Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Nachruf

Charismatische Zuhörerin, begnadete Näherin: Mühldorferin Judith Weiß (50) verstorben

Mit dem Maßband um den Hals auf die Welt gekommen – so beschrieb sich Judith Weiß selbst. Nach langem Leiden ist die bekannte Mühldorfer Schneiderin gestorben.
+
Mit dem Maßband um den Hals auf die Welt gekommen – so beschrieb sich Judith Weiß selbst. Nach langem Leiden ist die bekannte Mühldorfer Schneiderin gestorben.
  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
    schließen

Ihre Nähkurse waren stets ausgebucht, ihre Kunden schätzten ihre Empathie. Vier Jahre kämpfte die Mühldorferin gegen den Krebs, ertrug ihr Leiden mit stoischer Geduld.

Mühldorf – „Mein Name ist Judith und eigentlich bin ich schon mit einem Maßband um den Hals auf die Welt gekommen“, so stellt sich Judith Weiß auf ihrer Internetseite vor, die den gleich Namen wie ihr Geschäft in der Nagelschmiedgasse trägt: „Nähtreff“. Unzählige Nähbegeisterte gaben sich bei ihr die Klinke in die Hand, lernten von einer passionierten Schneiderin, wie man Dirndl oder Mieder näht. Doch jetzt bleibt die Tür geschlossen: In ihrem 50. Lebensjahr erlag die beliebte Mühldorferin einem Krebsleiden.

Auch die Mutter war Schneiderin

„Von Kindesbeinen an haben mich Nadel und Faden begeistert“, machte Judith Weiß zu Lebzeiten nie einen Hehl daraus, was ihre Berufung war. Einen großen Teil ihrer Kindheit verbrachte die Mühldorferin in der Nähwerkstatt ihrer Mutter. Schon sehr früh in die Berührung des Schneiderhandwerks gekommen, eignete sie sich ein Basiswissen an. Leidenschaft und gute Laune führten dazu, dass sie als junges Mädchen ihre Kreativität an der Nähmaschine ausleben konnte und so absolvierte sie auch eine Ausbildung zur Schneiderin.

Nach der Lehre studierte sie Textil- und Bekleidungstechnik an der Fachhochschule in Mönchengladbach mit Schwerpunkt „Schnitterstellung und Fertigung. Es folgte eine mehrjährige Tätigkeit in München für Bernina, der führenden Marke in der Nähmaschinentechnik, wo sie für die Fortbildung der Händler tätig war und auch an der Weiterentwicklung der Nähmaschinen mitarbeiten durfte.

Dirndl, Mieder, Taufkleider – ihre Kurse waren stets ausgebucht

Das war auch die Zeit, in der die Mühldorferin damit begann, auch andere Nähbegeisterte in der Verarbeitung von Stoffen, Garnen und Zwirn zu unterrichten. In den Kursen wurden passgenaue Dirndl-Taufkleider, individuelle Kleidung, Decken, Kissen oder Taschen angefertigt. Kurz: Alles, was man mit Nadel, Faden und Stoff zaubern kann. Schließlich kehrte sie nach Mühldorf zurück, wo sie in der Nagelschmiedgasse eine Nähwerkstatt eröffnet hatte. Dabei hat sie stets betont, wie stolz sie doch darauf sei, die Familientradition fortzuführen.

OVB-Leser zeigen Herz – helfen Sie schwerstbehinderten Kindern aus der Region mit unserer Weihnachtspendenaktion 2020

Und ihre französische Bulldogge „Hannilein“ war immer mit dabei

Judith Weiß gehörte zum Inventar am Mühldorfer Stadtplatz. Man kannte sie und ihre französische Bulldogge „Hannilein“, die stets freundlich grüßend über den Stadtplatz flanierte. „Sie war ein Mensch, der immer gut zuhören konnte, Dir stets gute Ratschläge erteilt hat, aber Dir nie ihre Meinung aufdrücken wollte. Sie akzeptierte die Menschen, so wie sie sind und war nie ein Besserwisser“, trauert mit Silke Rauch eine langjährige Freundin von Judith Weiß.

Die ungekrönte „Miss Rennbahn“ in den 80er Jahren

Die Reisekauffrau spricht von einer zuverlässigen Frau, stets gut gelaunt, die sich nie hat unterkriegen lassen. Man kennt sich aus Gardezeiten, traf sich zum Plausch im Venezia. „Miss Rennbahn war sie in den 80ern Mal. Die einzige die es je gab“, muss Silke Rauch schmunzeln, wenngleich es der Reiseverkehrskauffrau nun schwerfällt, von ihrer Freundin Abschied zu nehmen, die ihr oft eine treue Reisebegleiterin war, wenn es zum Beispiel im Rahmen von „Mühldorf fährt Schiff“ durch Europa ging.

News-Ticker zur Corona-Pandemie:Lage auf den Intensivstationen bleibt angespannt - droht verschärfter Personalmangel?

Reisen – auch das war ihre Leidenschaft

Reisen – das war ihre Leidenschaft neben dem Nähen. Und Südafrika mit dem E-Bike zu erkundigen der große Traum der 50-Jährigen, der sich nicht mehr erfüllen sollte. „Unsere letzte Reise führte im Fasching nach Berlin. Eine Bekannte, die sie bei einer ihrer Reha-Aufenthalte kennengelernt hatte, stellte ihr eine Wohnung zur Verfügung“, erzählt ihr Ehemann Werner Schachtl, der Judith Weiß vor zwölf Jahren geheiratet hatte.

Eine Frohnatur, deren Hilfsbereitschaft überall geschätzt wurde

„Eine Frohnatur“, schwärmt er von seiner Frau, die nie aufgegeben habe, seit sie vor vier Jahren die Diagnose Krebs erhalten hatte. Als hilfsbereite, selbstlose Frau wird man sie in Erinnerung behalten, ist sich ihr Mann sicher.

Davon zeugen auch zahlreiche Briefe, die sie von Jugendlichen erhalten hatte. Denn in ihren Nähkursen war immer Zeit für einen Austausch, fürs Zuhören.

Kraft getankt beim Dressurreiten

Ausgleich fand Judith Weiß auf der Sherwood-Ranch, auf dem Rücken ihres Pferdes „High-Teck“. Die klassisch-englische Reitkunst hatte es ihr angetan. „Beim Reiten hat sie immer wieder Kraft aufgetankt“, erzählt ihr Mann. Sie liebte es, an der frischen Luft zu sein, ist gerne Cabrio gefahren, plaudert Werner Schachtl aus dem Nähkästchen.

„Kopf hoch – damit das Krönchen nicht fällt!“

Apropos Nähkästchen: Es gibt viele Frauen und auch jugendliche Damen, die einen der stets ausgebuchten Nähkurse besucht hatten. Ein Dirndl, dazu ein Mieder – die Volksfeste werden wieder kommen, an denen ihre Kursteilnehmerinnen diese Kleider ausführen werden. Im Gedenken an eine großartige Künstlerin, die viel zu früh verstorben ist und die ihre Krankheit bis zuletzt mit stoischer Geduld und Zuversicht ertragen hat. Ihr charismatisches Wesen und ihre positive Art, die Welt zu sehen – ihr letztes Profilbild auf Facebook könnte es nicht besser ausdrücken: „Kopf hoch – damit das Krönchen nicht fällt.“

Mehr zum Thema

Kommentare