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BKA zerschlägt weltweite Plattform im Darknet

Region im Schock nach Kinderporno-Vorwürfen gegen Mann aus dem Landkreis Mühldorf

Ein Mann aus dem Landkreis Mühldorf soll mit weiteren Tätern im Darknet (Symbolfoto) eine Kinderporno-Plattform betrieben haben.
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Ein Mann aus dem Landkreis Mühldorf soll mit weiteren Tätern im Darknet (Symbolfoto) eine Kinderporno-Plattform betrieben haben.
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  • Raphaela Lohmann
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Die Kinderporno-Vorwürfe gegen einen Mann aus dem Landkreis Mühldorf schocken die Region. Der 49-Jährige soll einer der Drahtzieher hinter einer der weltweit größten Plattformen im Darknet sein.

Mühldorf – Münster, Lügde, Bergisch-Gladbach – die schweren Fälle des bandenmäßigen Kindesmissbrauchs und der Geschäftemacherei mit kinderpornografischem Bildmaterial schienen weit weg. Umso größer ist der Schock, dass bei der Zerschlagung eines der weltweit größten Kinderpornografie-Plattformen, die am Montag bekannt wurde, die Spur der Ermittler in den Landkreis Mühldorf führte.

Ein 49-jähriger Mann, der in einem Weiler im südlichen Landkreis Mühldorf lebte, ist dringend tatverdächtig, mit zwei weiteren Männern kinderpornografische Plattformen im sogenannten Darknet als Administrator betrieben zu haben. Er soll maßgeblich mit der technischen Umsetzung der Darknetseite, der Einrichtung und Wartung der Serverstruktur beschäftigt gewesen sein und über 400.000 Nutzer mit widerlichsten Missbrauch-Szenen männlicher Kinder versorgt haben.

Spezialkräfte stürmen das Einfamilienhaus

„Er hat sich vom Dorf abgesondert, wir haben ihn nur im Auto vorbeifahren sehen“, sagen Nachbarn über den Mann, den andere auch als „bieder, brav und ruhig“ beschreiben.

Lesen Sie auch: Staatsanwältin Dr. Julia Bussweiler: „Monetäre Interessen wurden nicht verfolgt“ (Plus-Artikel OVB-Online)

Am Abend des 13. April, gegen 20.30 Uhr, war es vorbei mit dieser Fassade. Ein Zeuge erinnert sich an einen lauten Knall. Spezialkräfte des BKA sollen die Eingangstür des Einfamilienhauses gesprengt haben. Schon zuvor waren dem Zeugen unbekannte Fahrzeuge aufgefallen, die in der Nähe parkten. Nach dem Krach tauchten plötzlich weitere Fahrzeuge auf, aus Kombis wurde Material ausgeladen. Mit Taschenlampen hätten Beamte den Garten abgesucht. Den Grund für den Einsatz erfuhren die Nachbarn nicht.

Erst später tauchten Gerüchte auf, dass Alexander G. mit Handschellen aus dem Keller geführt worden sei. Und dass es um Kinderpornografie gehe.

Anfang dieser Woche machten die Strafverfolgungsbehörden, die nach eigenen Angaben schon seit September 2019 an dem Fall arbeiten, ihren spektakulären Ermittlungserfolg öffentlich, drei Wochen nach der Durchsuchung von insgesamt sieben Objekten in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hamburg.

Neben dem Mann aus dem Landkreis Mühldorf, der als Kopf des Kinderschänder-Netzwerks „Boystown“ gilt, wurde auch ein Komplize festgenommen, ein 40-jähriger Paderborner, sowie einer der aktivsten Nutzer der Plattform, ein 64-jähriger Mann aus Hamburg. Der Mann soll seit Sommer 2019 über 3500 Beiträge gepostet haben.

Alle drei sind seit Mitte April in Untersuchungshaft. Gegen einen weiteren Tatverdächtigen, einen 58-jährigen Deutschen, der in Paraguay lebt, liegt ein internationaler Haftbefehl des Amtsgerichts Frankfurt vor. Er soll bald ausgeliefert werden. Das kinderpornografische Forum und weitere Chatplattformen wurden laut BKA nach den Durchsuchungsmaßnahmen abgeschaltet.

Plattform für Kinderpornos zählte zuletzt mehr als 400.000 Mitglieder

Die kinderpornografische Plattform „Boystown“ existierte nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) seit mindestens Juni 2019 und war ausschließlich über das sogenannte Darknet zu erreichen. Zuletzt zählte sie mehr als 400.000 Mitglieder. Die Plattform war international ausgerichtet und diente dem weltweiten Austausch von Kinderpornografie durch Plattform-Mitglieder, wobei hauptsächlich Missbrauchsaufnahmen von Buben ausgetauscht wurden.

