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„Hör auf zu weinen“

Prozess gegen Geiselnehmer von Mühldorf gestartet – Wie seine Opfer heute noch leiden

Polizisten überwältigten den damals 34-jährigen Mühldorfer, der zuvor in der Joker-Spielhalle eine Frau bedroht und einen Mann mit einem Messer verletzt hatte. Jetzt steht der Geiselnehmer in Traunstein vor Gericht.
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Polizisten überwältigten den damals 34-jährigen Mühldorfer, der zuvor in der Joker-Spielhalle eine Frau bedroht und einen Mann mit einem Messer verletzt hatte. Jetzt steht der Geiselnehmer in Traunstein vor Gericht.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Das Landgericht Traunstein verhandelt gegen einen 35-jährigen Mühldorfer. Er soll in einer Spielhalle eine Geisel genommen und einen Helfer verletzt haben. Zur Tatzeit war er psychisch krank.

Mühldorf/Traunstein – Während die übrigen Besucher einer Spielothek in Mühldorf an ihren Spielgeräten blieben, versuchte ein 43-Jähriger, einer mit einem Messer bedrohten Angestellten (27) zu helfen.

Der Gast wurde beim Versuch, die Hand des Täters (35) zu fixieren, durch einen Bauchstich lebensgefährlich verletzt.

Seit Dienstag (30. August) arbeitet das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Volker Ziegler den Fall juristisch auf. Dabei geht es ausschließlich um Unterbringung des 35-Jährigen in einer psychiatrischen Klinik. Die Hauptverhandlung wird am 8. und 15. September sowie 6. Oktober jeweils um 9 Uhr fortgesetzt.

Not-OP rettet Leben eines Helfers

Gemäß Antragsschrift von Staatsanwalt Markus Andrä war der Beschuldigte zur Tatzeit psychisch krank und damit schuldunfähig. Er kann für seine Straftaten, darunter Geiselnahme und versuchter Totschlag, nicht bestraft werden.

Der 35-Jährige hatte die Spielhalle am 15. November 2021 gegen 17.10 Uhr betreten – unter den Augen von Polizeibeamten. Der Grund: Ein Passant hatte gegen 16.50 Uhr über einen sich verdächtig benehmenden Mann mit einem Messer informiert. In der Spielothek bedrohte der Beschuldigte die Frau hinter dem Tresen mit einem Küchenmesser. Sie musste sich hinknien und bekam zu hören, er werde „heute sterben“. Auf ihre Frage antwortete er: „Das ist nur ein Spiel.“

Die Frau bat, auf das WC gehen zu dürfen. Der 35-Jährige begleitete sie, stets das Messer an ihrem Hals, bis zur Tür. Offenbar bemerkte er zu der Zeit die Polizeipräsenz. Er zitierte die 27-Jährige aus dem Toilettenraum.

Mit der Geisel vor sich näherte er sich der Eingangstür des Lokals. Ein heute 43-jähriger Waldkraiburger hatte bereits während der Szene am Tresen das Messer aus etwa vier Meter Entfernung bemerkt. Er sah, wie die Frau auf die Knie ging. Im Zeugenstand schilderte der 43-Jährige: „Es war eigenartig.“ Der Beschuldigte habe die Frau angeherrscht: „Hör auf zu weinen.“ Vor der Toilettentür habe er Unverständliches gemurmelt und danach: „Die Scheißautomaten gehen eh nicht.“

Der Waldkraiburger hörte, dass Polizei anwesend war. Im Vorbeigehen des 35-Jährigen mit der Geisel und der Waffe in der Hand kam der 43-Jährige auf die Idee, das Messer irgendwie zu fixieren. Den Täter zu entwaffnen, habe er angesichts der Polizeipräsenz nicht beabsichtigt, betonte er. Er habe das Messer nur von der Frau und sich selbst „fernhalten“ wollen.

Mit Blickkontakt zur Polizei näherte sich der 43-Jährige damals dem 35-Jährigen. Mit einer Hand gelang es ihm, von hinten nach dem Messer zu fassen. Richtig festhalten konnte er es aber nicht. Unmittelbar darauf spürte er einen „kurzen Stich“. In dem folgenden Gerangel brachten Polizeibeamte den Täter zu Boden.

Staatsanwalt Markus Andrä stellte die entscheidende Szene mit dem Zeugen im Gerichtssaal nach. Der 35-Jährige hatte behauptet, er sei an jenem Tag angetrunken gewesen, sei lediglich bei der Bedienung gestanden und geschubst worden. Anschließend habe er die Frau „nur beruhigen“ wollen. Das Messer habe er in der Hand gehalten, aber nicht damit zugestochen. Die Stichverletzung des Nebenklägers könne er sich „nicht erklären“. Selbst habe er auch einen Messerstich davon getragen, so der Beschuldigte.

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Ein Videorekorder in der Spielhalle hielt das Geschehen fest, wie Vorsitzender Richter Volker Ziegler feststellte. Die Krux jedoch war: Ausgerechnet die Szene mit dem Messer war völlig unscharf – im Gegensatz zu den restlichen Aufnahmen. Jedoch ist deutlich zu sehen, wie der 43-Jährige von hinten nach dem Messer greift.

Der Waldkraiburger wurde damals stationär in das Krankenhaus Mühldorf gebracht. Eine Not-OP rettete sein Leben. Der Operateur stellte hinterher fest: „Sie haben sehr viel Glück gehabt. Heute ist Ihr Geburtstag.“ Der Nebenkläger leidet nach seinen Worten bis heute an Schlafstörungen. Die Narbe am Bauch ist nach Komplikationen nicht richtig verheilt. Gegen die Schmerzen muss er noch immer Medikamente nehmen. „Ich hoffe, es heilt wieder“, sagte er. Er wolle wieder ohne Medikamente leben können. Psychologische Unterstützung habe er schon in Anspruch genommen und brauche sie möglicherweise wieder.

Nach dem Vorfall Mitte November 2021 sei er ab April 2022 stundenweise in seinen Beruf wiedereingegliedert worden. Nach zehn Monaten Pause wolle er auch endlich wieder Sport betreiben, unterstrich der 43-Jährige.

Richter würdigt Mut des verletzten Helfers

„Es war sehr mutig von Ihnen, in der damaligen Situation einzugreifen. Alle anderen saßen nur an ihren Geräten“, würdigte der Vorsitzende Richter.

Sichtlich aufgewühlt und teils unter Tränen erinnerte sich die Geisel an das Geschehen. Sie habe alles vorbereitet zur Schichtübergabe, als der 35-Jährige in die Spielhalle bekommen sei. Ihre weiteren Zeugenangaben deckten sich mit dem Sachverhalt der Antragsschrift. Den Stich habe sie gesehen, den 35- Jährigen in Richtung Polizei geschubst und sich um den blutenden Verletzten gekümmert.

Zu den psychischen Folgen hob die körperlich unverletzt gebliebene Nebenklägerin hervor, sie habe damals nach sechs Wochen wieder in der Spielhalle begonnen und sei beeinträchtigt durch eine posttraumatische Belastungsstörung: „Ich kann nicht mehr weggehen. Ich habe einfach Angst und große private Probleme. Mein Leben ist total eingeschränkt.“

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