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„Die Hetzer wittern Morgenluft“

Weil er Nazis die Stirn bot: Wie der Pfarrer von Taufkirchen im Dritten Reich aus dem Dorf gejagt wurde

Pfarrer Jakob Schmitter im Alter von 73 Jahren, als er im Juli 1950 sein goldenes Priesterjubiläum feierte.
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Pfarrer Jakob Schmitter im Alter von 73 Jahren, als er im Juli 1950 sein goldenes Priesterjubiläum feierte.
  • Hans Grundner
    VonHans Grundner
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Er war ein leutseliger Geistlicher, Jakob Schmitter, der 32 Jahre lang die Pfarrei Taufkirchen leitete. Bis im Sommer vor 80 Jahren die Nazis einen Weg fanden, den mutigen Priester, der ihnen die Stirn geboten hatte, aus dem Dorf zu verbannen.

Taufkirchen – Als besonders leutseliger, königlich-bayerischer Priester ist Jakob Schmitter (1876 bis 1964) in die Geschichte der Pfarrei Taufkirchen-Lafering eingegangen. Insbesondere Willi Merklein, der Heimatforscher und verstorbene Schulleiter von Taufkirchen, hat dem „Schmitter-Jokl“ durch seine Beiträge ein Denkmal als bodenständiges Taufkirchner Original mit Kraiburger Wurzeln gesetzt.

Mutiger Priester

Das war der Geistliche wohl auch, doch vor allem war Schmitter, der dem Verein für klare Aus- und Ansprache angehörte, ein mutiger Priester, der im Dritten Reich mit den Machthabern auf Konfrontation gingen. Wie viele andere musste auch er das teuer bezahlen.

„Die Hetzer wittern Morgenluft“

Sehr bald nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten war klar, dass sich die Haltung des Pfarrers und die Gesinnung der neuen Herren im Land nicht vertrugen. „Manche Hetzer wittern Morgenluft“, schreibt der Geistliche 1933 in die Chronik der Pfarrei.

Nazis im Ort versuchen, ihm allerhand anzuhängen, unter anderem die Unterschlagung von Wertpapieren beim Raiffeisenverein. Doch die Untersuchungen liefen ins Leere.

Der Kampf um die christliche Jugend

Immer neue Konfliktfelder, insbesondere im Bereich der Schule und Jugendarbeit taten sich auf. Schmitter versuchte die Gründung einer Ortsgruppe des BDM – des Bund deutscher Mädel – zu hintertreiben, weil dies eine Mitgliedschaft der jungen Frauen bei konfessionellen Jugendvereinigungen ausgeschlossen hätte.

Tatsächlich gelang es ihm, 1935 eine Jungfrauenkongregation aufzubauen, in der er bis zum staatlichen Verbot der Kongregation im Januar 1938 an die 80 Mitglieder um sich scharte. Sogar eine Jugendwallfahrt konnte er gegen die NSDAP-Kreisleitung durchsetzen.

Mit nazitreuen Lehrern angelegt

Wiederholt legte sich der Priester mit jungen nazitreuen Lehrern an und blockierte etwa an Weihnachten eine neuheidnische Jul-Feier. „Dieselbe musste unterbleiben, weil die Eltern kein einziges Kind dazu gehen ließen“, ist in der Pfarrchronik zu lesen. Schmitters Einfluss spielte dabei wohl eine entscheidende Rolle. Es folgten heftige Differenzen um die Teilnahme an Parteiveranstaltungen, die die neuen Herren zeitgleich zu Gottesdiensten und kirchlichen Feiern ansetzen.

Immer häufiger wird Schmitter von der Gendarmerie vorgeladen und verhört, weil er angeblich gegen das Flaggengesetz und die Stundenordnung des Religionsunterrichts an der Schule verstoßen habe. Der Mühldorfer Landrat erteilt ihm einen strengen Verweis.

Verhängnisvolle Begegnung

Im Sommer 1941 liefert der Geistliche den Nazis den Vorwand, auf den sie seit Langem lauern. Auf einer Radfahrt nach Frauendorf begegnet der Priester einem jungen preußischen Ehepaar.

Den deutschen Gruß mit dem bayerischen beantwortet

Pfarrer Georg Eibl, Schmitters Nachfolger, berichtet über die verhängnisvolle Begegnung: Das Paar habe den Pfarrer in provozierender Weise mit dem deutschen Gruß „Heil Hitler“ begrüßt. Der habe mit dem bayerischen Gruß geantwortet: „Leckt mich am A...“ Der Gegengruß sei „nicht gerade fein“, findet Eibl, „aber nicht schlecht gewählt, um die Unlust gegen die ganze Hitlerbewegung zu kennzeichnen“.

Gestapo steckte ihn in Zwangshaft

Pfarrer Schmitter kostet die unbedachte Äußerung das Amt. Der Vorfall wird als schweres Verbrechen gewertet. Diesmal sind die Verhöre und Beschimpfungen bei Kommissär Feulner in der Kraiburger Gendarmerie erst der Anfang. Der Priester wird der Geheimen Staatspolizei in München überstellt, die mit einer achttägigen Zwangshaft seine Abdankung als Pfarrer von Taufkirchen erpresst. Wenig später folgt ein Unterrichtsverbot.

Unterrichtsverbot und Geldstrafe

Der Pfarrer muss mehrere hundert Reichsmark Geldstrafe zahlen und eine Kaution von 500 Reichsmark hinterlegen, mit der Auflage, zeitlebens die Pfarrei Taufkirchen nicht mehr zu betreten.

