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Auf eigenen Füßen stehen

„Traumatisiert und voller Fragen“ – Olena Preis aus Aschau am Inn hilft täglich Flüchtlingen aus der Ukraine

Noch immer bekommen Olena und Roland Preis für die ukrainischen Flüchtlinge von Nachbarn Kleidung, Fahrradhelme und Spielsachen geschenkt.
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Noch immer bekommen Olena und Roland Preis für die ukrainischen Flüchtlinge von Nachbarn Kleidung, Fahrradhelme und Spielsachen geschenkt.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Die Bilanzbuchhalterin besucht ihre Landsleute jeden Tag nach der Arbeit zwischen sieben und neun Uhr und ist Teil einer eigens eingerichteten Whatsapp-Gruppe.

Aschau – Am Ende kann Olena Preis nicht mehr. Da versagt ihre Stimme. Da steigen ihr die Tränen in die Augen. Da gewinnen die Gefühle die Oberhand.

Da ist die ganze Tragödie, der ganze Schmerz und das ganze Leid dieses sinnlosen Krieges plötzlich mitten in der Küche in Aschau. Preis: „Es ist einfach so nah.“ Olena Preis stammt aus Odessa, wohnt seit 15 Jahren mit ihrem Mann Roland in Deutschland und seit zehn Jahren in Aschau. Olena Preis ist eine der vielen Menschen, die seit Wochen ehrenamtlich helfen.

Auf eigene Kosten Pension gebucht

Luftlinie ist Odessa von Aschau gut 1.400 Kilometer entfernt. Doch seit dem Kriegsausbruch ist Odessa mitten in Aschau. Zunächst war es ihre älteste Tochter, die mit den Kindern und der Oma vor den Bomben geflohen ist und nach Aschau kam. „Dann hat sie gefragt, ob auch ein paar Freundinnen kommen dürfen. Die haben niemanden, wo sie hin können.“ – „Klar. Wir finden schon etwas.“ Das sprach sich rum. Am Ende waren 30 Freunde und Bekannte aus Odessa in Aschau. „Wir haben auf eigene Kosten eine Pension gebucht“, erinnert sich Roland Preis. „Das ging ja alles so schnell.“

Eine richtige Hilfslawine

Als Aschaus Bürgermeister Christian Weyrich das mitbekommen hat, habe die Gemeinde sofort geholfen und eine Hilfslawine brach los. „Das war eine Kettenreaktion“, erinnert sich Olena Preis. Die 30 Flüchtlinge fanden im Don Bosco Jugendwerk in Waldwinkel eine neue Bleibe. Derzeit leben dort gut 70 Flüchtlinge. „Es funktioniert alles reibungslos“, freut sich Don Bosco Geschäftsführer Christian Kunde, der noch für gut 20 Flüchtlinge Platz hätte. „Wir waren eine der ersten Einrichtungen, die Flüchtlinge aufgenommen hat.“ Das Jugendwerk ist nur der Vermieter; alles andere läuft über das Landratsamt. In Waldwinkel leben die Flüchtlinge in ehemaligen Jugendwohngruppen zusammen. Dort können sie zur Ruhe kommen, verfügen über eigene Küchen und Waschmöglichkeiten.

Eine Chance, um anzukommen und sich langsam in einem neuen Land zurechtzufinden.

Olena Preis, die als Bilanzbuchhalterin arbeitet, besucht ihre Landsleute jeden Tag nach der Arbeit zwischen sieben und neun Uhr und ist Teil einer eigens eingerichteten Whatsapp-Gruppe. „Die schreiben mir alle. Die haben so viele Fragen. Ich erkläre ihnen die ganz einfachen Dinge.“

Dinge, die für uns selbstverständlich sind: Wie funktioniert die Mülltrennung? Wo kann ich günstig einkaufen?

Wo gibt es Buchweizen für einen Kinderbrei? Wie heißt hier Hausnatron, den ich für einen Kuchen brauche? Bei all diesen Fragen hilft Olena Preis. Aber auch bei Behördengängen, bei der Bank oder beim Arzt: Welche Unterlagen brauche ich? Welche Hilfe bekommen ich? Wie kann ich online bezahlen?

Das ist eine erste, wichtige Hilfe. Aber letztlich hängen alle in der Luft. „Die sind einfach traumatisiert“, so Roland Preis. Eine Frau habe sich den Mund aufgebissen, eine andere hatte am ganzen Körper einen Ausschlag. Und Kinder würden beim samstäglichen Sirenensignal plötzlich heulen, weil sie denken, dass sei ein Bombenalarm.

Hinzu kommt der Schock über den Kriegsausbruch. „Wir haben seit Weihnachten gesagt, dass es Krieg geben wird“, erzählt Roland Preis. Doch das wollte von den ukrainischen Verwandten niemand hören; auch nicht am Tag des Kriegsbeginns; erst als die Bomben fielen. Andere treibt die Sorge um die Angehörigen um und schmerzt der Verlust von Haus und Hof.

Hinzu kommt die ungewisse Zukunft: „Die meisten wollen wieder zurück in ihre Heimat“, so Olena Preis. Nur wann? Wann immer das sein wird. Alle wollen so schnell es geht, wieder auf eigenen Beinen stehen. „Sie wollen eine eigene Wohnung und eigenes Geld verdienen“, hat Olena Preis beobachtet. Sie besuchen dreimal in der Woche einen Deutschkurs und die ersten Männer und Frauen haben auch schon die erste Arbeit gefunden, unter anderem in einem Altersheim in Kraiburg. „Mit den Händen und Englisch geht das anfangs“, so Preis.

Die Ukrainer wollen arbeiten. Unter den Geflüchtete sind Tierärzte, eine Rechtsanwältin, eine hat an der Uni unterrichtet, andere haben im Außenhandel gearbeitet oder waren selbständig. „Die sind alle gut ausgebildet. Sie haben gut verdient und fangen jetzt wieder bei Null an. “, so Preis. Und sie sind sich nicht zu schade, um ganz unten wieder anzufangen. „Sie wollen wieder normal leben.“

Der elfjährige Enkel von Olena Preis hat auch schon Kontakte geknüpft – auf dem Fußballplatz natürlich. Wie könnte es anders sein? „Er schießt Tore. Er versteht zwar kein Deutsch, aber Englisch“, freut sich die Oma. Und die Kinder lernen ja so schnell.

Olena Preis ist aber nicht nur von ihren Landsleuten beeindruckt, sondern auch von ihren Nachbarn, der Gemeinde, dem Landratsamt sowie der Kirche. Alle hätten sofort geholfen, seien immer ansprechbar. „Die Hilfe ist überwältigend. Das ist einfach unglaublich.“ Noch immer kommen Nachbarn bei ihr vorbei und bringen Kleidung, Fahrradhelme oder auch Puppenkleider vorbei. Ein Lichtblick in einer Zeit, in der das Schicksal von Odessa so nah ist und es nur wenig braucht, um den ganzen Schmerz sichtbar zu machen; hier, mitten in Aschau.