Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Mühldorf

Diplom-Psychologe Dieter Wenzler von der Diakonie: Tiefe Gräben prägen die Impfdiskussion

Die Beratungen des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Diakonie in Mühldorf sind gefragt. Diakonie
+
Die Beratungen des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Diakonie in Mühldorf sind gefragt.
  • Josef Bauer
    VonJosef Bauer
    schließen

Die vierte Welle der Corona-Pandemie schlägt derzeit gerade im Landkreis Mühldorf mit voller Wucht zu. Die Folge sind eine erkennbare Zunahme von Ängsten und ein entsprechend erhöhter Beratungsbedarf. Mit großer Besorgnis beobachten wir, wie zwischen Geimpften und Nichtgeimpften tiefe Gräben entstehen. Für einige Klienten ist das sehr belastend, da derzeit durch viele Kontakte und Beziehungen eine richtiggehende Impftrennlinie verläuft.

Mühldorf Die Corona-Pandemie ist mit Macht zurückgekehrt. Die Inzidenzen steigen in nie prognostizierte Höhen. Die Diskussionen in der Bevölkerung um den richtigen Umgang mit der Pandemie werden härter und persönlicher. Wir sprachen mit Dieter Wenzler, Diplom-Psychologe, Geschäftsbereichsleieter des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Diakonie in Mühldorf über diese Entwicklung.

Wie hat sich die lange Zeit der Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Dieter Wenzler: „Während der Sommerzeit hat sich die Situation bezüglich der pandemiebedingten Einschränkungen deutlich entspannt. Plötzlich lief der gesamte Betrieb wieder leichter und wir hofften auf eine sukzessive Rückkehr zur Normalität. Bedingt durch die aktuelle Entwicklung mit dem enorm starken Anstieg der Inzidenzen verschärft sich die Situation erkennbar. Noch laufen unsere Beratungsangebote inklusive Hausbesuche stabil und in Präsenzform, sowohl in Mühldorf als auch in der Außenstelle Waldkraiburg.

Obwohl wir in der glücklichen Lage sind, jederzeit auch wieder verstärkt auf Videoberatung oder dergleichen setzen zu können, hat sich aufgrund der bisherigen Erfahrungen gezeigt, wie wichtig vor allem dann ein direkter Kontakt ist, wenn Klienten noch nicht persönlich bekannt sind. Bereits das Tragen der Masken erschwert ein genaues Wahrnehmen der momentanen Verfassung des Gegenübers, virtuelle Formen schränken sie zusätzlich ein.

Wie haben sich die steigenden Inzidenzen ausgewirkt?

Diplom-Psychologe Dieter Wenzler.

Wenzler: Nachdem nun die Inzidenzen wieder derart hochschießen, nehmen wir bei den Klienten vor allem eine große Verunsicherung wahr. Wie wird sich die Situation wohl weiter entwickeln? Welche Regeln gelten aktuell eigentlich genau? Können diese überhaupt umgesetzt werden? Widersprechen sich manche Regeln?

Lesen Sie auch: Darum werden auf den Intensivstationen die Betten knapp - Kliniken mit verzweifeltem Appell

Die Folge sind eine erkennbare Zunahme von Ängsten und ein entsprechend erhöhter Beratungsbedarf. Und während die Beratung bisher noch voll umfänglich weiterläuft, ist die Gruppenarbeit bereits wieder eingeschränkt. Im Sommer verlagerten wir viele Aktivitäten ins Freie, wie beispielsweise den Kreativtreff. In der kalten Jahreszeit ist das nur in einem recht geringen Umfang möglich. Daher ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, welche Gruppenangebote in welcher Form, und in welchem Umfang auch im Winter ermöglicht werden können.“

Ist die Zahl derer, die Hilfe brauchen größer geworden und wo liegen die Schwerpunkte bei Ihren Patienten?

Wenzler: Auffällig ist, dass sich vermehrt Personen aus der sogenannten Normalbevölkerung, wie beispielsweise Familien mit Kindern an uns wenden, weil ihre Ressourcen erschöpft und die Belastungen des Alltags nicht mehr zu bewältigen sind. Ganz besonders schwer haben es Alleinerziehende, die in der Alltagsbewältigung und Erziehungsverantwortung tatsächlich auf sich allein gestellt sind.