Im Oktober kehrt er noch einmal in den Pfarrhof zurück, um seine Möbel zu packen und in den dauernden Ruhestand nach Pasenbach in der Pfarrei Vierkirchen im Landkreis Dachau zu verschwinden. Mit seinem Abschied verliert er sein Pfarrergehalt und fristet sein Dasein jetzt in einem feuchten Benefiziatenhaus.

Ein Foto aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, das den jungen Priester im Kreis seiner Familie in Kraiburg zeigt.

Mit Glück der KZ-Haft entgangen

Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Nur wegen seines hohen Alters und der Intervention des Ordinariats entgeht Jakob Schmitter der KZ-Haft in Dachau. Der 65-Jährige wäre wohl im Priesterblock des Konzentrationslagers gelandet, wohin die SS seit Ende 1940 Pfarrer aller Konfessionen und Nationalitäten aus verschiedenen Lagern verlegt. 2720 Geistliche waren in Dachau bis zur Befreiung im Frühjahr 1945 inhaftiert.

Unter ihnen war auch der katholische Theologe und Widerstandskämpfer Johannes Neuhäusler, der, inzwischen Weihbischof, im März 1964 als Vertreter der Bistumsleitung zum Begräbnis des Schmitter-Jokl nach Pasenbach kam. Eine überaus große Trauergemeinde nahm Abschied von einem bescheidenen und mutigen Seelsorger.

Auch Abordnungen aus Taufkirchen und der damals noch selbstständigen Gemeinde Zeiling waren dabei. Die Gemeinden hatten den Geistlichen nach dem Krieg zu ihrem Ehrenbürger ernannt.

Der Schmitter-Jokl: Stationen eines leutseligen Landpfarrers

Jakob Schmitter verkörperte den Typ des dickschädlichen Landpfarrers, den es schon wegen des Priestermangels längst nicht mehr gibt.

Der Schmitter-Jokl, der am 4. Juli 1876 in Schongau geboren wurde, stammte aus einer Lehrersfamilie. Sein Vater wie zuvor sein Großvater unterrichtete an der Volksschule. Kurz nach der Geburt des Buben zog die Familie nach Kraiburg um, wo der kleine Jakob schon vor der Schulzeit Privatunterricht beim Opa erhielt. Mit elf Jahren wechselte der aufgeweckte Bub dann ans Humanistische Gymnasium in Metten, das er 1895 abschloss.

Eigentlich wollte er Mathematik studieren

Eigentlich wollte er danach Mathematik studieren. Zunächst meldete er sich zu einem einjährigen Freiwilligendienst zum Militär, überlegte es sich aber wieder anders und nahm an der Universität in München ein Theologie-Studium auf. 1899 kam er ins Klerikalseminar in Freising, wo er mit 23 Jahren im Juni 1900 zum Priester geweiht wurde.

Ermahnungen vom Ordinariat

Es folgten Stationen als Hilfsgeistlicher in Vilslern, Haag, Schwindkirchen, Schnaitsee und schließlich Taufkirchen-Lafering. Im Dezember 1909 wurde ihm die Pfarrei übertragen, in der er wegen seines natürlichen Umgangs mit seinen Schäfchen und aufgrund seines geselligen Verhaltens als Pfarrer geachtet und beliebt war. Schmitter war nah dran an den Leuten, wie man heute vielleicht sagen würde.

Bei seinen Vorgesetzten im Ordinariat ist das nicht immer gut angekommen. So wurde er, wie ein späterer Chronist schreibt, 1911 in einer Beurteilung ermahnt, weil er „sehr viel das Wirtshaus besucht und dort lange verweilt“ und durch „unpassende Reden“ Anstoß errege. Schmitter selbst hat diese Vorwürfe als üble Verleumdung zurückgewiesen.

Trotz Verbots der Kirchenleitung Fahrrad gefahren

Der Pfarrer hat sich zur rechten Zeit über Regeln der Bistumsleitung hinweg gesetzt. So ist bezeugt, dass er 1908 als Kooperator in Schwindkirchen als einer der Ersten ein Fahrrad fuhr; zu einer Zeit, als das Ordinariat das noch verboten hatte, weil damit „erotische Reize erzeugt würden“.

Auf dem Radl Brevier lesend soll der Pfarrer einmal am steilen Wanglbacher Berg zu Sturz gekommen sein, weil er in der Kurve eine Sau samt Treiberin und auch diese ihn übersehen hatte.

Nicht weniger sportlich als sein Fahrrad nutzte der Geistliche später sein Motorrad. In seiner Personalakte fand sich 1934 ein Schriftstück über einen Motorradunfall. Schmitter wurde gerammt, erlitt eine Gehirnerschütterung und einen Nasenbeinbruch und soll sich vorzeitig selbst wieder aus dem Krankenhaus entlassen haben.

Dem Schnupfen und Rauchen zugetan

Gerne hat der Schmitter-Jokl seine knapp bemessene Freizeit im Garten – bei der Rosenzucht – oder in der Werkstatt verbracht. Bis ins hohe Alter war der Geistliche dem Schnupfen und Rauchen zugetan. Nach der Messe gönnte er sich mit dem Mesner gern eine Prise „Schmai“. Und oft wurde er noch im hohen Alter mit der Virginia in der Hand vor dem Haus gesehen.hg

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