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Lange Diskussionen im Hauptausschuss

Ina-Seidel-Straße in Töging: Das Schild bleibt trotz Nazi-Vergangenheit der Autorin

Das Straßenschild der Ina-Seidel-Straße in Töging hat seit 2003 Patina angelegt. Falls es ausgetauscht würde, könnte man auch gleich ein Ergänzungsschild hinzufügen. Zusatzschilder bei Straßennamen fallen in Töging aber knapp aus. Daher einigte man sich vorerst auf kein Zusatzschild für die umstrittene Schriftstellerin.
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Das Straßenschild der Ina-Seidel-Straße in Töging hat seit 2003 Patina angelegt. Falls es ausgetauscht würde, könnte man auch gleich ein Ergänzungsschild hinzufügen. Zusatzschilder bei Straßennamen fallen in Töging aber knapp aus. Daher einigte man sich vorerst auf kein Zusatzschild für die umstrittene Schriftstellerin.
  • VonPeter Becker
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Soll die Ina-Seidel-Straße umbenannt werden? Dieser Frage ist der Hauptausschuss nachgegangen, da Ina Seidel eine Schriftstellerin war, die es im Dritten Reich auf die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ geschafft hatte. Doch der Ausschuss sprach sich aus praktischen Überlegungen gegen eine Umbenennung aus.

Töging – Die Schriftstellerin Ina Seidel wurde in den „Sonderlisten“ geführt, in die es neben ihr nur noch 24 andere „unersetzliche Künstler“ des Nazi-Regimes geschafft hatten. Doch der Hauptausschuss sprach sich aus praktischen Überlegungen gegen eine Umbenennung aus.

Allerdings war der Entscheidung eine längere Diskussion vorausgegangen. Die Ina-Seidel-Straße ist eine kleine Siedlungsstraße nördlich des Innkanals, im Bereich des Stadtteils Höchfelden. Nachdem Bürgermeister Tobias Windhorst die Stellungnahme einer Historikerkommission aus Mainz verlesen hatte, die sich kürzlich gegen eine Umbenennung der dortigen Ina-Seidel-Straße ausgesprochen hatte, meldeten sich alle Mitglieder des Hauptausschusses zu Wort.

Kurzer Name als pragmatischer Grund

Stadträtin Brigitte Gruber (FW) konnte sich noch an die Namensgebung im Jahr 2003 erinnern. Damals habe sich der Stadtrat ausschließlich aus pragmatischen Gründen für Ina Seide l als Namensgeberin entschieden: „Es sollte eine deutsche Schriftstellerin sein. Für mich war der Hauptgrund ihr kurzer Name.“, erinnerte sich die frühere Kulturreferentin.

Ina Seidel relativ unbekannt, aber hoch dekoriert

Ina Seidels Werk ist bis heute relativ unbekannt, was auch viele Stadträte im Hauptausschuss bestätigten. Angesichts der Liste ihrer Ehrungen kommen erst einmal auch keine Zweifel an ihrer künstlerischen Integrität auf: 1948 wurde die von den Besatzungsmächten als harmlos eingestufte Seidel Mitglied in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, nur ein Jahr später erhielt sie den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig.

1954 folgte das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und wieder ein Jahr später wurde sie Mitglied der Akademie der Künste in Westberlin. Im Jahr 1958 erhielt sie den Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und im Jahr 1964 die höchste Auszeichnung des Freistaats Bayern: den Verdienstorden. Im Jahr 1966 folgte das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und 1970 wurde sie in Starnberg, wo sie seit 1934 lebte, zur Ehrenbürgerin ernannt.

Für die Nazis war sie eine unersetzliche Künstlerin

Doch die Schriftstellerin ist auch in der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste“ zu finden. Einer Liste von etwas mehr als 1000 deutschen Künstlern, die während des Dritten Reichs vom „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ geführt und von Joseph Goebbels und Adolf Hitler im Jahr 1944 nochmals bestätigt wurde.

Textbeispiele zeigen, wie sie die Rolle der deutschen Frauen verherrlichte oder versuchte, unter jungen Menschen Kriegsbegeisterung zu erzeugen. Zudem hatte es Ina Seidel in die „Sonderlisten“ von Musikern, Architekten, Malern, Schauspielern, Bildhauern und Schriftstellern geschafft, in die es neben ihr nur 24 andere „unersetzliche Künstler“ des Nazi-Regimes geschafft hatten.

Nach dem Krieg kritisch mit der Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt

Zugute gehalten kann der umstrittenen Schriftstellerin, dass sie sich nach dem Krieg offen und kritisch mit ihrer ideologischen Vergangenheit auseinandersetzte.

Ursprung der Diskussion um die Straße in Töging war eine Petition an den bayerischen Landtag, mit der Mitglieder der „Initiative gegen falsche Glorie“ auf das Problem aufmerksam machen wollen. Bisher hatte sich die Initiative vor allem mit der Namensgebung von Liegenschaften der Bundeswehr beschäftigt und dabei seit 1995 schon rund 50 Umbenennungen erwirkt, wie der pensionierte Lehrer Jakob Knab, der mehrere Bücher zur Erinnerungskultur veröffentlicht hat, mitteilt.

Die Anwohner müssen dafür sein

Bei der einstimmigen Entscheidung im Hauptausschuss gegen eine Umbenennung spielten praktische Überlegungen die Hauptrolle: die Stadträte sahen aus Rücksicht auf die Anlieger von einer Umbenennung ab. So erklärte beispielsweise der Dritte Bürgermeister Werner Noske (SPD): „Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht und bin keineswegs begeistert von der Situation, aber eine Umbenennung sollte es nur geben, wenn die Anwohner das wünschen“.

Brigitte Gruber sprach sich für ein Zusatzschild aus, das die Rolle der Schriftstellerin während des Dritten Reichs beleuchtet, wogegen sich wiederum Markus Köhler(CSU) wandte: „Dann fragt sich doch jeder, warum die Straße so heißt“.

Bürgermeister Tobias Windhorst war der Idee eines Zusatzschildes nicht abgeneigt, wollte die Entscheidung über die Formulierung aber Fachleuten überlassen. Jakob Knabs Vorschlag lautet: „Ina Seidel (1885-1974) umstritten wg. Nähe zur NS-Ideologie“, die gleiche Formulierung, die Brigitte Gruber vorgeschlagen hatte.

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