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PORTRÄT DER WOCHE

Grenzenlos anpacken

Schutz vor Zwangsverheiratung: Derzeit installiert Linus Mohr Schläuche für eine Wasserpumpe in Kenia. Das Projekt organisiert der heimische Verein Ambatana. Mohr
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Schutz vor Zwangsverheiratung: Derzeit installiert Linus Mohr Schläuche für eine Wasserpumpe in Kenia. Das Projekt organisiert der heimische Verein Ambatana. Mohr

Libanon, Uganda, Kenia: Das sind ungewöhnliche Stationen für einen Schreiner auf der Walz. Der Mühldorfer Linus Mohr lernt dabei nicht nur Menschen und Kulturen kennen, sondern auch viel über sich selbst.

Mühldorf – Während der 25-Jährige über seine Wanderzeit erzählt, sitzt er in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, in einem Backpacker-Hostel. Kurz zuvor hat er Samoa gegessen – Teigtaschen mit Gemüse und Fleisch. Gepäck hat er kaum. Er braucht nicht viel. Nur wenige Dinge sind ihm wichtig, etwa seine kleine Espressomaschine. Im Hostel ist er nur, weil es dort einen Internetzugang gibt.

Mohr hat ein paar Tage frei und nutzt sie zum Reisen. Handys sind auf der Walz eigentlich tabu. Aber bei ihm ist alles etwas anders. Der 25-Jährige hat sich auf soziale Projekte spezialisiert und das Handy ist ein „Projekthandy“ – ohne geht es nicht.

Im vergangen Jahr hat er in Uganda eine Galerie für Naturstoffe ausgebaut und im Libanon ein Flüchtlingscamp winterfest gemacht, in Arsal, einer Kleinstadt nahe der syrischen Grenze in 1700 Metern Höhe. „Der Ort hatte vor fünf Jahren noch 30 000 Einwohner. Mittlerweile sind es mit Flüchtlingen 110 000. Im Winter wird es eisig und es regnet viel. Wir haben unter anderem Carports über Zelte gebaut und Einzeldächer installiert.“

Aktuell ist er als Bauleiter für den Tüßlinger Verein Ambatana in Kenia aktiv und baut dort ein „Rescue-Center“, in dem Mädchen betreut werden, denen die Zwangsheirat droht.

Warum er das macht? Freunde und Geschwister sind nach Schule oder Ausbildung ins Ausland gegangen. „Ich wollte auch ausprobieren, wie ich in der weiten Welt zurechtkomme.“ Vor seiner Walz ging er für Bonfaremo, einer Hilfsorganisation aus Mühldorf, nach Kenia und half beim Ausbau einer Schule. Nach einem Jahr flog er von dort mit einem Fahrrad im Gepäck nach Portugal, radelte durch Spanien. „Diese ganze Zeit hat mich stark geprägt. Nach meiner Rückkehr habe ich schon nach drei Wochen in Mühldorf gemerkt, dass mich daheim noch nichts auf Dauer hält. Aber als leidenschaftlicher Schreiner brauchte ich einen Plan, der Reisen und Handwerk verbindet.“

Nach einem Jahr Montagetätigkeit traf er auf einem Musikfestival einen Wandergesellen: „Ich war schon vorher angefixt von der Idee. Aber diese Begegnung war wie ein Startschuss. Nach vier Stunden hatten wir das Wichtigste auf einem Stapel Pappteller, die auf dem Festival rumlagen, niedergeschrieben.“

Im September 2015 ging er los: Von Mühldorf Richtung Töging, Burghausen, nach Österreich, in die Schweiz, nach Luxemburg, Cottbus und Lübeck. Dort arbeitete er in einem Transitflüchtlingscamp und lernte einen Mann kennen, der in Palästina eine Freilandfarm für Behinderte aufbauen wollte: „Ich hatte noch nie Interesse am Nahen Osten, aber ich habe zugesagt.“ Es werden fünf Monate in einem kleinen Dorf, wo er mit einem weiteren Gesellen die Inneneinrichtung für eine Schule baut. „Das war meine erste Begegnung mit der arabischen Kultur.“

Angebote in sozialen Langzeitprojekten folgten. Versicherung, Unterkunft und Flug übernahmen seine Auftraggeber. Schließlich darf er als Geselle auf der Walz kein Geld fürs Fortkommen ausgeben. Wovon er lebt? „Gute Frage. Meist von der Hand in den Mund. Aber es ging mir nie schlecht!“

Komfort ist nicht sein Thema. „Das Schwierige bei den Hilfsprojekten ist oft herauszufinden, was genau der Hilfsorganisation vorschwebt und was davon die Leute vor Ort mittragen wollen.“ Sein Lernpensum ist enorm, weil die Projekte so facettenreich sind – Personal, Finanzen: „Mir ist bei all dem Organisieren wichtig, dass ich immer etwas mit Holz zu tun habe und mindestens ein Drittel der Zeit in der Werkstatt und am Bau verbringe. Dass er auch in Krisenregionen unterwegs ist, bereitet ihm keine Sorgen: „Ich befasse mich intensiv mit dem Projekt, nicht mit dem, was alles passieren könnte.“

Die Mindestzeit für Wandergesellen ist fast vorbei. „Viele gehen nach drei Jahren heim, andere nach vier oder fünf. Irgendwann sind die Leute aus deiner Generation weg und dann ist es Zeit, zu gehen.“

Wie lange er noch bleibt? Mal sehen. Auf jeden Fall sei er durch die Arbeit ein sehr spontaner Mensch geworden: „Ich stehe meist sehr früh auf, auch an den Wochenenden und mache das, was kommt. Egal, ob etwas gut oder schlecht läuft, ich lerne jeden Tag dazu. Meine Ausbildung hat mir sehr viel gebracht, ist aber nicht zu vergleichen mit dem, was ich in den letzten fünf Projekten gelernt habe. Und zwar sowohl über Land, Leute als auch über mich selbst.“

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