Innerhalb der Gruppe der psychisch ohnehin stark Belasteten nehmen in der Pandemie Ängste und Depressionen auffällig zu. Bezogen auf diese Gruppe konnten wir beobachten, dass Umweltkatastrophen, wie die der letzten Monate, gerade hier zusätzliche Ängste auslösen und hervorrufen.

Wie wirken sich diese Entwicklungen aus?

Wenzler: Inwieweit sich diese Entwicklungen statistisch auswirken, können wir erst Anfang Februar 2022 einschätzen. Unabhängig davon gibt es jedoch pandemiebedingt statistische Besonderheiten. So verzeichneten wir trotz erhöhten Bedarfs 2019/2020 eher weniger Klienten. Das lag daran, dass aufgrund des Lockdowns keine Besuche im Inn-Salzach-Klinikum erfolgen konnten. Sobald diese wieder möglich waren, gab es sofort vermehrte Anfragen.“

Gibt es altersbedingt Auffälligkeiten?

Wenzler: Der sozialpsychiatrische Dienst Mühldorf betreut Personen im Alter von 18 bis 60 Jahren. Besondere altersbedingte Auffälligkeiten innerhalb dieses Spektrums sind uns nicht aufgefallen. Allerdings bedauerten wir es sehr, dass die geplanten Gruppen mit Kindern von psychisch kranken Eltern, bedingt durch die Pandemie, bisher nicht stattfinden konnten. Die Realisierung scheiterte hier vor allem an den erforderlichen Hygienemaßnahmen, die wir nicht sicherstellen hätten können.“

Was Sie auch interessieren könnte: Sozialpsychiatrischer Dienst im Landkreis Mühldorf hat viel Arbeit in der Corona-Pandemie

Hat sich die Zahl der Menschen, die sich einsam fühlen, stark erhöht?

Wenzler: Auffällig ist, dass sich zunehmend mehr Menschen isoliert fühlen und das auch als Beratungsgrund benennen. Dass es auch bei Geimpften zu Corona-Erkrankungen kommt, löst bei manchen verstärkt Ängste aus. Zusätzlich ängstigt viele, dass sie es sich nicht erklären und nicht nachvollziehen können, weshalb sich die Corona-Fallzahlen in unserer Region wieder so drastisch erhöhen. Und auch die Vielzahl an Regelungen, die sich oft innerhalb kurzer Zeit wieder ändern, verunsichern viele.“

Welche Tipps und Ratschläge können Sie betroffenen, die mit der Situation Probleme haben, als Fachmann geben?

Wenzler: Zunächst ist es wichtig zuzugeben, dass auch uns Fachkräfte manche Entwicklungen verunsichern, wie die aktuell hohen Inzidenzen und die enorme Belastung des gesamten Gesundheitssystems sowie vor allem der Pflegekräfte. Zugleich ist es sehr wichtig, immer wieder genau zu informieren, zu erklären und sich auszutauschen. Zu erläutern, welche Faktoren die Situation beeinflussen und was wir selbst tun können. Warum durch die Virusvarianten erhöhte Infektionsrisiken bestehen und wir es auch deshalb als wichtig erachten, die Infektionsschutzmaßnahmen exakt einzuhalten.

Lesen Sie auch: Priener Ärzte verzweifeln an Impfverweigerern - „Aber die Politik macht es uns auch schwer“

Wichtig ist es für uns deswegen den Klienten zu vermitteln, dass ihre Wahrnehmungen in diesem Zusammenhang „normal“ sind, dass eben alle, auch die nicht psychisch Erkrankten, durch die Pandemie stark verunsichert und geängstigt sind. Es ist daher umso wichtiger, im Kontakt zu bleiben und Gespräche zu suchen. Sollte dies im eigenen, persönlichen Umfeld weniger oder gar nicht möglich sein, bietet sich hier an, Kontakt zu unserer Beratungsstelle zu suchen. Auch der Krisendienst Psychiatrie bietet unter 0800/6553000 rund um die Uhr und sieben Tage die Woche telefonische Hilfe und bei Bedarf auch Hilfe durch mobile aufsuchende Teams an.

