Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Drama in Spielothek

Geiselnahme von Mühldorf: Warum der Täter nicht für „versuchten Totschlag“ verurteilt wurde

Im November 2021 hatte der 35-Jährige eine Geisel in der Mühldorfer Spielhalle genommen. Jetzt schickt das Gericht den Geiselnehmer in die Psychiatrie.
+
Im November 2021 hatte der 35-Jährige eine Geisel in der Mühldorfer Spielhalle genommen.

Im Prozess um eine Geiselnahme in einer Spielothek in Mühldorf hat das Schwurgericht Traunstein das Urteil gesprochen. Obwohl der 35 Jahre alte Täter aus Mühldorf einen Mann in den Bauch gestochen hatte, wurde er nicht wegen versuchten Totschlags verurteilt.

Traunstein/Mühldorf – Bei Vorfall in einer Spielothek war ein couragierter 43-jähriger Gast als Einziger einem mit einem Messer bedrohten 27-jährigen Angestellten zu Hilfe gekommen. Der schuldunfähige Täter hatte dem Opfer einen gefährlichen Stich in den Bauch versetzt (wir berichteten).

„Um von der Polizeierschossen zu werden“

Der Gast hatte am Nachmittag des 15. November 2021 die Frau aus ihrer verzweifelten Lage retten wollen. Der 35-Jährige hatte sie wenige Minuten zuvor an der Theke als Geisel genommen. Nach einem Gang zur Toilette waren die beiden auf dem Rückweg. Der Beschuldigte sah, dass im Eingangsbereich der Spielhalle Polizisten warteten. Um „von der Polizei erschossen zu werden“, wie der Beschuldigte während der Ermittlungen und vor Gericht behauptete, musste die Frau mit ihm in Richtung Eingang gehen. Dabei kam es zu dem Messerstich in den Bauch des 43-Jährigen. Schließlich schubste die 27-Jährige den 35-Jährigen weg und brachte sich in Sicherheit. Der Beschuldigte wurde vorläufig festgenommen. Der Helfer kam in ein Krankenhaus. Dank einer Notoperation überlebte er. Jedoch ist er – wie die 27-Jährige – bis heute massiv beeinträchtigt. Beide Opfer traten in der dreitägigen Verhandlung als Nebenkläger auf.

Die Antragsschrift von Staatsanwalt Markus Andrä umfasste Geiselnahme, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Im psychiatrischen Gutachten gelangte der Sachverständige Dr. Rainer Huppert zu dem Schluss, die Unterbringung in der Psychiatrie sei unumgänglich. Der 35-Jährige sei psychisch krank, habe Drogenprobleme und zudem bei der Tat über zwei Promille Alkohol im Blut aufgewiesen.

Staatsanwalt Markus Andrä betonte im Plädoyer auf Unterbringung: „Was passiert ist, ist für alle Beteiligten tragisch.“ Der Beschuldigte habe geglaubt, gegen ihn laufe eine Verschwörung, sein Leben würde zerstört. Ein „versuchter Totschlag“, wie ursprünglich in der Antragsschrift genannt, sei nicht erwiesen. Andrä dazu: „Der Täter wusste, dass er ein Messer in der Hand hielt. Zu einem Tötungsvorsatz gehören jedoch das Wissens- und das Wollens-Element. Ich bin nicht überzeugt, dass der Beschuldigte wollte, dass jemand stirbt.“ Deshalb nahm Andrä bezüglich des Messerstichs lediglich „gefährliche Körperverletzung“ an, allerdings in den zwei Varianten „lebensgefährliche Behandlung“ und „Verwenden eines gefährlichen Werkzeugs“.

Zu der Tat des Beschuldigten an der 27-Jährigen stellte der Staatsanwalt fest: „Er wollte mit dem Messer am Hals der Frau eine Handlung der Polizei herbeiführen. Das ist rechtlich eine Geiselnahme.“ Die Nebenklagevertreter schlossen sich weitgehend an und hoben die Schäden für die Opfer heraus.

Abweichend vom Staatsanwalt sah der Anwalt des 43-Jährigen sehr wohl einen „versuchten Totschlag“. Verteidiger Martin Lämmlein aus Mühldorf sprach von „einem Tiefpunkt, einer Abwärtsspirale“ seines Mandanten durch die Tat. Der 35-Jährige habe immer wieder vergeblich versucht, Fuß zu fassen im Leben und fühle sich „nicht ernst genommen“. Der Verteidiger wünschte beiden Opfern ausdrücklich „gute Besserung“. Der 27-Jährigen habe der Beschuldigte „eigentlich nichts tun wollen“. Deshalb sei nur der Tatbestand einer „Freiheitsberaubung“ erfüllt. Das Gericht bat der Verteidiger, die Frage der Unterbringung zu prüfen. Im „letzten Wort“ entschuldigte sich der 35-Jährige ein weiteres Mal bei den Nebenklägern: „Ich wollte niemand schaden. Ich war alkoholisiert.“

Der anhand der Zeugen festgestellte Sachverhalt entspreche dem der Antragsschrift, konstatierte Vorsitzender Richter Volker Ziegler im Urteil. Der Staatsanwalt sei von einem Tötungsvorsatz abgerückt. Das sehe er genauso. Entscheidend sei: „Der Beschuldigte hat zu keinem Zeitpunkt damit gerechnet, dass der 43-Jährige von hinten an ihn herantritt. Der Beschuldigte sah die Polizei, musste die Geisel unter Kontrolle halten. Unruhe herrschte, es wurde geschrien. Dass der 35-Jährige auch noch auf den Nebenkläger achtet, ist auszuschließen.“

Gleichzeitig würdigte der Vorsitzende Richter das sehr couragierte Vorgehen des 43-Jährigen. Unter diesen besonderen Umständen sei nicht auf einen Tötungsvorsatz des Beschuldigten zu schließen, fuhr Volker Ziegler fort. Zum Thema Geiselnahme meinte er: „Was wollte der Beschuldigte eigentlich? Seine Absicht blieb im Dunkeln. Die Sache mit dem Erschießen durch die Polizei ist nebulös. Das Schwurgericht war völlig auf Vermutungen angewiesen. Jedenfalls war eine Geiselnahme nicht zu begründen.“

Unrecht im Wahn nicht eingesehen

Letztlich verblieben die Straftatbestände „Freiheitsberaubung“ und „gefährliche Körperverletzung“. Die Rechtsfolge „Unterbringung“ habe der Gutachter vorgegeben, unterstrich der Schwurgerichtsvorsitzende. Der Beschuldigte habe das Unrecht seiner Tat in seinem Wahn nicht einsehen können: „Dieser Zustand verbietet eine Bestrafung und gebietet eine Unterbringung.“ Der 35-Jährige sei gefährlich für die Allgemeinheit, die Wiederholungsgefahr sei sehr hoch.kd

Kommentare