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Entlaufene Tiere an der Isen

„Es bestand konkrete Gefahr!“: Polizei verteidigt Abschuss von drei Rindern – Aber wo ist die letzte flüchtige Kuh?

„High Noon“ unter der Sonne Frixings. Noch scheint die Situation entspannt, doch nur wenige Augenblicke später attackiert die Kuh den Viehhändler Stefan Spirkl (rechts), bringt ihn sogar zu Fall. Der Polizist reagiert umgehend, erlegt das Tier mit einem gezielten Schuss.
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„High Noon“ unter der Sonne Frixings. Noch scheint die Situation entspannt, doch nur wenige Augenblicke später attackiert die Kuh den Viehhändler Stefan Spirkl (rechts), bringt ihn sogar zu Fall. Der Polizist reagiert umgehend, erlegt das Tier mit einem gezielten Schuss.
  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
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Ist Polizeimunition für Jagd auf ausgebüchste Rinder geeignet? Diese Frage stellt sich nach der Rinderjagd am Mittwoch in Frixing. Inzwischen wurden drei Rinder erlegt. Doch wo hält sich die letzte Kuh versteckt? Dazu gibt die Polizei neue Details bekannt.

Mühldorf/Erharting – Die Kuh läuft auf den Viehhändler zu, reißt ihn nieder. Der kann sich glücklicherweise aufraffen, rennt davon. Der Polizist in seiner Nähe reagiert sofort und feuert mit seinem G3 auf das aggressive Tier. Sekunden später ist das Tier tot. Mit einem Bolzenschussapparat wird auf Nummer sicher gegangen.

Dramatische Szenen hatten sich am Mittwoch auf einem Feld in Frixing abgespielt. Augenzeugen berichten später davon, dass der niedergerissene Mann großes Glück hatte, keine Verletzungen davon getragen zu haben. Offenbar war das bereits angeschossene Tier nach dem ersten Treffer umso aggressiver geworden. Voller Adrenalin. Und die Frage stellt sich: Warum hat man bei der Suche nach den Rindern und den darauf folgenden Versuchen, die Tiere einzufangen nicht von vorneherein auf die Erfahrung eines Jägers vertraut?

Menschengefährdung ausschließen

„Unsere Polizeibeamten sind ausgebildete Schützen, auch im Töten von Tieren, sie wissen also genau, was sie tun“, erklärt Uwe Schindler, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion in Mühldorf. Und sie reagieren schnell. Im Falle der ersten getöteten Kuh habe eine konkrete Gefahr bestanden, dass ein Mensch verletzt würde, so Schindler. Deshalb seien die Schüsse auf die Kuh abgefeuert worden. Der vermeintlich tödliche erst, als sich der Viehhändler, Stefan Spirkl, schon ausreichend weit von der Kuh entfernt hatte. „Das Tier musste nicht lange leiden“, betont Schindler.

Generell, so der stellvertretende Polizeichef weiter, versuche man alles, um getürmte Tiere lebend einzufangen. Tatsächlich sei ein Schütze mit einem Betäubungsgewehr herangezogen worden. „Damit dieser allerdings einen erfolgreichen Schuss absetzen kann, darf er nicht weiter als fünf bis acht Meter vom Tier entfernt sein“, sagt Schindler.

Das sei nicht möglich gewesen. Und weil schließlich eine akute Verkehrsgefährdung entlang der Bahn sowie der Staats- und Bundesstraße und damit auch eine Gefährdung von Menschenleben nicht ausgeschlossen werden konnte, sei man auf Nummer sicher gegangen, habe die Tiere getötet.

Inzwischen sind drei Rinder tot. Wie die Polizei Mühldorf mitteilt, wurde eine dritte Kuh noch am Mittwoch gegen 16.30 Uhr erlegt, nachdem sich das entlaufene Tier der Bundesstraße 299, der Bahn und der Autobahn genähert hatte und mit einer konkreten Verkehrsgefährdung zu rechnen war.

