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Verbindung zur Familie in Kabul

Verwandte in der Falle: Die Tabesch Mohammadis aus Mühldorf erzählen vom Leid in Afghanistan

Glücklich in Mühldorf, traurig in Gedanken in Kabul: Nour Agha Tabesch Mohammadi und seine Tochter Dina Tabesch Mohammadi.
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Glücklich in Mühldorf, traurig in Gedanken in Kabul: Nour Agha Tabesch Mohammadi und seine Tochter Dina Tabesch Mohammadi.
  • Markus Honervogt
    VonMarkus Honervogt
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Die Familie Tabesch Mohammadi hat Glück, sie lebt in Mühldorf. Über Telefon und WhatsApp erfahren sie aber genau, was mit ihren Verwandten in Kabul passiert.

Mühldorf – Nour Agha Tabesch Mohammadi nimmt die Geburtstagsglückwünsche entgegen, schließlich wird er 65. Freuen kann er sich nicht. „Ganz schlecht geht es“, sagt er. Denn in Gedanken ist er über 6000 Kilometer von Mühldorf entfernt in Kabul und anderen afghanischen Orten, wo seine Verwandten leben. In Angst. In großer Angst.

Das sei nur schwer zu ertragen, sagt er.

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Manches gelingt ihm auf Deutsch, bei vielem übersetzt seine Tochter Dina. Vor allem dann, wenn er politische Zusammenhänge erklärt, begründet, warum die Taliban in Afghanistan wieder mit dem gleichen Schreckensregime herrschen werden wie vor 20 Jahren; warum sie sich jetzt friedliebend und offen geben. „Das sind Lügen, sie wollen die Leute nur beruhigen. Das ist eine Täuschung.“

Jeden Tag Kontakt zu Verwandten in Kabul

Den Beschwichtigungen stellt er seine Erlebnisse entgegen: „Wir haben schlimme Taten gesehen.“ Die Taliban hätten Krankenhäuser und Moscheen zerstört, Frauen die Arbeit verboten, Kinder getötet. Selbstmordattentate gegen die eigene Bevölkerung verübt und exzessiv Drogen hergestellt und weltweit verkauft zur Finanzierung ihres Krieges.

Die Taliban sind noch immer die gleiche, wilde Gruppe

Die Taliban hätten in Pakistan überlebt, seien dort mit Waffen versorgt worden. „Es ist die alte Gruppe, es ist eine wilde Gruppe.“ Für ihren schnellen Erfolg macht Tabesch Mohammadi den geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani verantwortlich. Er stammt wie die Taliban aus dem Mehrheitsvolk der Paschtunen und habe die Soldaten angewiesen, sich nicht zu wehren.

Terror der Taliban am eigenen Leib erlebt

Obwohl die Mohammadis seit Jahrzehnten auf der Flucht sind, haben sie die Herrschaft der Taliban am eigenen Leib erfahren. Vor über 20 Jahren, als sie an der Macht waren, aber auch in den vergangenen Jahren.

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In dieser Zeit kam Dina in das Geburtsland ihrer Eltern, sie ist im Iran geboren. Heute ist sie 21 Jahre alt, damals war sie ein Kind. Sie sollte ihr Gesicht verhüllen, wenn sie im Bus fuhr. „Bedecke dich“, rieten die Verwandten, „schau nicht zu den Männern, damit du nicht geklaut wirst.“ Ein Mädchen von kaum zwölf Jahren. Ständig hätten sie Beispiele von ermordeten Frauen vor Augen gehabt, gesteinigt oder verbrannt. „Es gab immer Angst.“

Zwölfjährige Cousinen können zwangsverheiratet werden

Jetzt denkt sie an ihre Cousinen, die in genau dem Alter sind. Mit zwölf können sie zwangsverheiratet werden. Sie denkt an ihre Tante, deren Mann von den Taliban ermordet wurde und der jetzt ein neuer, fremder Mann aufgezwungen werden könnte.

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Fast jeden Abend telefoniert ihr Vater nach Afghanistan, die Tochter setzt auf WhatsApp. So erfährt sie von den Ängsten der Mädchen, von den Brüdern ihres Vater, die als Polizist oder Journalist arbeiteten. Sie liest den Satz: „Wir sitzen in der Falle.“

Lange Flucht endet in Deutschland

Die Taliban unterstellten dem Polizisten Nour Agha Tabesch Mohammadi vor über 20 Jahren, er wolle politisch agitieren. Die Familie floh in den Irak. Mohammadi krempelt das Hosenbein hoch, sein Fußgelenk zeigt große Narben. Sie haben ihn gefoltert. Im Iran konnten die Mohammadis nicht leben, kehrten zurück nach Afghanistan und flohen 2015 nach Deutschland.

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Damit gehören sie zu den 482 Menschen aus Afghanistan, die nach Angaben des Landratsamts im Landkreis Mühldorf leben. Die Meisten kamen 2015, als die Taliban wieder erstarkten.

Afghanistan helfen – in Afghanistan

Mohammadi legt viel Wert darauf zu zeigen, wie froh seine Familie ist, in Deutschland leben zu dürfen. Wie gut sich seine acht Kinder eingelebt hätten. Dass sein Jüngster im Herbst ein Studium beginnen und Tochter Dina 2022 ihr Fachabitur ablegen wird.

Situation im Land öffentlich machen

Und er will an die Öffentlichkeit gehen, damit viele erfahren, unter welchen Bedingungen die Menschen in Afghanistan leben. Denn Hilfe und Befreiung müsse dort stattfinden. Es könnten nicht alle fliehen, deren Leben in Gefahr sei, sagt er.

Taliban bringen keine Religion, sondern eine Lüge

Seine Tochter wird emotional: „Meine Generation will nach dem wahren Islam leben.“ Töten sei verboten, die Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau auch. Was die Taliban brächten, sei ein selbst gemachter Islam, „eine Lüge“. Ihnen gehe es nicht um Religion, ihnen gehe es um Herrschaft, um ein Verhalten, „das meine Religion kaputt macht“.

Dina Tabesch Mohammadi greift weit aus, sagt, sie habe ihr Ziel geändert, für das sie ihr späteres Studium nutzen wolle. Es ging nicht mehr darum, einen guten Job zu bekommen, Geld zu verdienen. Stattdessen: „Ich will hier lernen, um mein Land zu retten.“

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