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Gewerkschaft schlägt Alarm

Jeder Siebte hat die Gastro-Branche im Kreis Mühldorf im Coronajahr verlassen

450-Euro-Kräfte haben sich etwas anderes gesucht, die Auszubildenden mussten trotzdem geschult werden, auch während des Lockdowns. In der Bastei half hier das Chiemgauer Volkstheater aus, und das zum Nulltarif. Schauspieler Andreas Kern (rechts), mit Servicekraft Rajna Bitunjac, spielte verschiedene Szenen nach – von einem unzufriedenen Gast, über einen betrunkenen Krakeeler bis hin zur sexuellen Belästigung.
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450-Euro-Kräfte haben sich etwas anderes gesucht, die Auszubildenden mussten trotzdem geschult werden, auch während des Lockdowns. In der Bastei half hier das Chiemgauer Volkstheater aus, und das zum Nulltarif. Schauspieler Andreas Kern (rechts), mit Servicekraft Rajna Bitunjac, spielte verschiedene Szenen nach – von einem unzufriedenen Gast, über einen betrunkenen Krakeeler bis hin zur sexuellen Belästigung.

200 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte haben dem Gastgewerbe im Kreis Mühldorf den Rücken gekehrt. Es fehlt mittlerweile besonders an Servicekräften. Das sind die Gründe.

Mühldorf – Wie sich der Personalmangel in der Gastronomie auswirkt, kann Frederik Lange am eigenen Gasthaus zeigen. Seine Nonstophotel-Gruppe hat vor einem Jahr den Pauliwirt übernommen und steht jetzt nach dem Wiederbeginn vor großen Schwierigkeiten. Die Konsequenz: Wer im Biergarten Brotzeit machen und Bier trinken will, muss sich Essen und Getränke selbst abholen – Selbstbedienung ist angesagt. „Uns fehlen schlichtweg die Bedienungen“, klagt Lange.

200 Arbeitnehmer haben der

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bestätigt die Erfahrung: Innerhalb des vergangenen Jahres haben im Landkreis rund 200 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt. Das sei jeder siebte Beschäftigte in der Branche, teilt die NGG mit und beruft sich auf Zahlen der Arbeitsagentur.

Ein Rückgang von 14 Prozent

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beschäftigte das Hotel- und Gaststättengewerbe im Landkreis Mühldorf zum Jahreswechsel 1 171 Menschen. Genau ein Jahr zuvor – vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie – waren es noch 1 368. Damit haben innerhalb von zwölf Monaten 14 Prozent der Beschäftigten die Branche verlassen.

Umbau abgeschlossen, doch es mangelt an Bedienungen

Beim Pauliwirt sind die Umbauarbeiten abgeschlossen: Der Biergarten wurde auf die dreifache Größe erweitert und der Kinderspielplatz modernisiert. „Bei uns könnten auf der Stelle fünf Servicekräfte anfangen“, sagt Geschäftsführer Frederik Lange. Doch es findet sich niemand. Der Markt sei leer gefegt, weil sich die Angestellten im Gastrobereich nach monatelangen Einschränkungen nach Alternativen umgesehen hätten. „Zwei Auszubildende, die ausgelernt haben, haben sich anders orientiert.“

450-Euro-Kräfte haben den Einzelhandel für sich entdeckt

Nach Einschätzung von Hammerwirt Holger Nagl hat die Branche sehr viele Arbeitskräfte verloren, sowohl 450-Euro-Kräfte, als auch Festangestellte. Der Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) spricht von mehreren Betrieben, die massiv unter Personalmangel leiden. „Vor allem der Einzelhandel hat sich während der Pandemie gezielt um 450-Euro-Kräfte gekümmert“, sagt Nagl, der selbst glimpflich davongekommen ist. Auch, weil er nach eigenen Angaben Mitarbeiter während Corona voll bezahlt und einen guten Zulauf an Azubis habe.

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Angestellte sehnen sich nach Sicherheiten

„Viele Servicekräfte haben Angst vor weiteren Corona-Lockdowns und vor Kurzarbeitergeld. Also suchen sie sich einen anderen Job. Mit mehr Sicherheiten“, bestätigt Stephanie Nömeier, Geschäftsführerin der Bastei in Mühldorf. Doch auch Fachkräfte kehren der Branche ihren Rücken zu. Ihre Restaurantleiterin habe gerade gekündigt. Sie zieht einen Job im Büro vor.

Nömeier befürchtet: „Da kommen keine rosigen Zeiten auf uns zu. Wir werden über kurz oder lang auch einen Fachkräftemangel zu beklagen haben!“

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Auch Auszubildende stehen nicht Schlange

Denn auch Auszubildende stünden nicht Schlange. „Für das Hotel habe ich zwei Azubis bekommen, für eine Ausbildung zum Koch sind noch nicht einmal Bewerbungen eingegangen.“ Die Alternative: „Wenn Personalnot herrscht, muss ich selbst einspringen.“

Im Wintergarten die komplette Küchenmannschaft neu besetzt

Zehn Prozent Fluktuation seien normal, sagt Didi Schillhuber, der das Restaurant Wintergarten in Mühldorf führt. „Aber im vergangenen Jahr haben wir ein Drittel der Mannschaft verloren, die aus 70 Personen besteht. Das ist nur schwer zu kompensieren, weil wir im Corona-Jahr nichts anbieten konnten.“ Besonders einschneidend: Er habe die komplette Küchenmannschaft ersetzen müssen. 450-Euro-Kräfte hätten es besonders schwer gehabt, weil sie kein Kurzarbeitergeld erhalten hätten. In anderen Unternehmen locke mehr Geld, bessere Arbeitszeiten und freie Wochenenden.

450-Euro-Regel soll angepasst werden

Schillhuber sucht nun verstärkt Zuwanderer als Mitarbeiter. Er ist davon überzeugt, dass es ohne diese ausländischen Servicekräfte als Vollzeitkräfte nicht mehr gehen werde. Schulabsolventen, die sich früher vor dem Studium etwas hätten dazu verdienen können, gibt es heuer nicht: „Die wollen jetzt erst einmal feiern, das Leben genießen. Was auch verständlich ist nach Zeiten der maximalen Einschränkung.“

Die Abiturienten wollen jetzt erst einmal feiern

Für Dehoga-Sprecher Nagl ist ein Weg aus der Misere die Anpassung der 450-Euro-Regelung, für die die Wirte aber auf die Politik angewiesen sind: Durch die Anhebung der Mindestlöhne dürften Mitarbeiter nicht mehr so lange arbeiten wie früher, weil sie schneller die 450-Grenze erreichten. Nagl nennt die 450-Euro-Grenze „ein Relikt aus vergangenen Zeiten“, sie müsse schnellstens erhöht werden. „Die muss jetzt nach oben, um Mitarbeitern kurzfristig mehr Stunden zu ermöglichen“, sagt er. Denn viele wollten länger arbeiten.

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