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SOKO Tierschutz deckt auf

Puten kommen auf Qual-Transporten aus Ungarn nach Ampfing zum Schlachten

Tierqual-Transporte aus Ungarn für Schlachtung in Ampfing: Ein Mitarbeiter eines Putenhofes schleudert ein lebendiges Tier mit Gewalt in den Transporter. Foto: dpa
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Sie werden geschlagen, mit Füßen getreten, mit Wucht in Transporter geschleudert: Puten, die in einem ungarischen Mastbetrieb zur Schlachtung verladen werden. Tierschützer haben die Szenen gefilmt, den Transport bis zum Ziel verfolgt: der Putenschlachthof in Ampfing. Politiker fordern Konsequenzen.

Ampfing – Nach dem Tierschutzskandal im Allgäu erschüttert ein neuer Fall von Tierquälerei die Öffentlichkeit – und die Politik. Diesmal geht es um Puten, die Hunderte von Kilometern durch die Sommerhitze transportiert werden. Alles andere als tiergerecht.

Aus großen Aufzuchtbetrieben in Ungarn und Tschechien kommen sie nach Oberbayern, in den Putenschlachthof der Süddeutschen Truthahn AG in Ampfing. Aktivisten von der SOKO Tierschutz erheben schwere Vorwürfe gegen die Betriebe in Osteuropa, die Transporteure und das Unternehmen, das seit 2002 in Ampfing einen der größten Putenschlachthöfe in Deutschland aufgebaut hat.

Mit Füßen in Käfige getreten

„Grausame Bilder“ hat Friedrich Mülln, Vorsitzender der SOKO, gesehen, als er an einem Tag im Juni im westungarischen Sarvaskend im Gebüsch lag und Arbeiter beim Verladen der Schlachttiere beobachtete und verdeckt filmte. Auf die Tiere, die sich wehren, werde eingeschlagen. Aus kurzer Distanz werden sie in die Transporter geschmettert, mit Füßen in Käfige getreten.

Drastische Bilder in Video: Die SOKO-Tierschutz klagt an

Die SOKO Tierschutz berichtet: Beim Verladen verletzen sich dei Truthühner häufig, erleiden Knochenbrüche oder Blutungen. In Sarvaskend sitzt einer der Zulieferbetriebe des Schlachthofs in Ampfing, nicht der einzige in Osteuropa. Auch aus Tschechien kommen Tiere zur Schlachtung und Verarbeitung nach Oberbayern. Mehr als 500 Kilometer müssen sie zurücklegen. In der sommerlichen Hitze überleben viele Puten die Strapazen der Fahrt angeblich nicht, so der Tierschutzaktivist aus der Region München.

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Warum die Tiere aus diesen Entfernungen angekarrt werden, liegt für Mülln auf der Hand: Das Lohnniveau und riesige Betriebseinheiten mit zum Teil über 100.000 Tieren, machen die Fleischproduktion billiger.

Fleisch aus dem Ausland kann mit ein wenig Verarbeitung mit bayerischer Herkunft deklariert werden

Wie das Unternehmen in einer Stellungnahme gegenüber den OVB-Heimatzeitungen am Donnerstagnachmittag erklärt, habe man den Betrieb in Ungarn nach Bekanntwerden der Vorwürfe „vorsorglich gesperrt“. Gleichzeitig habe man bei zwei unabhängigen Kontrollstellen „zusätzliche unangemeldete Spot-Audits bei allen unseren ungarischen Aufzuchtbetrieben in Auftrag gegeben“.

In der Pressemitteilung versichert die Süddeutsche Truthahn AG „die Videoaufnahmen bei der Ausstrahlung zum ersten Mal gesehen“ zu haben. Mit internen Fachleuten und externen Sachverständigen werde man die Bilder analysieren. Bis zur endgültigen Klärung der Vorwürfe „wird der Betrieb in Ungarn kein Fleisch an die Süddeutsche Truthahn AG liefern“.

Nach Angaben des Schlachthofs, der seit 2016 zur schweizerischen Bell Food Group gehört, stammt der überwiegende Teil, nämlich 95 Prozent der Schlachttiere, aus deutschen Aufzuchtbetrieben. Deutsches und importiertes Putenfleisch werde im Betrieb getrennt und deklariert.

Hier kommen die Puten her, die in Ampfing geschlachtet werden

Quelle: SOKO Tierschutz

Der Deutschen Presseagentur teilte die Süddeutsche Truthahn AG mit, dass aus dem Betrieb in Ostungarn bis zur Klärung der Vorwürfe keine Puten mehr nach Ampfing geliefert werden dürften. «Weiter haben wir dies zum Anlass für eine Regelung genommen, dass alle Höfe, die uns beliefern, ab sofort noch häufiger geprüft werden», sagte Vorstand Dieter Bockhorn. Bisher hätten sich jedoch aus den Transport- und Veterinärprotokollen keine Hinweise auf mögliche Tierschutzvergehen ergeben.

