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Sommerinterview zur Lage im Landkreis

„Der Bund hat nicht den Mumm“: Worüber sich Mühldorfs Landrat Max Heimerl ärgert

Blick auf den Inn bei Gars: Der Landkreis Mühldorf ist vielfältig, zieht Touristen an und ist Heimat vieler großartiger, ehrenamtlich engagierter Menschen.
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Blick auf den Inn bei Gars: Der Landkreis Mühldorf ist vielfältig, zieht Touristen an und ist Heimat vieler großartiger, ehrenamtlich engagierter Menschen.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Sommer 2022. In der jungen Amtszeit von Mühldorfs Landrat Max Heimerl ist dies der dritte Sommer. Und wieder ist es ein Sommer, der im Zeichen einer Krise steht, die das Leben und die Politik im Landkreis bestimmt. Das bringt neue und verschärft alte Probleme. Was den Landrat ärgert und wie gut er den Landkreis für Herbst und Winter vorbereitet sieht.

Wie hoch wird das Defizit im Krankenhaus sein?

Landrat Max Heimerl: Wir befürchten für 2022 ein deutlich erhöhtes Defizit mit rund 18 Millionen Euro. Das kommt von der besonderen Belastung durch Corona, verbunden mit hohen Personalausfällen sowie stark angestiegenen Energiekosten. Auf der anderen Seite hat der Bund den finanziellen Ausgleich immer weiter zurückgefahren und mittlerweile eingestellt. Da muss der Bund nachbessern. Er darf uns nicht so im Regen stehen lassen.

Wie geht es langfristig weiter?

Heimerl: Der Bund hat ja nicht den Mumm, zu entscheiden, welche Standorte in Zukunft wie aufgestellt sein müssen. Er verschärft die qualitativen Anforderungen und erschwert uns aber die Finanzierung. Wir brauchen zwei Dinge: kurzfristig Corona-Ausgleichsmaßnahmen wie bisher; langfristig eine solide Finanzierung der kleineren Häuser in der Grund- und Regelversorgung.

Was heißt das für Mühldorf?

Heimerl: Wir haben Gott sei Dank schon vor Corona begonnen und wollen mit der Fusion Synergien nutzen und Doppelvorhaltungen abbauen. Da sind wir dabei. Wir werden weiter Schwerpunkte entwickeln. Im Detail kann man das jetzt noch nicht sagen, weil wir warten müssen, wie sich die bundespolitischen Vorgaben entwickeln.

Wird es jemals eine schwarze Null geben?

Heimerl: Ich bin skeptisch, ob das in absehbarer Zeit möglich ist. Aber wir haben im Verwaltungsrat einen Pfad ausgearbeitet, wie wir von den Defiziten runter kommen wollen: Kosten senken, Schwerpunkte bilden, Erträge steigern, indem wir das Profil der einzelnen Standorte stärken. Organisatorisch können wir in den Häusern noch besser werden. Das treibt der Vorstand ganz intensiv voran. Da zeigen die ersten Maßnahmen schon Wirkung. Wir machen unsere Hausaufgaben, aber in der Pandemiezeit war die primäre Aufgabe, die Häuser am Laufen zu halten. Ohne Pandemie wären wir strukturell weiter.

Fusion, neue Strukturen, Corona. Das ist für das Personal Dauerstress.

Heimerl: Es ist eine extreme Belastung. Alle haben hier Großartiges geleistet und leisten es immer noch. Wir versuchen, die aktuelle Lage auch zum Durchschnaufen zu nutzen: Überstunden abbauen und Urlaub nehmen, ohne dabei die Versorgung der Bevölkerung einschränken zu müssen. Das ist momentan ein schwieriger Weg.

Sie halten aber trotzdem am öffentlichen Krankenhaus fest?

Heimerl: Definitiv. Mein Anspruch ist, dass es weiter in öffentlicher Hand eine wohnortnahe, stationäre Grund- und Regelversorgung auf einem qualitativ sehr, sehr hohen Niveau gibt. Wie dringend notwendig das ist, haben wir in der Corona-Pandemie gesehen. Die größte Last der Versorgung haben die Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung getragen; die Privatkliniken haben sich großteils herausgehalten, so gut wie keinen Corona-Patienten behandelt und sich auf das Geschäft beschränkt, wo Geld zu verdienen ist.

Mühldorfs Landrat Max Heimerl.

Wie warm wird es im Winter im Landratsamt?

Heimerl: Wir sollten hier keine Scheindiskussionen führen. Wir sind auch dank meines Vorgängers in den landkreiseigenen Liegenschaften das Thema Energieeinsparung schon sehr frühzeitig angegangen und haben in Summe schon 700.000 Kilowattstunden, rund zehn Prozent, eingespart. Wir haben frühzeitig auf erneuerbare Energien gesetzt: Geothermie an den Schulen in Waldkraiburg, Hackschnitzel beim Gymnasium Gars. Das neue Berufsschulzentrum erzeugt mehr Energie als es verbraucht. Wir haben die regionale Energie GmbH, die aktuell zehn Einspeiseanlagen auf verschiedenen Liegenschafen und einer alten Deponie betreibt. Da ist schon sehr zukunftsorientiert gedacht und gehandelt worden.