Das Forum der Plattform war in verschiedene Bereiche unterteilt, um eine strukturierte Ablage und ein einfaches Auffinden der kinderpornografischen Inhalte zu ermöglichen. Unter den geteilten Bild- und Videoaufnahmen befanden sich auch Aufnahmen des schwersten sexuellen Missbrauchs von Kleinkindern. „Neben dem Forenbereich existierten zwei angegliederte Chatbereiche, die der Kommunikation der Mitglieder untereinander und dem Austausch kinderpornografischer Missbrauchsaufnahmen von Buben und Mädchen dienten“, heißt es in der Mitteilung des BKA. Für diesen Zweck seien verschiedene Sprachkanäle eingerichtet worden, um den Mitgliedern die Kommunikation zu erleichtern.

Betroffenheit im ganzen Landkreis

Auf der Plattform ging es nach Angaben der Ermittler vor allem um den weltweiten Austausch von Missbrauchsaufnahmen von Buben unter den Mitgliedern. Besonders brisant ist deshalb die Tatsache, dass der unauffällige Tatverdächtige aus dem südlichen Landkreis Mühldorf selbst Familienvater ist. Er hat vier Söhne, zwei davon sind noch minderjährig. Ob auch sie zu Missbrauchsopfern wurden oder ob der Mann lediglich als Administrator der Plattform tätig war? Dazu macht die Generalstaatsanwaltschaft keine Angaben. Das werde derzeit geprüft.

Im Ort, ja im ganzen Landkreis löste die Nachricht große Betroffenheit aus. Mühldorfs Landrat Max Heimerl (CSU) reagierte bestürzt über die kriminelle Energie, die im Rahmen der Ermittlungen zutage getreten sei: „Ich bin entsetzt über diese Taten und verurteile sie auf das Schärfste. Es geht hier um entsetzliche Verbrechen an Körper und Seele der Kleinsten und Schutzbedürftigsten in unserer Gemeinschaft. Diejenigen, die sich an diesem Leid ergötzen, sind mitschuldig. Ich hoffe jetzt auf eine schnelle und konsequente strafrechtliche Aufarbeitung.“

Kinder leide nein ganzes Leben

„Ich bin geschockt“, sagte am Dienstag Cathrin Henke. Völlig überrascht sei sie aber nicht, setzt die Vorsitzende des Kinderschutzbunds im Landkreis Mühldorf hinzu: „Dass wir eine Region der Glückseligen sind, das ist unwahrscheinlich. Solche Straftaten sind viel näher, als die meisten denken.“ In diesem Bereich passiere „wahnsinnig viel im Verborgenen“. Wenn einer der Drahtzieher und Administratoren der kinderpornografischen Darknetplattformen aus dem Landkreis komme, spricht aus ihrer Sicht viel dafür, dass es auch vor Ort Missbrauchsaufnahmen für das Netz gegeben haben könnte. „Die Kinder sprechen oft Jahre nicht darüber und leiden ein ganzes Leben darunter.“

Manuela Christ-Gerlsbeck, die Opfer sexueller und sexualisierter Gewalt berät und begleitet, hält es für wichtig, die Position von Kindern und Jugendlichen zu stärken. „Die Gesetzgebung müsste dahingehend geändert werden, dass bei entsprechenden Hinweisen von Kindern dem zwingend nachgegangen werden muss.“

Doch es brauche auch mehr Unterstützung für Menschen mit pädophiler Neigung. „Es gibt Männer, die dagegen steuern wollen, aber es stehen nur wenige Hilfsangebote zur Verfügung.“

Diese Strafen drohen den Tätern: Bis zu zehn Jahre Haft

Im Strafgesetzbuch stehen in den Paragrafen 176 und 184 einschlägige Strafrechtsvorschriften, die im Falle der Verurteilung greifen. Wer demnach sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.

Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen lässt. Drei Monate bis zu fünf Jahre Gefängnis haben Personen zu erwarten, die sexuelle Handlungen vor einem Kind vornehmen oder auf ein Kind mittels Schriften oder Informations- oder Kommunikationstechnologie einwirkt, um das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen.

Dasselbe Strafmaß ist vorgesehen, wenn eine kinderpornografische Schrift verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafen stehen im Strafgesetzbuch, wenn eine jugendpornografische Schrift herstellt, verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Begriff „jugendpornografisch“ definiert sexuelle Handlungen von, an oder vor einer 14, aber noch nicht 18 Jahre alten Person.
 

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