülle muss gebaut werden.

Den Archivbildern stellten Wagner und Büchler ihre eigenen Aufnahmen gegenüber. In der Geisterstadt Pripjat erobert sich die Natur ihre Räume zurück. Birken, Erlen und Weiden haben aus einmal vielbefahrenen mehrspurigen Alleen einen Forstweg gemacht, Wölfe, Wildscheine und Rotwild breiten sich aus. Nur der Mensch kennt die Strahlung und hält sich fern. Der Vergnügungspark, der am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollte, hat diese Eröffnung nicht mehr erlebt. Autoscooter und Riesenrad rosten vor sich hin.

In der Schule liegt ein Haufen von Kindergasmasken. Sie schützten nicht vor der Strahlung, verminderten aber die Inhalation von radioaktivem Staub. Im Kindergarten liegen Puppen und Spielsachen, die zurückbleiben mussten. Amtliche Statistiken aus Weißrussland zeigen einen starken Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Die Operationsnarbe am Hals nennen die Betroffenen "Tschernobyl-Kollier". Genaue Zahlen für die Krebsrate der Kinder und Bewohner von Pripjat gibt es nicht, da sie über die ganze Sowjetunion verteilt worden sind.

Obwohl Tschernobyl 1400 Kilometer von uns entfernt liegt, sind Pilze und Wild bei uns in Bayern auch 25 Jahre später noch spürbar radioaktiv belastet. Die Überlegung, die Evakuierungszone um Tschernobyl touristisch zu erschließen, mutet da schon sehr makaber an.

Mit zwei übereinandergelegten Landkarten der am stärksten belasteten Gebiete nach Tschernobyl und dem AKW Isar II bei Landshut machten Wagner und Büchler nochmals unmissverständlich klar: ein GAU hier könnte weite Teile Süddeutschlands treffen.

Das gilt ebenso für das tschechische Temelin. Wenn etwas in der Politik alternativlos ist, dann der Ausstieg aus der Hochrisikotechnologie Atomkraft und der schnellstmögliche Ausbau der Erneuerbaren Energien. Das gilt auch für Japan. Wagner und Büchler werden in zwei Wochen dorthin aufbrechen, um sich auch in Fukushima vor Ort zu informieren und darüber berichten zu können. re

Kommentare