Ist das Sparpotenzial damit ausgeschöpft?

Heimerl: Wir werden uns an den Vorschlägen orientieren und weiter genau hinschauen, was bringt was, und uns sinnvollen Vorschlägen nicht verschließen. Wir sind intensiv dran.

Wie sehr ist der Landkreis bei seinen Bauten von der Kostenexplosion betroffen?

Heimerl: Wir merken die Preissteigerungen, die Lieferenpässe und zum Teil den Personalmangel. Das neue Berufsschulzentrum konnten wir vor der Preisexplosion realisieren, und beim Gymnasium in Gars haben wir für die großen Gewerke Preissicherheit. Da kommen wir kostentechnisch hin.

Was steht noch an?

Heimerl: Wir müssen das Waldkraiburger Gymnasium generalsanieren, das Sonderpädagogische Förderzentrum in Waldwinkel für geschätzt 41 Million Euro bauen. Wir müssen weiter in das Gymnasium Mühldorf investieren, die Fachakademie ertüchtigen und die Berufsschule 1 sanieren.

Wir werden auch künftig unseren Schwerpunkt bei den Schulen haben, aber momentan kann niemand verlässlich sagen, was wann möglich sein wird. Das hängt von den Preisen und den Steuereinnahmen ab. Was ich nicht machen werde, ist finanzpolitisches Harakiri und die Verschuldung ins Unermessliche steigern. Wir gehören nach wir vor zu den am höchsten verschuldeten Landkreisen Bayerns.

Was steht ganz oben auf der Liste?

Heimerl: Für mich persönlich ist der Neubau des Sonderpädagogischen Förderzentrums am allerwichtigsten. Die Situation muss dringend verbessert werden, und wir müssen hier eine Ganztagesbetreuung anbieten. Ich bin sehr froh, dass auch der Kreistag einstimmig dahinter steht. Wenn die Kostensteigerungen sich fortsetzen sollten, gibt es auch hier eine Schmerzgrenze. Wir müssen jetzt die Kostenberechnung mit soliden Zahlen abwarten. Das wird im Laufe des nächsten Jahres sein.

Warum hat der Landkreis immer noch den Stempel „strukturschwach“?

Heimerl: Der kommt aus dem Landesentwicklungsplan. Der hat uns als Raum mit besonderem Handlungsbedarf eingestuft. Unsere Entwicklung ist positiv. Ich bin über den Stempel aber gar nicht unglücklich, weil wir dadurch bei staatlichen Förderungen oftmals stärker profitieren.

Wollen Sie den Stempel nicht loswerden?

Heimerl: Langfristig schon. Solange wir ihn aber haben, werden wir ihn mit gutem Gewissen nutzen. Das Landesentwicklungsprogramm wird ja aktuell überarbeitet.

Wie blicken Sie für den Herbst und Winter auf Corona?

Heimerl: Entscheidend wird sein, wie sich die Fallzahlen im Krankenhaus entwickeln. Die gehen momentan zurück. Wir müssen aber die nächsten Wochen abwarten. Uns verunsichert hier die bundespolitische Diskussion, weil wir uns wieder nicht verlässlich vorbereiten können.

Wie besorgt sind Sie?

Heimerl: Momentan nicht. Wir werden das gut hinbekommen. Auch mögliche Einschränkungen, wenn sie gut erklärbar sind.

Sie sind seit zwei Jahren Landrat. Hat sich Ihr Blick auf die Politik verändert?

Heimerl: Eigentlich nicht. Ich habe die unterschiedlichen Ebenen ja schon vorher kennengelernt. Sehr positiv finde ich die sehr enge Zusammenarbeit im Krisenmanagement zwischen Landesebene und kommunaler Ebene. Auch unsere Hilfsorganisationen arbeiten hervorragend zusammen.

Haben Sie für die nächsten Jahre ein Herzensprojekt?

Heimerl: Das ist momentan schwierig, weil wir jetzt erst mal durch die Krise kommen müssen. Bei Mobilität, ÖPNV, bezahlbarem Wohnraum und Radwegebau sind wir schon dran, manchmal aber situationsbedingt noch nicht so weit, wie ich es mir vor der Krise gewünscht hätte. Da darf man momentan auch nicht überziehen. Wir haben alle nur begrenzte Kapazitäten und mussten uns über lange Zeit auf das Krisenmanagement konzentrieren.

Wie erleben Sie aktuell den Landkreis?

Heimerl: Ich bin wieder viel bei den Menschen in den Gemeinden unterwegs. Ich sehe, wie viele Vereinsfeiern nachgeholt werden, welch großartiges ehrenamtliches Engagement nach wie vor vorhanden ist und Gott sei Dank die Pandemie überdauert hat. Ich sehe die Freude und Bereitschaft an sozialen Kontakten und wie wichtig die sind. Das macht mir viel Freude. Ich lerne den Landkreis noch intensiver kennen und noch mehr schätzen, weil es großartige Menschen gibt, die sich weit über ihre Pflicht hinaus einsetzen.

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