Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Wenn der Postmann keinmal klingelt

Weil ihm die Arbeit über den Kopf gewachsen ist, stapelte ein Postbote Briefe zu Hause. Dafür muss er jetzt 900 Euro Strafe zahlen.
+
Weil ihm die Arbeit über den Kopf gewachsen ist, stapelte ein Postbote Briefe zu Hause. Dafür muss er jetzt 900 Euro Strafe zahlen.

Mühldorf. – Die Arbeit als Postbote kann ganz schön anstrengend sein.

Fünf Tage die Woche auf Achse, oft auch einen sechsten, wenn ein Kollege ausfällt und der Chef anruft, weil er Ersatz braucht. Und immer wieder neue Routen lernen, „Gänge“ nennen sie das bei der Post.

Der Richterhat Mitleid

Amtsrichter Florian Greifenstein wirkte fast mitleidig, als ein junger Mann vor ihm erschien, dem sein Broterwerb als Briefzusteller so heftig zugesetzt hatte, dass er an manchen Tagen die Post nicht mehr ausfuhr, sondern sie mit nach Hause nahm, in einen blauen Müllsack steckte und im Schrank verwahrte.

Wenn Mühldorfer zwischen September 2018 und Dezember 2019 vergeblich auf Briefe warteten, könnte ihr Verbleib geklärt sein: Post von mindestens sieben verschiedenen Zustelltagen schlummerte in der Wohnung des Postboten, als die Polizei im vergangenen August mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss anrückte. Da war der junge Mann schon ein halbes Jahr arbeitslos, weil sein Vertrag bei der Post ausgelaufen war.

Die Ermittler zählten 284 Briefe, alle ungeöffnet. „Das meiste waren Rabattbriefe mit Gutscheinen und Werbung“, sagte der Beamte, der die Ermittlungen leitete und Brief für Brief ablichtete, als Zeuge. In der Wohnung habe Chaos geherrscht. Nach dem Eindruck des Polizisten war der junge Mann „etwas aus der Bahn gekommen.“ Neben der Post fanden die Ermittler 25 gelbe Post-Plastikschachteln, gestapelt auf der Toilette, sowie 5,11 Gramm Marihuana.

Die Vorwürfe wegen der gehorteten Post und der gelben Schachteln wogen für die Staatsanwaltschaft so schwer, dass sie die Drogen bei der Strafverfolgung ganz außer Acht ließ.

Man erfuhr in der Versammlung erstaunliche Details. Etwa, dass eine gelbe Postschachtel 75 Euro wert ist. Und dass es bei manchen Postboten ein Fach gibt, wo sie die Briefe zur Zustellung am nächsten Tag ablegen, wenn sie beim Ausliefern eine Sendung vergessen.

Der junge Angeklagte machte keine Anstalten, seine Versäumnisse zu leugnen. Es sei ihm damals gesundheitlich nicht gut gegangen. „Ich habe ständig neue Gänge lernen müssen“, sagte er dem Richter. Wie überfordert er gewesen sei, habe er dem Chef gesagt. Doch der habe ihn gepiesackt. „Es wurden immer mehr Gänge. Ich war ewig unterwegs.“ Zur Weihnachtszeit sei es am stressigsten gewesen. In seiner Wohnung habe es bald ausgesehen „wie in einem Messi-Haushalt.“ Sein Verteidiger diagnostizierte gar ein Burnout.

Reuig undtraurig

Dem Richter entfuhr am Ende der Beweisaufnahme ein Seufzer. „Oje“, sagte er und machte der Staatsanwältin den Vorschlag, die Unterschlagungsanklage wegen der 25 Plastikschachteln zurückzuziehen. Sie folgte ihm nach einer telefonischen Beratung mit ihren Vorgesetzten in Traunstein.

Wegen einer Verletzung des Postgeheimnisses im Sinne des Strafgesetzbuches verurteilte Greifenstein den heute 28-Jährigen zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 15 Euro. Das macht insgesamt 900 Euro. Die Staatsanwältin hatte den dreifachen Betrag gefordert. Der Verteidiger des gelernten Schreiners hätte 250 Euro als ausreichend empfunden. Der Angeklagte, dessen schmächtige Gestalt dem zarten Gemüt entsprach, bedankte sich artig für das Urteil. nem

Kommentare