Laut Medienberichten hatte der Schlachthof in einer ersten Stellungnahme darauf verwiesen, dass der überwiegende Teil, nämlich 90 Prozent der Puten aus deutschen Aufzuchtbetrieben stamme. Deutsches und importiertes Putenfleisch werde im Betrieb getrennt und entsprechend deklariert. Allerdings gilt dies nicht für sogenanntes veredeltes Fleisch, das verarbeitet oder auch nur mariniert wird. Es kann als Ware aus bayerischer Herkunft gekennzeichnet werden. Das lässt die europäische Gesetzgebung zu.

Tierschutzverordnung: Puten dürfen zwölf Stunden ohne Futter und Wasser transportiert werden

Und auch die Transportfahrten verstoßen nicht gegen das Gesetz. Zwar wird für Transporte eine maximale Dauer von acht Stunden empfohlen. Doch laut Tierschutzverordnung dürfen Puten zwölf Stunden ohne Zugang zu Futter und Wasser befördert werden.

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Rainer Stöger, der sich von Anfang an kritisch gegen eine Ansiedlung geäußert hatte, hält sich mit Kritik an den Betreibern vor Ort zurück. Was jetzt ans Licht komme, sei „bitter und tragisch, aber ganz ehrlich: Nicht wirklich überraschend“, kommentiert der Ampfinger Grünen-Gemeinderat. „Ich habe mich immer schon gefragt: Woher kommt die Menge an Viechern, die in Ampfing geschlachtet werden, zumal der Betrieb ja auch in der Vergangenheit ständig erweitert hat!“

Kritik: „Es kann nicht sein, dass Puten aus Ungarn in Ampfing geschlachtet werden"

Stöger glaubt nicht, dass der Schlachthof im Rahmen der konventionellen Tierhaltung gegen gesetzliche Regelungen verstoßen habe. Die Haltung der Puten im Ausland und der langen Transportwege hingegen gäben allen Anlass zur Sorge. „Es kann nicht sein, dass Puten aus Ungarn in Ampfing geschlachtet werden und entsprechend deklariert werden.“

Der Putenschlachthof in Ampfing ist wegen der Zustände bei mindestens einem seiner Zulieferer in die Kritik geraten. Foto: Stettner

Er fordert grundsätzlich eine bessere Kennzeichnungspflicht über das Ursprungsland der Haltung. In diese Richtung gehen auch die Forderungen, die SPD-Landtagsfraktion in einer Pressemitteilung erhob. Ein verpflichtendes Tierwohllabel und schärfere Regulierungen bei den Tiertransporten verlangt SPD-Agrarexpertin Ruth Müller.

Kritik auch an den Kontrollbehörden

Und ihr Fraktionskollege Florian von Brunn übt Kritik an den Kontrollbehörden. Es sei „völlig unverständlich, warum das Landratsamt und die amtlichen Tierärzte an dem Schlachthof nicht eingeschritten sind“. Die Konsequenz müsse sein, das alle bayerischen Schlachthöfe zusätzlich unangemeldet von der Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) kontrolliert würden.

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Das Landratsamt Mühldorf teilt auf Anfrage mit, bei der Schlachttier- und Fleischuntersuchung seien bei dem angesprochenen Putentransport aus Ungarn „keine Auffälligkeiten festgestellt worden“. Um ihre Aufgaben erfüllen zu können, seien die amtlichen Tierärzte des Landkreises während der gesamten Dauer der Schlachtung anwesend. „Sie überprüfen die angelieferten Tiere, die Begleitdokumente und deren Schlachtung.“

Kontrolleure geben sich zugeknöpft

Fragen zum Kontrollrhythmus, zum Datum der jüngsten Kontrolle und konkreten Befunden beantwortet das Landratsamt nicht. Es verweist auf die Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV), die für die Überwachung des Betriebs zuständig sei. Nur ein Teil der Aufgaben sei auf das Landratsamt rückübertragen.

Eine Stellungnahme der Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

Ampfinger Bürgermeister schockiert über Bilder in den Zulieferbetrieben

Stöger meint, dass die Politik mehr in die Pflicht genommen werden sollte, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zugunsten des Tierwohls zu ändern. „In Deutschland und in der EU generell müssten die Haltungsbestimmungen so verändert werden, damit ein billiges Produzieren nicht mehr möglich ist.“ Letztendlich sollte auch jeder Verbraucher seinen Konsum kritisch hinterfragen.