Die Beratung im Rahmen des Angebots des Sozialpsychiatrischen Dienstes erfolgt Montag bis Freitag unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen, so dass sich die Klienten bei uns sicher fühlen können.

Wie können Sie derzeit arbeiten?

Wenzler: In diesem Zusammenhang hilft es uns sehr, dass wir bereits in der Vergangenheit dafür gesorgt haben, jederzeit auch wieder mobil arbeiten und dadurch die räumliche Situation entzerren zu können. Zudem beraten wir teilweise auch im Freien, falls es von den Klienten gewünscht wird. Manche bieten das von sich aus an. Im Betreuten Wohnen und bei Hausbesuchen beobachten wir ebenfalls Veränderungen, wie eine wesentlich erhöhte Bereitschaft zum regelmäßigen Lüften und zu Beratungen bei Spaziergängen und in Diensträumen.“

Welche grundsätzlichen Schäden sehen Sie nach der langen Pandemie Zeit und welche Lösungsansätze würden Sie empfehlen?

Wenzler: Generell sehe ich die größten Probleme durch die starke Verunsicherung und eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft im Verlauf der Pandemie. Viele Menschen, die bereits vor der Pandemie mit eingeschränkten psychischen und materiellen Ressourcen zurechtkommen mussten, sind jetzt noch mehr eingeschränkt, entweder aufgrund ihrer persönlichen Rahmenbedingungen oder aufgrund der vorgegebenen Regelungen.

Menschen in stationären Einrichtungen trafen die Folgen der Pandemie besonders hart, da es hier zusätzliche Beschränkungen gab. Für Bewohner von Heimen war das schwer auszuhalten. Sie fühlten sich klar benachteiligt, obgleich dort versucht wurde, zusätzliches Programm anzubieten.

Lesen Sie auch: Bei den Zahlen geht es drunter und drüber: Wann kommt der Lockdown für die Region Rosenheim?

Belastet die Diskussion um das Impfen die Menschen?

Wenzler: Mit großer Besorgnis beobachten wir, wie zwischen Geimpften und Nichtgeimpften tiefe Gräben entstehen. Für einige Klienten ist das sehr belastend, da derzeit durch viele Kontakte und Beziehungen eine richtiggehende Impftrennlinie verläuft. Das Vereinfachen und Verdichten des Themas Impfen in Form einer Art Schwarz-Weiß-Betrachtung führt zu erhöhten Belastungen und Vereinsamung.

Manche unserer Klienten haben aufgrund ihrer psychischen Erkrankung einen sehr belasteten Umgang mit Medikamenten. Zudem erlebten sie, wie schnell eine Erkrankung zur Ausgrenzung führen kann, was wiederum Ängste und Misstrauen fördert. Solche Wirkmuster erschweren den Gesundungsprozess. Dabei war die Hoffnung groß, dass schon bald eine Rückkehr ins gewohnte soziale Umfeld möglich ist. Jetzt ist die weitere Entwicklung wieder unklar. Zudem haben manche Angst vor einem möglichen erneuten Lockdown, während andere wiederum Ängste entwickeln, weil bisher keine derartige Maßnahmen ergriffen wurden. Alle zusammen erleben die momentane Situation jedoch sehr angespannt.

Lesen Sie auch: Eine Impfskeptikerin fragt – Experten antworten

Für uns Fachkräfte ist es wichtig, mehr miteinander zu sprechen und stärker zu differenzieren, anstatt Schuld zuzuweisen. In diesem Sinne sind zur Beratung sowohl Geimpfte als auch Nichtgeimpfte herzlich eingeladen.

Abschließend möchte ich mich bei allen Klienten bedanken, die uns auch in schwierigen Zeiten weiter Vertrauen entgegenbringen und bei allen Mitarbeitenden für ihr Durchhaltevermögen und Engagement in dieser herausfordernden Zeit.“

Kommentare