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Neustart nach Kriegs-Flucht in der Region Waldkraiburg

„Ich möchte niemandem auf der Tasche liegen“: Wie ukrainische Flüchtlinge von ganz unten neu anfangen

Oxana Batyska (links) und Irina Tschyrkova waren früher Buchhalterinnen und selbstständig - jetzt sind sie Reinigungskräfte.
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Oxana Batyska (links) und Irina Tschyrkova waren früher Buchhalterinnen und selbstständig - jetzt sind sie Reinigungskräfte.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Vor wenigen Wochen haben sie ihr Leben aufgegeben und sind vor dem Krieg geflohen. Jetzt fangen ukrainische Flüchtlinge als Hilfs- und Reinigungskräfte wieder ganz von vorne an. Wie kommen sie an?

Waldkraiburg/Aschau/Kraiburg – Eigentlich ist es nichts Besonderes, wenn Eugene Timchenko (36) bei Atoma in Waldkraiburg ein Metallteil abschleift. Eigentlich ist es nichts Besonderes, wenn sich Irina Tschyrkova (54) und Oxana Batyska (50) Handschuhe überstreifen und im Kraiburger Altenheim St. Nikolaus putzen. Und doch: Es ist etwas Besonderes. Für die Drei, aber auch für ihre Chefs und Kollegen. Denn alle drei sind vor wenigen Wochen aus Odessa nach Deutschland geflohen, leben jetzt in Aschau, sprechen (noch) kein Deutsch – und haben dennoch bereits eine Arbeit gefunden.

Sie sind gut ausgebildet, haben Betriebswirtschaft studiert; sie haben in Odessa seit Jahren in Führungspositionen gearbeitet oder waren selbstständig. Sie haben von einen Tag auf den anderen alles aufgegeben, sind „mit nichts als Jacke und Jeans“, so Eugene, vor den Bomben ins Ausland geflohen und fangen hier wieder ganz von vorne an: als Reinigungs- und Hilfskräfte.

Neuanfang in Deutschland: Der ukrainische Flüchtling Eugene Timchenko hatte Wirtschaft studiert und arbeitet jetzt als Hilfskraft.

Niemandem auf der Tasche liegen

„Ich möchte niemandem auf der Tasche liegen“, sagt etwa Eugene. Er ist – kurz bevor die Grenze für Männer geschlossen wurde – mit zwei befreundeten Familien geflohen und lebt jetzt mit seiner Frau Marina und seinem zehnjährigen Sohn in Waldwinkel. „Eigentlich wollten wir nur unsere Frauen und Kinder in Sicherheit bringen.“ Als alle passieren durften, sind auch die Männer mitgefahren.

In Odessa hatte er Firmen geleitet – unter anderem die Familienbäckerei. Seit Anfang April ist er in Vollzeit Hilfsarbeiter in der mechanischen Fertigung bei Atoma. „Er macht sich sehr gut“, urteilt sein Meister Winfried Bärtl. „Er lernt sehr schnell.“

Sprache ist kein Problem

Die Sprache ist kein Problem. Kollegen, die Russisch sprechen, helfen. „Und ich spreche mit ihm Englisch“, so Bärtl.

Bei Irina und Oxana war es im Altenheim in Kraiburg schon etwas schwieriger. „Mit dem Übersetzungsprogramm im Computer ist es kein Problem“, sagt Heimleiterin Maria Pojda. Außerdem gibt es polnische Kolleginnen, sodass eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Polnisch hilft.

Denn auch die beiden Frauen lernen schnell und sind engagiert. „In der ersten Woche war es körperlich sehr schwer“, erinnert sich Oxana. „Ich habe ja jahrelang nur im Büro gearbeitet.“ Inzwischen haben sie sich aber an die neuen Anforderungen gewöhnt.

Heimbewohner blüht auf

„Sie sind freundlich, hilfsbereit und zuverlässig“, so Pojda. Einzig für manche Heimbewohner sei es etwas schade. „Die halten mit unseren Mitarbeitern gern ein Pläuschchen.“ Das geht bei Oxana und Irina nicht. „Dafür ist aber ein anderer Bewohner aufgeblüht.“ Der hat nämlich einen russischen Hintergrund „und kann sich endlich mit jemandem in seiner Muttersprache unterhalten.“

Kurz: „Es ist eine Win-Win-Situation“, beschreibt Pojda ihre Erfahrungen. Denn Irina und Oxana haben angefangen, als das Haus wegen Corona einen personellen Engpass hatte.

„Ich arbeite nicht nur wegen des Geldes“, so Irina. „Ich möchte auch Kontakt mit anderen Menschen und mehr Deutsch lernen.“ Alle besuchen zwar einen Deutsch-Kurs, aber im „wahren Leben“ lernt es sich doch anders und schneller. Die Art der Arbeit sei da nicht wichtig. „Es ist doch ganz normal zu putzen“, so Oxana. Irina: „Eventuell können wir später mal einen anderen Beruf ergreifen.“

Schon jetzt sind alle drei ihren Arbeitgebern dankbar. „Es hat auch Mut dazu gehört, uns eine Chance zu geben“, meint Oxana. Und Irina ergänzt: „Habt keine Angst. Ukrainer sind sehr fleißig und verantwortungsbewusst.“

Traum von der eigenen Bäckerei

An Einsatz und Ehrgeiz fehlt es sicher nicht. Das haben auch ihre Chefs beobachtet. „Wenn alle so sind, würde ich auf jeden Fall wieder welche nehmen“, so Meister Bärtl. Dem stimmt auch Heimleiterin Pojda zu. Ihr sind nur durch den Stellenschlüssel Grenzen gesetzt.

Und was werden sie mit dem ersten Lohn anfangen? „Ich habe mir da noch keine Gedanken gemacht“, meinen Eugene und Oxana. Irina spart dagegen wohl auf ein Fahrrad, um damit auch unabhängiger zu sein. Denn jetzt fährt sie immer mit Oxana oder Kolleginnen aus Waldkraiburg mit.

Überhaupt ist die Lebensplanung alles andere als einfach. Oxana möchte mit ihrer zwölfjährigen Tochter, die von Aschau aus online am ukrainischen Schulunterricht teilnimmt, so schnell es geht wieder zurück nach Odessa.

Irina und Eugen können sich dagegen vorstellen, in Deutschland zu bleiben. „Vielleicht mache ich hier eine kleine Bäckerei auf“, träumt Eugene. Doch bis es soweit ist, steckt er sich Oropax in die Ohren, greift zu seinem Werkstück, schaltet sein Schleifgerät ein und macht sich wieder an die Arbeit. Oxana und Irina schieben ihren Putzwagen eine Tür weiter, greifen zu Lappen und Putzmitteln und gehen ins nächste Zimmer, um hier weiter sauber zu machen. Eigentlich nichts Besonderes – und am Ende dann doch.

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