„Es ist natürlich nicht in meinem Interesse, wenn Tiere, die unter solchen Umständen gezüchtet werden, in Ampfing geschlachtet werden“, sagt Ampfings Bürgermeister Josef Grundner nachdem er die Bilder über die Aufzucht der Puten in Ungarn gesehen hatte. Sie hätten auf ihn sehr erschreckend gewirkt, „zumal ich selbst in der Landwirtschaft aufgewachsen bin und eine andere Ansicht über artgerechte Haltung habe“.

Gemeinde hatte bisher gutes Verhältnis zum Schlachthof

Die Sachverhalte seien ihm bis dato nicht bekannt gewesen, wenngleich Grundner zugibt, dass in jüngerer Vergangenheit immer wieder die Presse vor Ort gewesen sei. Ob die Betreiber des Schlachthofes über die verheerenden Zustände in den Putenställen in Ungarn Bescheid gewusst haben, darüber erlaube er sich kein Urteil, darauf habe eine Gemeinde auch keinen Einfluss. „Ich kann einem Betrieb ja nicht vorschreiben, woher er seine Ware bezieht.“

Das Verhältnis zu den Betreibern des Putenschlachthofes beschreibt Grundner aber grundsätzlich als gut, man sei immer gut ausgekommen. Wenn Probleme aufgetaucht seien - zuletzt wegen Lärmbelästigung – habe der Betrieb stets auf den Dialog mit den Nachbarn gesetzt, erklärt Grundner. Er könne sich deswegen nicht vorstellen, dass der Geschäftsführer die Tierquälerei in Ungarns Ställen bewusst in Kauf genommen hätte.

"Ein tierisches Lebensmittel sollte mehr wert sein"

„Da müsste mich meine Menschenkenntnis schon ordentlich im Stich gelassen haben“, sagt Grundner. Ampfings Bürgermeister verhehlt nicht, dass es sich bei dem Schlachthof um einen guten Gewerbesteuerzahler handelt, der damals bewusst seinen Standort in der Nähe zur Kläranlage erhalten habe. Immerhin sei es dem Betrieb, der viel Wasser abnehme und auch viel Abwasser liefere, zu verdanken, dass Ampfing einen immer noch sehr günstigen Preis für die Wasserversorgung und -entsorgung hat.

Auf das Thema Massentierhaltung angesprochen, sagt Grundner, dass er zwar verstehen kann, wenn es in der heutigen Zeit ein Segment gibt, das auf billiges Fleisch setzt, das sich jeder leisten kann, „doch grundsätzlich sollte ein tierisches Lebensmittel mehr wert sein“.

Putenwursthersteller aus Feldkirchen-Westerham distanziert sich

Die Putenwurst-Hersteller Höhenrainer schlachtet seit Mai 2002 nicht mehr und gibt auch keine Schlachtung in Auftrag. Den Umgang bei der Verladung der Puten, wie er im Bericht zu sehen ist, lehnt die Firma Höhenrainer dennoch auf das Schärfste ab.

„Wir haben bei der Süddeutschen Truthahn AG angefragt und schließen, wie auch schon in der Vergangenheit, den Bezug von Fleisch von Landwirten, bei denen ein Fehlverhalten festgestellt wurde, unmittelbar aus“, erklärte Christina Malecha Marketing- und Produktmanagerin der Höhenrainer Delikatessen GmbH aus Feldkirchen-Westerham.

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Update 17.11 Uhr: Putenskandal erreicht die Landespolitik

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) plädierte für eine Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Produktion und Schlachtstätten müssten wieder nahe beieinander liegen, um unsinnig weite Lebendtransporte zu stoppen. «Zur Wahrheit gehört aber auch: Wer Unterschriften sammelt gegen einen Putenstall mit 10.000 Tieren in Bayern, bekommt sein Fleisch dann eben aus einem Betrieb mit 100.000 Puten aus Osteuropa», sagte der Minister.

Die Grünen im Landtag forderten harte Sanktionen. «Erst wenn Lieferungen beschlagnahmt und Transportfahrzeuge bis zur Bußgeldzahlung festgesetzt werden, tut das den tierquälenden Unternehmen richtig weh und führt hoffentlich zu einem anderen Umgang mit den Tieren», sagte die Sprecherin für Verbraucherschutz der Landtags-Grünen und Vorsitzende des Umweltausschusses im Landtag, Rosi Steinberger.

Auch die Landtags-SPD forderte harte Konsequenzen und eine rückhaltlose Aufklärung. «Die Bilder von diesen Tierquälereien sind völlig unerträglich», sagte Verbraucherexperte Florian von Brunn. «Damit muss jetzt endgültig Schluss sein.» Zusammen mit der SPD-Landwirtschaftsexpertin Ruth Müller und der Tierschutzsprecherin der Fraktion, Martina Fehlner, richtete er einen umfangreichen Fragenkatalog an die Staatsregierung. (dpa)

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