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Wie ein „braver Bub“ sich radikalisierte

„Das Problem waren die Drogen“: Mutter des Waldkraiburger Islamisten im Zeugenstand

Der mutmaßliche Attentätervon WaldkraiburgMuharrem D. (rechts), hier beim Prozessauftakt (im Hintergrund Verteidiger Matthias Bohn, muss sich seit März vor dem Oberlandesgericht München wegen 31-fachen vesuchten Mordes verantworten. Am Donnerstag wurden seine Eltern vom Staatsschutzsenat als Zeugen gehört.
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Der mutmaßliche Attentätervon WaldkraiburgMuharrem D. (rechts), hier beim Prozessauftakt (im Hintergrund Verteidiger Matthias Bohn, muss sich seit März vor dem Oberlandesgericht München wegen 31-fachen vesuchten Mordes verantworten. Am Donnerstag wurden seine Eltern vom Staatsschutzsenat als Zeugen gehört.

Emotionale Szenen spielten sich am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht München ab, als die Eltern des mutmaßlichen Bombenlegers von Waldkraiburg in den Zeugenstand traten. Drogen machen sie dafür verantwortlich, dass ihr Sohn sich nach 2017 veränderte und „nicht mehr normal war“.

Waldkraiburg – Er trägt einen orangen Pullover, darunter ein weißes Hemd, und kauert zusammengesunken auf seinem Stuhl auf der Angeklagtenseite. Betreten blickt der mutmaßliche Attentäter (26) von Waldkraiburg zu Boden, als seine Mutter (51) aussagt. Sie schildert gestern vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts München das Leben ihres Sohnes, wie er sich vom braven Buben zum Islamisten entwickelt hat. „Er hat schlimme Sachen gemacht“, sagt sie, „Gott sei Dank ist niemand gestorben oder verletzt worden.“

Muharrem D. selbst hatte ausgesagt, dass er sich radikalisierte, indem er blutige Videos des Islamischen Staats (IS) im Internet schaute. So sei sein Hass auf die Türken gewachsen – obwohl er selbst halb türkisch ist. Sein Vater ist Türke, seine Mutter Kurdin.

Großer Hass gegen Türken

Sein Hass steigerte sich so sehr, dass er schließlich zweimal Feuer bei türkischstämmigen Bürgern von Waldkraiburg legte. Dort zündete er einen Gemüseladen an und versuchte auch das Haus eines Imams und dessen Familie in Brand zu setzen.

Seine Mutter erzählt derweil, was für ein „friedlicher, netter Junge“ der kleine Muharrem war. Er sei ganz normal gewesen, sei in den Kindergarten und neun Jahre in die Hauptschule gegangen. „Er war nicht perfekt in der Schule, aber er war auch nicht so schlecht“, sagt seine Mutter, eine Montagearbeiterin.

Im Verein Fußball gespielt

Seit er vier Jahre alt war, habe er auch im Verein Fußball gespielt. Er habe keine Probleme gemacht, sei ein soziales Kind gewesen und habe einen „sehr großen Freundeskreis“ gehabt, in dem auch viele türkische Freunde gewesen seien. Später habe er dann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht, anschließend zum Lageristen umgeschult.

Seit 2017 zunehmende Drogenprobleme

Das Problem, das dann aufgetaucht sei, waren die Drogen, betont seine Mutter immer wieder. Schlimm sei es ab 2017 geworden. Auch vorher habe er schon etwas geraucht, „aber nicht so auffällig“. Als sie ein Tütchen mit „braunem Zeug“ gefunden habe, habe ihr Sohn nicht zugeben wollen, dass es sich um Drogen handle. Sie seien dann damit zur Polizei, „denn wir haben uns wegen Drogen immer Sorgen gemacht“.

Geldstrafe bezahlten die Eltern

Bei der Untersuchung bestätigte sich der Verdacht. Die Strafe von 500 Euro bezahlten die Eltern, weil der Sohn kein Geld hatte. Diesen Fall schildert die Mutter exemplarisch: „Wenn man als Eltern mit dem Sohn zur Polizei geht, dann braucht man wirklich Hilfe. Diese Drogen haben uns wirklich fertig gemacht.“ Sie hätten Hilfe gesucht, aber Muharrem D. habe sich nicht helfen lassen.

In München abgetaucht

2017 sei der Sohn dann weitgehend abgetaucht, sie hätten nicht mehr viel Kontakt gehabt. In einer Münchner Moschee hätten sie ihn gefunden, in ein langes Kleid gehüllt. Sie hätten ihn gebeten, heimzukommen, aber das habe er abgelehnt. „Ich habe gedacht, ich bin im falschen Film, und ich muss da jetzt mitspielen.“ Sie war der Meinung, dass er sich der Religion zuwende, weil sie für ihn eine Selbsttherapie gegen die Drogen sei.

Mutter sollte Kopftuch tragen

Bis zu seiner Festnahme im Mai 2020 sei Muharrem D. immer auffälliger geworden. Zwar sprach er nicht über türkische Politik, aber er zeigte ihnen Videos von Predigern, die die Eltern nicht gutheißen konnten. Er verlangte von der Mutter, ein Kopftuch zu tragen, was sie ablehnte. Irgendwann war er nach Aussage der Mutter „nicht mehr normal“. Er nannte sie eine Hure, sagte, dass sie eine Hexe sei, schmiss Blumentöpfe vom Balkon.

Stürmische Umarmung und Küsse in Verhandlungspause

Vor einer Sitzungspause fragt die Mutter den Vorsitzenden Richter, ob sie ihren Sohn umarmen dürfe. „Von mir aus gerne“, antwortet er. Die Frau stürmt auf ihr Kind zu, umarmt und küsst es. Tränen fließen. Beim ersten Besuch im Gefängnis hätten sie eine Stunde lang nur geweint, sagt sie.

Vater entschuldigt sich beim „Volk von Waldkraiburg“

Als der Vater (56) in den Zeugenstand tritt, möchte er erst „eine kurze Rede halten“. Er entschuldigt sich ausführlich im Namen seines Sohnes, der Familie und Freunde „beim Volk von Waldkraiburg, vor allem bei denen, denen Schaden zugefügt wurde“. Bis heute habe er keinerlei Probleme mit der Türkei gehabt. Er sei dort geboren, aufgewachsen und zum Militär gegangen. Es sei das Land, dessen Ausweis er mit Stolz trage.

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