Damit ist nur noch eines der sechs Rinder, die in Wimberg entflohen waren, unterwegs. Schindler berichtet, dass es zuletzt in einem dichten Waldstück bei Rohrbach gesichtet worden sei. Man hofft, dass sich das Tier mittlerweile beruhigt hat, mit Futter angelockt und eingefangen werden kann. Auf die Drohnen der Feuerwehr Mößling, die am Mittwoch erfolgreich bei der Suche eingesetzt wurden, verzichtete man am Donnerstag. „Der Wald ist zu dicht“, erklärt Schindler.

In Rosenheim reichten fünf Kugeln nicht aus

Dass die Polizei in Extremsituation zur Waffe greift, damit ein Tier nicht unnötig leiden muss, kommt nicht oft vor. Bei einem Bauernhofbrand im August 2021 in Au bei Bad Feilnbach, wollte ein Polizist eine Kuh mit schweren Verbrennungen erlösen. Doch das war schief gegangen. Fünf Kugeln reichten nicht aus, um das Tier zu erlösen. Das erledigte dann ein Tierarzt, der die Kuh eingeschläfert hat. Jagdexperten kritisierten damals die Vorgehensweise. Das Kaliber von Polizeiwaffen sei nicht geeignet, eine Kuh mit einem massiven Schädel mit dicken Knochen zu erlegen, erklärte damals Franz Sommer, Vorsitzender der Jägervereinigung Rosenheim.

Mit einem G3-Gewehr erlegte die Polizei die Rinder. Inzwischen sind drei Kühe tot, die sonst womöglich gefährdend in den Straßenverkehr eingegriffen hätten.

Keine Auskunft zum Kaliber der Polizeiwaffen

Auf welches Kaliber die Polizei genau bei solchen Einsätzen zurückgreift, um Tiere von der Größe einer Kuh zu erlegen, darüber will Uwe Schindler von der Polizei Mühldorf keine Auskunft geben. Wie aber Sascha Schnürer, Vorsitzender des Bayerischen Jagdverbandes in der Kreisgruppe Mühldorf, erklärt, gibt es verschiedene Kaliber, die man einsetzen könnte. Er unterscheidet konkret zwischen Kaliber .308 mit einer Munition von 6,5 Millimetern Durchmesser oder Kaliber .223 mit einer Munition von 5,6 Millimetern Durchmesser. 

Größeres Kaliber für die Hochwildjagd

Das größere Kaliber eigne sich laut Bundesjagdgesetz für die Hochwildjagd. In diese Kategorie würde ein so großes Tier wie ein Rind fallen. Das größere Projektil würde den schnelleren Tod herbeiführen, das Tier hätte laut Schnürer nicht lange zu leiden. Doch Schnürer sagt auch: „Wenn ein Tier voller Adrenalin ist, kann es durchaus sein, dass weitere Schüsse notwendig sind, um es zur Strecke zu bringen.“

Nutztier ist nicht gleich Wildtier

Schnürer verweist darauf, dass ein Nutztier kein Wildtier sei. Deswegen komme das Jagdgesetz auch nicht zur Anwendung, wenn die Tötung eines Rindes, wie in Frixing der Fall, nötig sein sollte. Für solche Fälle sei prinzipiell dann auch kein Jäger zuständig. Die Polizei habe auf konkrete Gefahrensituationen zu reagieren und zwischen Mensch- und Tierwohl abzuwägen.

Kuh im Innkanal hat den Schuss überlebt

Das kleinere Kaliber kann unter Umständen aber auch das Überleben von entlaufenen Kühen sichern. Schindler bestätigt auf Nachfrage, dass fast genau vor einem Jahr, Anfang April 2021, auch in Mühldorf ein Polizist auf eine Kuh geschossen hatte, die nachts in den Innkanal gefallen war und zu ertrinken drohte. Die Kugel verletzte die Kuh zwar. Doch das trächtige Angusrind überlebte das Bad im Kanal, wurde geborgen und brachte nur wenige Tage später ein gesundes Kalb zur Welt. Die Kugel steckt heute noch im Schädel des Rindes, das sich bester Gesundheit erfreut.